38. CARLOFORTE und die "Dienstleister"

EPISODEN IN EINER STADT AM SÜDENDE SARDINIENS

Die „Dienstleister“- oder „wer wo wem was hilft!“

Gerdi am Sonntag, 14.August 2011

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Wir liegen gerade für 1 Nacht vor Anker in der Sandstrand-Bucht Porto Pino, südl. v. Carloforte,der Ostwind pfeift und schüttelt die EOS und wirft nervöse Wellen auf die sonst türkisblaugrüne See…Unser Blick geht auf eine ausgedehnte Sanddüne! Traumhaft gestern der Sonnenuntergang, die Rindfleischbrühe (mit Ossobuco, „Beinscheiben“ ganz frisch vom Metzger) und der Aufgang des Vollmondes über dem oberen Saum der rötlich-golden schimmernden Düne war zauberhaft. Bella Sardegna!

1. DIE KUNST ZU LEBEN – auf Sardiniens Süd-Spitze
Früh am Morgen segelten wir zurück zur Stadt CARLOFORTE…
Samstagmorgen. 10 Uhr früh. Der Schuster „Niki“ ist noch nicht fertig mit der Näh-Hand-Arbeit an unserem im Starkwind gerissenen Genua-Vorsegel.
Er braucht 5 neue Nadeln, und nochmals 3 Stunden für die vielen Stiche…Stoff und Faden hat Gerhard schon gestern abend in diversen kleinen Läden gesucht und gefunden:-)

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Zeit zum Bummeln durch die Gassen. Wochenende. Urlaubszeit. Sommerfreude.
Unter 4 ausladenden Gummibäumen plaudern auf der großen Piazza die Einheimischen auf schattigen Rundbänken, 10 Meter Durchmesser im Rund: Muttis mit ihren Babies, stillend, stolze Papas mit Buggies, aber auch ganz betagte, auch Rollstuhl-Leute. Wunderbar, diese Aufnahme in die Gemeinschaft, auch im hohen Alter.

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Auch für uns heißt es mal:Zeit für eine stille Stunde im Café…!
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Wo die Sonne auf die Stühle scheint, sitzt kaum einer. Aber in den Cafés auf der schattigen Seite der Gassen ist kaum ein Platz frei! Menschen jeden Alters genießen unter Bäumen und Schirmen den Morgen, man begrüßt sich mit 3-fachem Wangenkuß, bestellt einen süßen, goldgelben „Vin‘ Santo“, einen „Caffè corretto“(mit einem Schuss Grappa), einen „Caffè ristretto“ (Espresso, besonders stark) oder einen mit schaumiger Milch, den „Caffè macchiato“, meist mit einem warmen braunen Cornetto dazu auf die Hand (Croissant mit Aprikosen-Marmelade).
Die Bedienungen sind gerade am Morgen ausgesprochen liebenswürdig! Ohne sie ginge das gar nicht, dieses Hinsetzen und alles kommt von selbst, dieses kleine Glück am Morgen, vor der Hitze…Grazie …

DIENST-LEISTER“ –  ein so wichtiger Beruf, egal in welcher Branche. Erika hat uns das mal so schön erklärt: „Er muß dem Kunden/Gast jeden Wunsch von den Augen ablesen und immer lächeln, gute Laune machen, der Gast soll sich wohl-fühlen!„…Ich fühle mich auch wohl: bei einem Stand an der Lungomare fand ich ein Kleidchen in froschgrün, reines kühlendes Leinen, mit Häkelpasse am kleinen Ausschnitt, made in Italy. Der Verkäufer war ein ca. 18 jähriger schlanker „ganz schwarzer“ Junge. „Sono Tedesca! E tu?“ Erstaunt guckt er mich an. Wohl selten fragt ihn, den Dienstleister, den einfachen Verkäufer, ein Kunde nach seiner so fernen Heimat.
 „ Io???  Sono di SENEGAL!“ Vom „Bauch“ an der Westküste, im oberen Drittel von Afrika. Im Süden von  Mauretaniens riesigen Wüsten. „Do you feel homesick?“hake ich nach. Ein fast wehmütiges Lächeln huscht über das Gesicht… „Oooh….YES, I do….!“

2. Episode:
Die fesche Servier-Dame im „Due Palmi“

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Schon am Abend wurden wir so reiz-voll bedient von der attraktiven Dame in der Pizzeria „Due Palmi“ am Hafen, unter Palmen. Sie war bezaubernd, südländisch, schlank, sportliche Figur, Kurzhaarschnitt, und mit einem wundervollen sonoren tiefen Timbre in der Stimme, wow! Ich bestellte mir Muscheln, Gerhard eine „Pizza quadro stagioni“, und ich korrigierte die Aussprache schmunzelnd, da es ja sinn-entstellend ist mit „tz“… Da erklärt sie dem Signore äußerst charmant, daß es nicht „stazioni“ mit z (Bahnhaltestelle) heißt sondern Sta-dsch-ioni mit stimmhaften dsch!
Die Muscheln schmeckten köstlich…

3. Episode:
Der singende Schuster und das Segel 

In der Via Napoli fand Gerhard am Vorabend in einer schmalen Gasse jenen Schuster, der „auch Segel flickt“. Er braucht Segeltuch, Faden, Nadeln. Also fragt sich der Skipper durch von Stoffladen zu Handarbeitsgeschäft, zum Heimwerker- u. Haushaltwarenladen…Er bringt dem alten Mann, Niki, alles hin, und der schätzt mal so 8-9 Stunden Handstichelei….Welch markantes Gesicht. Wie Charles AZNAVOUR…Ob er auch so gut singt? Die titel der Oldies und Ohrwürmer auf einer Zeitungskopie an der Wand der Werkstatt deuten es an…

Wir laufen aus und segeln mit gutem Wind hinüber zur Insel Isola Piana, grillen Spieße mit Zwiebeln, roter Paprika u. Schweinefleisch, erleben vor Anker um Mitternacht ein brillantes Feuerwerk am Gegenufer…An Geld mangelte es den Veranstaltern nicht, 30 Minuten vom Feinsten. Auftakt zu der 3-tägigen Fiesta, FERRAGOSTA, Mariä Himmelfahrt. In den Kirchen von Carloforte waren die Altäre mit weißen unzähligen Lilien geschmückt, deren Duft so betörend ist.

Der Flickschuster nähte am Abend  die Nacht, er nähte früh um 10 immer noch…“Quando finito??“

„Mezzogiorno. Dodici + trenta minuti!“
Niki sitzt auf der engen Gasse gegenüber von seiner kleinen Werkstatt, die 12 Meter lange, störrische Genua hat er vor sich als weißen Haufen, und er näht Stich für Stich, erst die gerissene Naht, dann näht er einen meterlangen 15 cm breitenStoffstreifen über das abgerissene Achterliek. Er hat zuerst dieSegeltuchstreifen aufgeklebt, wie ein Verband :-), danach stichelt er mit Vorstichen…. Jetzt tut ihm sicher die Näh-Hand enorm weh!!! Eine anstrengende, einseitige Belastung! In seiner Werkstatt mit den Schuhen hängen an der Wand Zeitungsausschnitte, wo er mit dem Mikrofon in der Hand steht und Canzone singt, teils wohl selbst erdachte, aber auch Ohrwürmer wie „Ramona“, „Marina“, „Amore“, Qu’è sera,sera? Capri u.a. Ich singe einige Lieder an und er „begleitet“ mich mit seiner kraftvollen wundervollen Tenorstimme. Ein Hochgenuß!
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Nach unsrer gemütlichen Café-Pause ist das Segel um 1 fertig! Zu dritt breiten wir das Riesendreieck in ganzer Größe auf der Gasse aus, die Autos müssen kurz warten, legen die 15m-Bahn zu Dritteln in Bahnen und klappen alles wie eine Ziehharmonika zusammen, bis es in den Segelsack 1,20 x 50 passt. „Quanto costa, Signor?“ – Pause. „Aaaah, cento Euro!“ Molto lavoro !!! Dieci ore!“
„Capito! – Va bene!“ Ein Handschlag, eine herzliche Umarmung, bacio, bacio!

4. Episode:

 SCHUH-MACHERIN à la mode: ESPADRILLOS in Handarbeit

In direkter Nachbarschaft zum Schuh-Flicker hat eine ganz junge Schuh-Handwerkerin ihre Werkstatt. Man wählt aus dem Regal die passenden Schuh-Sohlen, geht zu den Bändern, Riemchen, Knöpfen, Schleifen, Blüten und Perlen in allen Farben und wählt nach Laune oder Farbton des Sommerkleides aus. Auch für kleine Signorinas gibt es viele Accessoires.

 Dann reicht man das Gewünschte an die Leder-Bastlerin, und schon beginnt sie die kunstfertige Arbeit. Sie stanzt Löcher oder Schlitze in das cm-dicke naturbelassene Leder, fädelt die Riemen ein, befestigt sie, schmückt sie nun nach Wunsch, setzt Blumen oder Schleifen, Perlen oder Holzstückchen, Korallen oder Knöpfe auf, bunt und fröhlich. Jedes Latschenpaar ein handgefertigtes Unikat aus Leder (biologisch) …

5. Episode: SMUTJE AN BORD

GERDI , DIE  SUPPEN-KÖCHIN 

Wir bummeln durch Carloforte auf der Suche nach einem Metzger. Eng sind die Gäßchen, mal bloß 1 Meter schmal, und düster! Manchmal steckt ein Brief ganz sonderbar senkrecht in einem winzigen Schlitz zwischen Haustür und Mauerwerk! 1x ist erklärt, wie das funktioniert und ich fotografiere es: „Posta“! Einfach in den Schlitz in die Wohnung schieben. Geht aber nur bei einem einfachen Brief und Postkarten. Originelle Idee.

Bei einer versteckten Macelleria kaufe ich 2 Scheiben Ochsenbein, Ossobuco mit Knochen, für eine Rindfleischbrühe. In einem mit Waren vollgestopften, südländischen Negozio finde ich statt Brot die letzten Panini(Brötchen), kleine „Crema caramella“, frischen Salbei, saftige Pfefferminze(die Sardinier machen Pesto damit,  zum Fisch! Ich mach Pfannküchlein)
Ich entdecke versteckten Rosmarin, Zitronen mit Ast und Blättern, Prezz`émolo= Petersilie, das allerletzte Sträußchen heute!…(vor den 3 lande
sweiten nationalen Feiertagen müssen alle Frauen wie bei uns an an Weihnachten für 3-4 Tage und meist ein Festessen mit Verwandten einkaufen. An der Wurst- u. Käsetheke zieht man eine Nummer und stellt sich an, bis man aufgerufen wird. Ruhe, geduldiges Warten. Die Bedienung ist freundlich, die Leute fröhlich. Man plaudert. Ein Nachbarschafts-Treffpunkt.
Draußen Sonnenschein, viele Autos heute, Parkplatzsuche, Roller…Badehandtuch über der Schulter, Wasserflasche leger in der Hand…

 Volle Cafés, Gedränge auf den Boulevards mit den hübsch dekorierten Läden, den Gioielli (Juwellieren) mit der großen Auswahl an Korallenschmuck, den Souvenirshops mit handgeflochtenen sardischen Korbwaren und handbemalter Keramik. Urlauber und Einheimische mischen sich.Wir laufen zum Kai, wo die EOS längsseits schaukelt. Und dann nütze ich den milden Seegang und koche meine (von der ganzen Familie gerühmte typische MAMA-Rindfleisch-Suppe, auch eine Art „Dienstleistung“

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MEIN REZEPT:

Knapp 2 l Wasser
1 Tl Salz, 2 Brühwürfel Biorind oder WELA-paste
1 Tl Zucker
2 mit 3 Nelken gespickte Zwiebeln, geschält, im ganzen
3 Knoblauchzehen
1/2 Zitrone im ganzen
2 gr. Lorbeerblätter
1 Strauß frischen Salbei
8 Basilikum-Blätter
1 Zweig Rosmarin
6 Wacholderkörner
6 Korianderkörner
8 Pfefferkörner, schwarz
1 Msp Chili-Samen
Muskat, gerieben
etwas Kurkuma oder Safran zum Gelbfärben
2 Eßl Worcestersauce
1 Tl Balsamico-Essig
Origano od. Majoran
4 Kirschtomaten, 1/4 rote Paprika(oder Karotten)
1-2 Kartoffeln in Würfeln
Selleriegrün?
1/2 Tasse Olivenöl
1 Tasse  feinen Weißwein

1.Behutsam das Wasser mit den Gewürzen zum Kochen bringen.
2.Vorsichtig die 2 dicken Scheiben Ossobuco vom Rind oder Kalb einlegen.

Im Drucktopf auf Stufe 2 in 35 Min. butterzart und deftig im Geschmack.

Mittags setzen wir Segel und verlassen den Transit-Platz längsseits am Kai. Wir segeln mit gutem Wind und Schräglage flott (mit für die EOS‘ max. 6 kn!) – nur mit Groß und „kleiner“ Fock – wieder Richtung Süden und um die Insel Antioco herum zur großen Sandbucht Porto Pino. Eine helle Düne, türkisblaues Meer.Strandleben. Musik. Motorboote, die fullspeed um uns herumdüsen.
Wir verspeisen die feine Suppe und im Mondschein gibts noch die Karamel-Crème!!!
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Als die Suppe fertig ist, sinkt rot der Sonnenball ins Meer bei der Vogelinsel…und aus der Düne erhebt sich der riesige gelbe Vollmond. Ich muß schon ein wenig resolut sein, damit Gerhard 1/3 der Fleischbrühe auch wirklich übrig läßt 🙂 für den nächsten Tag! Als Dessert gibt es im Mondenschein Crème Caramel! Savoir vivre auf der EOS ! 

Meteo meldet weiterhin Mistral, 4-6, also starke Nordwinde. Da ändern wir unsren Plan: statt der West-Küste nun eben doch die Ost-Küste hoch !

Ab 23 Uhr lebhafte Urlaubsstimmung mit Musik für die Jugend an Land. Bis um 3 früh.

PS: Nachts um 23 Uhr SMS von Erika: „Wow, Oslo.was für eine Stadt! Sonne,18°C noch um 9 abends, Vollmond überm Hafen, junge internationale Menschen, endlos viele Bars. Oslo beeindruckt.“
Das freut uns. Auch wenn die Jotunheimen-Tour wohl mal privat gewandert werden „muß“…

Ein Kommentar zu „38. CARLOFORTE und die "Dienstleister"

  1. Wieder sch??ne Berichte. Wieder ein Bisschen das ruhige Leben im S??den mit genossen. Hier in "Zentraleuropa" ist alles etwas hektischer. Auch am Sonntag. Ist halt so in den K??pfen, dieser Drang zur Produktivit??t. Kein Wunder, wenn ein geringeres WirtschaftsWACHSTUM schon als halbe Katastrophe gehandelt wird…Bei dem Rezept bekomme ich richtig Lust. Muss wohl diese Woche mal zum Metzger.Gute Weiterreise Euch Seglern!Gr????e aus Thun,Jo 🙂

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