Ich blicke zurück. Teil 2, vom Schwarzen Meer bis Korfu

Nach 80 Tagen im Fluss: Endlich wieder im Salzwasser. Vollkommen andere Eindrücke erwarten uns. Die nahe Natur im Donaudelta weicht zurück, Meer bis zum Horizont umfängt uns, Delfine überholen uns. Wir folgen nicht mehr den Biegungen des Stromes, sondern setzen die Kurse in gerader Linie ab. Der Windbericht im Internet wird zur wichtigen Informationsquelle.

Sulina. Noch einige Meilen weisen uns Seezeichen den Weg ins tiefe Wasser, dann ersetzen wir den gewundenen Kurs auf dem Strom durch  die gerade Linie zum nächsten Wegpunkt. Das Land zeigt sich noch als schmaler Streifen, dann umfängt uns die Nacht. Nach Mitternacht weisen uns Bojen und das GPS den Weg in den Sportboothafen von Constanta. Wieder eine Stadt der großen Gegensätze. Dort das schöne Zentrum mit bunten Häusern, der Promenade, den eleganten Cafés, gepflegten Boulevards, Läden. Nicht weit entfernt das Haus mit den bewohnten Zimmern hinter zerbrochenen Scheiben. Der riesige Industriehafen mit einem kilometerlangen Steindamm und den vielen meist verrosteten Kränen… Das ehemalige reich verzierte prachtvolle Casino, jetzt dem Verfall preisgegeben.

Nach Mangalia verlassen wir Rumänien. Der freundliche Zollbeamte, der lieber Pilot geworden wäre und Modellschiffe baut, klariert uns aus. Steilufer begleitet uns. Baltchik laufen wir bei Nacht an. Wir fahren im Hafen hin und her und finden den Zoll nicht. Er versteckt sich hinter einem Frachtschiff und wir belegen mehr schlecht als recht unter dessen Bug. Dann Varna. Die erste Dusche nach Wochen, ein Jazzkonzert live im Hafen. Irgendwie gleichen sich die Städte. Schöne Zentren, weniger schönes Umfeld. Aber alle Leute sind auch hier freundlich zu uns. Und ich kaufe beste nicht rostende Gestänge und Beschläge für unser Bimini zu sehr günstigem Preis. Leider haben die kleinen Madenschrauben alle Zollgewinde. Aber das merke ich erst viel später. Kleine Hüpfer bis Sarevo. Der Hafen mit einer Waschmaschine und schlechtem Wetterbericht. Übermorgen Starkwindfront! Noch am gleichen Abend klarieren wir aus. Die Zollbeamtin weist uns eindringlich darauf hin, dass wir nun in 1 1/2 Stunden den Hafen verlassen müssen. Sie würde es auf dem Radar überwachen. Sehen wir wirklich so gefährlich aus? Nachtfahrt, bis 3 Uhr Gerdi, dann ich an der Pinne. Die Wellen nehmen zu, werden höher..schöner Wind, schönes Segeln im Mondschein. Fischerboote lassen kein Gleichmaß aufkommen. Dauernd wechseln sie ihre Kurse und zwingen zu hoher Aufmerksamkeit. Am Morgen dann in der Ferne der Einschnitt zwischen 2 Hügeln und die hohen Pylone einer künftigen Brücke.  Die Türkei: Der Bosporus. Das Schwarze Meer liegt hinter uns. Anker ab! Wir setzen die gelbe Flagge zum Zeichen, dass wir uns noch nicht im neuen Land angemeldet  und einklariert haben.  Wir sollten das in Istanbul tun. Das kostet dort aber mehrere Hundert Euro, man muss einen Agenten zur Hilfe nehmen. Da warten wir lieber bis Canakkale. Die Fahrt durch den Bosporus, ein Erlebnis! Viel Natur zuerst, dann nach dem zweiten Flussknie das Häusermeer von Istanbul! Auf allen Hügeln Hochhäuser, Villen im alten Stil, aber auch Türme aus Glas. Und überall spitze Minarette und die Kuppeln der Moscheen. Die beiden weltberühmten mächtigen Hängebrücken.  So winzig sind wir unter ihnen. Schiffe rings um uns, Fähren, Frachtschiffe, Sportboote, aus allen Richtungen, in alle Richtungen. Unsere Augen sind überall. Eine Bucht vor dem Stadion in Fenerbahce wird unser Ankerplatz. Den Segler-Hafen daneben dürfen wir nicht anlaufen ohne uns den Behörden vor zu stellen. Tags darauf Regen, stürmisch, Riß im Großsegel, also retour und flicken…

Das Marmarameer. Wir wählen die Westseite. EOS schlängelt sich durch ein Gebiet von 70 ankernden Frachtschiffen. Den Flughafen steuern Flieger aufgereiht wie an einer Perlenkette an. Überaus lebhaft, diese Gegend. Erst nach 50 Seemeilen wird die hügelige Gegend ländlich.Auf der östlichen Seite im Dunst die Marmarainsel. Wir haben sie mit EOS schon 2010 besucht.

Wir fädeln uns in den Trichter der Dardanellen ein. 8 Knoten unter Segeln? Kann das sein? Ein kräftiger Strom unterstützt uns. In Canakkale: Früher haben wir die Wanderung vom Hafenmeister, zur Polizei, zum Zoll, und zur Gesundheitsbehörde genossen. Freundliche Beamte, Wartezeiten wurden mit einem Glas Tee überbrückt. Geht nicht mehr. Jetzt händigen wir Personal- und Schiffspapiere einem Agenten aus und bekommen sie anderntags gegen Kostenerstattung zurück. Wir streichen die gelbe Flagge und streifen die nächsten Tage durch die quirlige Stadt. Kleine Läden, winzige Lokale, Frisöre, Buchläden, fahrende Händler und immer wieder der Ruf des Muezzins. Die nächste Moschee ist nie weit entfernt. Ich erinnere mich an das Essen in einem Kebab Salonu. Der Chef begleitet uns zum Tisch, bringt die Speisekarte, empfielt dies und das, ruft den Köchen unsere Wünsche zu und im Nu steht das Essen vor uns. Daheim wäre uns so eine eilige, fast unterwürfige Bedienung unangenehm. Geschäftstüchtig. Wir essen mehr als vorgesehen.

Der Trichter der Dardanellen öffnet sich, vor uns liegt die Insel Bozcaada. Blumenprächtig aber sehr windig, auch hinter der Mole unruhig. Früh um 5 Anker auf! Es ist eisig kalt, Mütze, Ölzeug,..! Von Bucht zu Bucht tingeln wir südwärts. Eine windige Nacht in einer Bucht vor Ajvalik, eine stürmische bei Foca, wo wir 4 Tage am Anker zittern im Starkwind. Einen Abstecher zu den nahen griechischen Inseln streichen wir. Seit dem Flüchtlingsstrom dulden das die Türken nicht mehr. Der Luxushafen von Cesme bietet Ruhe. und komfortablen Aufenthalt. Weiter steuern wir EOS südwärts, bis nach Marmaris. Wunderbare Reisetage in einer wunderbaren Gegend.

Wir entschließen uns, EOS in Bozburun zu überwintern und bei dieser Gelegenheit unser undichtes Deck zu erneuern. Mitte Oktober begleite ich Gerdi zum Flughafen. Sie fliegt heim und ich bleibe noch, um bei der Erneuerung des Teakdecks zu helfen. EOS steht in einer Halle und um sie herrscht Chaos. Nail und Mustafa, die beiden Handwerker widmen sich mit ganzer Kraft der Arbeit. Ich tauche in eine andere Welt ein.  Keine Ordnung, keine Normen, dafür Fröhlichkeit und Arbeit ohne Stress… Um mich Gulets. Diese großen hölzernen Lastensegler, jetzt Touristenschiffe mit Kabinen, werden hier gebaut und repariert. Alles ohne Plan (aber nicht planlos) und mit einfachen Hilfsmitteln und viel Handarbeit. Ist der Kiel eines größeren Schiffes fertig, wird eine Ziege geschächtet, gebraten und gemeinsam verspeist. Ich fühle mich wohl bei diesen freundlichen Menschen. Es bleibt viel Zeit für Wanderungen in dieser felsigen grünen Gegend. Schade, dass das Ergebnis nicht unseren Wünschen entspricht. Das Deck erweist sich später als nicht dicht. (2015+16  müssen wir je 6 Monate lang eindringendes Salzwasser im Boot „managen“).

Anfang Mai 2015 kommen Gerdi und ich wieder nach Bozburun. EOS wird am 22. Mai auf rustikale Art mit Transportwagen und Vorderlader und Tauchern ins Wasser geschoben. Leider stellen wir fest, dass der Motor nicht rund läuft. Alle drei Einspritzpumpen sind defekt. Die Ersatzteile müssen in Istanbul bestellt werden. So bleiben uns beiden noch einige Tage vor Anker in dieser schönen und sicheren Bucht. Wir nutzen sie für Ausflüge in den Ort, die Umgebung und einer Busfahrt nach Marmaris.

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Motormann Tunc

Am 12. Juni sind alle Arbeiten erledigt, wir lichten den Anker und bereisen die Türkei in Richtung Osten und dann wieder westwärts bis Turgutreis, unserem letzten türkischen Hafen. Auch wenn manches nicht so lief, wie wir es uns wünschten, es waren wunderbare gemeinsame Tage in einem zauberhaften Land bei freundlichen Leuten.

Nur einige Seemeilen entfernt zeigt sich Kalymnos als erste griechische Insel. Wir steuern sie am 5. Juli an. Die kahlen Berge, die weiß-blauen Kirchlein und die blau-weiß gestreifte Landesflagge, auch die ruhige Gelassenheit der Menschen dort spricht uns an. Wir schlagen ein neues Kapitel unserer Reise auf. Griechenland. Sorgenkind im EU-Land. Wir werden aber auch mit dem Problem der Flüchtlinge konfrontiert. Sie übernachten an den Stränden der Stadt…Syrer, Afrikaner, viele Frauen und Kinder. Das Polizeigebäude ist umgeben von Schlauchbooten und der Garten ist voller  Flüchtlinge. In Vathi, einer schmalen  Felsen-Bucht, sehen wir, wie eines der überfüllten, defekten Schlauchboote von Fischern früh am Morgen- mit Frauen und kleinen Kindern- in die Bucht geschleppt wird. Am Dorfplatz ca. 100 Menschen…Wir begegnen ihnen wieder und sie fragen unseren Autofahrer nach dem Weg zur Registrierungsstelle, 15 km Fußmarsch. Unser nur griechisch sprechender „Fahrer“ lädt uns zu seiner Gärtnerei ein und beschenkt uns mit selbst geernteten Früchten und Obst, einfach so.

Jetzt führt uns unsere Reise westwärts zu der kleinen, wasserlosen Insel Levitha mitten in der Ägäis. Dort, weitab jeder anderen Besiedlung, betreibt eine Familie einen Bauernhof mit Schafen. Man hat in der Bucht Ankerbojen ausgelegt und lädt die Seefahrer zum Festmachen und Abendessen ein. Der heftige „ewige“ Meltemi hat uns voll im Griff. Schon hierher ging’s nur mit stark gerefften Segeln und Motorhilfe, immer voll gegenan. Der Meltemi gewährt uns nur 1x eine Windpause zur Überfahrt nach Naxos, um dann mächtig aufzufrischen. Es heult in hohen Tönen im Rigg, aber der Anker hält. An Weiterfahren ist nicht zu denken. Sollen wir durch die Meerenge zwischen Naxos und Paros schon im Morgengrauen starten, bevor uns der Meltemi erkennt? Schon am Ausgang unserer Bucht sehen wir die weißen Schaumkronen vor uns. Gegen Wind und hohe Wellen geht’s nur mit Motor. Die kurzen Wellen mag EOS gar nicht. Das Deck ist ständig überspült, die Wogen rauschen ans Heck, dass es dort aussieht wie in einer Badewanne. Meerwasser tropft durchs Deck, sammelt sich im Salon unten in der Bilge, schwappt im Seegang über den Teppich.hoch, spült in die Topffächer. Eos hüpft wie ein Pferdchen. Schon am Vormittag drehen wir ab und verziehen uns in eine Bucht. Anderntags gleiches Spiel. Kein Wunder, zwischen den hohen Bergen auf Naxos und Paros strömt der Wind wie durch eine Düse. Erst am Ausgang der Enge lässt er leicht nach. Der Hafen von Naxos Stadt ist überfüllt, also ankern wir. MICRO EOS bringt uns an Land und in die Stadt. Rüber zur Insel Paros haben wir wenigstens halben Wind. In der Bucht von Paros Stadt ankern wir, spechten aber nach einem geschützteren Platz hinter der kleinen Mole. Als ein Segler den Hafen verlässt, nehmen wir schnell seinen Platz ein. Tatsächlich frischt der Wind wieder stark auf, wir liegen aber sicher. Jetzt zahlt sich unser Zeitpolster als Rentner wieder aus. Wir mieten ein Auto und erkunden die Insel. Schmale, kurvenreiche Straßen, kleine Orte und ein Kloster hoch oben auf dem Berg. Weiß-blau gestrichen, mit weitem Blick auf Meer und Land. Es stürmt tagelang. Haben wir eigentlich nicht viel Zeit? Klar! Der Katamaran bringt uns durch gischtige See in Rasefahrt zurück nach Naxos. Auch hier steigen wir aufs Mietauto um, einem Citroen am Ende seines Autolebens. Wieder wunderbar, übers Land zu cruisen. Wir kommen raus aus der Wasserperspektive und tauchen in die Vogelperspektive ein.

Die Überfahrt nach Serifos lässt sich gut an. Aber im Tagesverlauf nimmt der Wind wieder zu und heult am Ankerplatz. So können wir unsere EOS nicht verlassen. Weiß und aufgewühlt das Meer. Am nächsten Morgen um 5 lässt der Wind etwas nach, ein einziger Segler verlässt den kleinen Hafen, wir gehen Anker auf und nehmen seinen Platz hinter der Mole ein. Helfende Hände ergreifen die Leinen, Anker brauchen wir nicht, ist eh immer Nordwind! Steil zieht sich der malerische Ort den Berg hoch bis zur Spitze. Natürlich besuchen wir ihn. Kein Auto kann die engen Gassen befahren, nur der Bus bringt einen hinauf. Esel transportieren die Lasten. Ich unternehme am ftühen Morgen eine Wanderung auf alten, historischen Pfaden. Die Natur auf einer Insel erschließt sich erst zu Fuß. Wunderbar, so hoch oben durch die Gegend zu streifen. Dann hört der Spaß auf, ich verliere den Weg, gerate in steiles Urwaldgelände und kann mich nur mit Mühe auf die andere Seite eines Tälchens vorarbeiten. Aber dann geht’s wieder herrlich weiter.

Jetzt hat der Wind seine Kraft verloren. Bei Stille motoren wir nach Kythnos, der baum-armen Insel. Wer nennt diesen kahlen Steinfelsen nur seine Heimat? Aber wie gesagt, Schönes erschließt sich erst vor Ort. Die letzte Fahrt zum Festland: Spiegelglatte See!! Es kommt dichter Nebel auf und nimmt jede Sicht.Von der winzigen Insel Georgios sehen wir nur den Gipfel. Um uns brummt es: große Schiffe sind in der Nähe, wir sehen sie aber nicht. Hoffentlich sehen sie unseren Radarreflektor. Geisterhaft taucht ein Containerschiff auf um gleich darauf wieder vom Nebel verschluckt zu werden. In Poros bleiben wir 3 Tage. Die vergangenen Windtage waren nicht ganz einfach. Wir hoffen, nach Wochen jetzt die Starkwindzone verlassen zu haben.

Bucht für Bucht richten wir den Kurs westwärts in Richtung Kanal von Korinth. Die Durchfahrt geht diesmal ganz flott. Anlegen, zahlen und mit 2 andren Schiffen fährt EOS (wie 009, aber in andrer Richtung) durch die Kanalschlucht. 3 Brücken über uns! Nach 5 Kilometern stehen wir am Westausgang des Kanals. Wir sind im Ionischen Meer. Röhrender Starkwind in der 1. Nacht am Anker. Tags plagt uns nun die Hitze: 40-43 Grad. In Patras mieten wir wieder für 2 Tage ein Auto um der Hitze in den kühlen Höhenlagen des Peloponnes zu entkommen. Daraus wird schließlich eine wunderbare Land-Woche hoch oben auf den Bergen. Eine Hotel-Nacht in Kalavrita. Schöne Orte, viel Wald, Skilifte, tiefe Schluchten, versteckte Felsen-Klöster- alles auf einsamen engen Straßen zu erreichen. Wir fühlen uns rundum wohl auch wegen der heimeligen Unterkunft in Demitsana und bei den gastfreundlichen  Griechen in Kamniza.

Krionero, Mesalongion und dann die Mündung des Acheloos. Süßwasser! MICRO EOS bringt uns einige Kilometer flußauf. Schilf rechts und links. In einer ganz einfachen Kneipe brät uns der Wirt frische Fische und serviert den guten griechischen Salat und rote Trauben. Ich reinige MICRO EOS und mich auch im Süßwasser. Süßwasser ist doch angenehmer als das kratzige salzige Wasser.

Kefalonia wird unser nächstes Ziel für ein paar Tage. Auch hier trägt uns ein Miet-Auto zwei Tage auf den Inselgipfel und kreuz und quer über die Insel. Jetzt freue ich mich auf den Ambrakischen Golf, eine fast abgeschlossene Bucht, etwa so groß wie der Bodensee. Nicht viele Segler befahren dieses abseits gelegene Gewässer. Und niemand ankert mitten auf dem See auf einer Untiefe, nur umgeben von einigen winzigen Inselchen. Der Abend wird ein Genuss. Gutes vom Heckgrill, die Abendkühle und der blutrote Sonnenuntergang. Die kleinen Wellen plätschern uns in den Schlaf.

Noch ein Fluss, der Acheron, 16° kalt. Auch ihn befahren wir mit MICRO EOS einige Kilometer aufwärts. Unberührte Natur, Libellen, Beutelmeisen-Nester. Ein Anruf am Abend: Unser 1. Enkelkind ist geboren! Große Freude! Dann entdecken wir ungebetene Gäste: kleine goldene, blitzschnelle Schaben im Schiff!- Wir nehmen den Kampf mit Sprühmittel auf und verlassen den Platz im Fluss. Das hätten wir besser nicht tun sollen. Am Ankerplatz draußen in der Bucht erwischt uns ein Gewitter gerade aus der offenen ungeschützten Seite. Bei Blitz und Donner erreicht der Wind fast Sturmstärke. Es heult im Rigg und 200 Meter hinter uns donnern die Brecher auf den Strand. Stromausfall an Land. EOS schaukelt wie wild über die Wellen von einer Seite auf die andere. Wir lassen den Motor laufen und halten uns in voller Montur in der Plicht auf. Ölzeug, Schwimmwesten, Lifebelt, Höllenlärm…Anker und Kette halten, aber die stählerne Ankerkralle  an der Kette reißt aus und ist total verbogen. Um 3 Uhr früh zieht das Unwetter ab und wir können uns auf die Kojen verziehen. Zuvor trinken wir aber noch einen Schnaps und ein Bier. Entspannen, danken.

Noch ein ruhiger Aufenthalt in einer der bei Seglern so beliebten Anker-Buchten von Sivota, dann steuern wir bei einem regenreichen Gewitter Korfu an und bringen EOS an Land. Sie steht in erster Reihe direkt am Ufer und vom Cockpit schaut man  nach Sarrande/ Albanien. Wir machen EOS winterfest. Angenehme Tage sind es noch, ausgefüllt mit etwas Arbeit.

Anfang Oktober bringt uns ein Flugzeug nach München. Nach dem Start in Korfu neigt es sich direkt über unsrer EOS in eine Kurve und bietet uns einen letzten Blick von oben auf unser Schiff, das uns schon so viele Meilen sicher über Meer und Fluss getragen hat.

 

Es folgen noch:

  • Von Korfu bis zur Rhône-Mündung
  • Auf französischen Wasserwegen ins Elsass

Rück-Blick: 1. Die Donau

 

 

 

Wehmut weil die Reise Vergangenheit ist. Freude weil wir beide sie in guter Stimmung und ohne Unfälle abschließen durften. Eine göttliche Hand hat über uns gewacht.

10 Länder hat EOS durchfahren, 2 Länder, Moldavien und die Ukraine waren uns verwehrt. Wir konnten dem Soldaten mit geschultertem Gewehr auf seinem Wachturm am ukrainischen Ufer nur vom Fluss aus zuwinken.  Sein langsames Schwenken der Hand. Welch ein trauriger Augenblick! Dann die beiden Fischer aus Moldavien in ihrem alten, kleinen Nachen, die uns Fische anboten. Freiheit, nicht überall.

Fröhlich und schnell eilt die Donau im Oberlauf. Zwischen Straubing und Deggendorf, dort, wo ihnen Wasserbauer keine Fesseln anlegen wird es ein heißer Ritt mit wenigen Zentimetern Wasser unterm Kiel, manchmal Hopser auf dem Kiesgrund. MARTINA, der Frachter aus NL, fährt vor uns und wir in seinem Kielwasser. Er hat wie wir 1,50m Tiefgang…

 

Ab dann gibt’s keinerlei Probleme mit dem Tiefgang mehr auf der Donau. Die Besenwirtschaften mit ihren Brotzeiten und dem guten Weißen waren- wenn ich zurück blicke- das Beste was wir auf der ganzen Reise zu Essen und Trinken bekommen. Einfach aber wunderbar. Ein fröhlicher Reiseabschnitt. Rainer und Günter, danke dass Ihr mich auf dem Abschnitt von Saal bis Budapest begleitet habt!

In Budapester Bahnhof Keleti löste sich Gerdi lächelnd aus der ankommenden Menschentraube. Ab jetzt sind wir beide wieder das Team. Die Donau nun schon breit und behäbig und wir mit unserer kleinen EOS dürfen sie bereisen! Mitten durch die großartige Stadt und hinaus in die Natur. Ab jetzt gibts kaum mehr Häfen. Gut so. Ankern im Strom ist viel schöner. Schlick hält den Anker exzellent, ruhige Nächte sind gesichert. Leise plätschert das Wasser an der Bordwand.

Slowakei+ Rumänien sind für uns, die wir in gut organisierten, reichen Ländern leben, arme Länder, aber die Menschen leben nicht weniger fröhlich als bei uns. Apatin, Jelen Bräu, mit den vielen Fahrrädern am Tor. Alle einfach, Torpedo-Dreigang, wie ich sie als junger Bursche gefahren habe. Die Häuser für unsere Begriffe trist und farblos. Die Menschen aber freundlich, fröhlich und hilfsbereit.

Ein Abstecher die kroatische Drau hoch nach Osijek war uns durch Missverständnisse mit dem Zoll verwehrt. Der Hafenmeister, die Zöllnerinnen und sogar das Militär halfen uns, leider erfolglos. Schließlich mussten wir beim ersten Licht des Tages wieder zurück nach Serbien „flüchten“. Unsichtbare Wände an unsichtbaren Bürotischen von misstrauischen Beamten geschaffen, schade.

Belgrad. (anclicken + lesen, Wikipedia) Wie die meisten Hauptstädte: die Zentren mächtig, das Umfeld eher dürftig. Wie bei uns sitzen die Leute in den zahlreichen Cafés. Schön herausgeputzt die jungen Mädchen. Statt in einem schnieken Hafen anzulegen, halten wir ab jetzt Ausschau nach irgendeiner passenden Anlegemöglichkeit. Ein Ponton, eine alte Schute, ein abgestelltes Schiff. Die Leute sagen dann schon, ob’s recht ist oder nicht. Man sollte allerdings immer nach Löchern im Boden oder fehlenden Stufen in Treppen Ausschau halten und beim „Gastgeber“/Ponton/vorher nach dem Preis fragen.

Der Höhepunkt: Das Eiserne Tor. Früher haben dort die Schiffer wegen der Strömung Blut geschwitzt. Flussauf mussten die Schiffe gezogen werden. Jetzt, wegen zwei mächtigen stromliefernden Staustufen, geschieht die Durchfahrt ganz relaxed. Weil wir’s doch nicht genau wissen und starker Wind aufkommt, ankern wir 3 Tage im Schutz einer Insel. Schilf, alle möglichen Vögel, 100e Kormorane, abgestorbene Bäume sind unsere Nachbarn. Danke lieber Wind: Wir rasteten in an einer paradiesischen Insel in unberührter Natur, mit wildem Gewitter….

Natürlich ist die Durchfahrt zwischen senkrechten Felswänden ein Erlebnis. Und das Schleusen in den riesigen Kammern auch. 300m lang, 40m breit. Ab jetzt darf die Donau fließen, wo sie will. Grüne und rote Bojen, oft kilometerweit entfernt, weisen die Fahrrinne.  Wir ankern meist. Fischer kommen längseits, Begegnungen mit netten Menschen. Warum wurde uns zu Hause berichtet, man dürfe nur im Pulk die untere Donau befahren und müsse sich vor dem Ankern hüten, der diebischen Leute wegen? Nichts, aber auch gar nichts stimmte.

Bukarest. 40° Hitze. Wir möchten die Stadt besuchen. In einem Seitenarm bei Giurgiu legen wir an einem der Wracks an und nehmen am anderen Tag den Kleinbus  in die Hauptstadt. Prachtstraßen, Glaspaläste weltumspannender Firmen, Hochhäuser im Zentrum. Höhepunkt das „Haus des Volkes“. Gigantisch, es sprengt alle Maße. Stein gewordener Wahnsinn eines Politikers. Wieder zurück zum Wrack. Abendessen in einem benachbarten Restaurantschiff. Der alte Kellner verdient 150 Euro im Monat. Auch wenn alles nur halb so teuer ist wie bei uns, das ist ein Hungerlohn.

Als wollte die Donau nicht zum Schwarzen Meer, wendet sie sich nach Norden. Hügel begleiten sie, Kirchtürme mit geschwungenen, blauen goldglänzenden Kuppeln, Pferdegespanne, schwere, geteerte Ruderkähne begegnen uns. Wir ankern und besuchen mit MICRO EOS ein Lipowaner-Dorf. Nur freundliche Leute, Gerdi singt mit ihnen russische Lieder. Der junge Pfarrer erzählt über die Dorfgeschichte. Wegen ihres Glaubens vom Zaren aus Russland vertrieben siedelten sie hier. Wir laden die Buben aufs Schiff ein. Sie benutzen es als Sprungbrett und ich darf ihren schweren Kahn rudern. Schöne Zigeuner-Pferde sind am Ufer angebunden. Weiße Gänse schnattern…Friede überall.

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Cernavoda. Im Handelshafen legen wir wieder an einem Wrack an. Vorsichtig  gehen, Löcher im Boden, Rost überall.  Plattenbauten, die Bewohner sitzen auf wackeligen Schemeln vor den Häusern. Arm, ich möchte da nicht fotografieren. Aber ein Mitarbeiter der „Werft“ fährt uns kreuz und quer in die Stadt, um  eine Dichtungsmasse fürs Deck zu finden. Überaus freundliche Menschen, aber sehr arm, wenn wir der Maßstab sind.

Braila, Galati, große Städte, sie werden von Seeschiffen angesteuert. Irgendwelche Pontons zum Anlegen. Das schaut ganz einfach aus. Auf gleicher Höhe das Ponton gegen die Strömung schräg anfahren. Klappt auch immer bis zum letzten Meter. Dann kehrt sich manchmal der Strom um und vorbei ist der Anleger. Auf ein neues in umgekehrter Richtung. Ab jetzt keine Brücke mehr. Wir können den Mast stellen. Leider steht kein kleiner Kran zur Verfügung. Es gibt keine Infrastruktur für solch kleine Boote. Schließlich stellt ein 100-Tonnen-Schwimmkran in Galati bei der Navron-Werft  ganz feinfühlig unseren Mast. 3 Leute arbeiten, 5 beobachten und geben Tipps. Jetzt begegnen wir Seeschiffen, die bis Braila die Donau hochfahren.

Ukraine: Wachtürme begleiten das Ufer. Die meisten verrostet und offensichtlich ungenutzt. Auf einem ein Soldat mit geschultertem Gewehr. Bewegungslos sieht er zu uns. Ich winke. Er winkt zurück. Was mag er denken? Sieht er in uns einen Feind? Ist er traurig, weil ihm das andere Ufer verschlossen bleibt? Reni, der große ukrainische Hafen bleibt uns verschlossen, weil kein Einklarierungshafen. Nun teilt sich die Donau. Der linke, Chilia-Arm würde uns in die Ukraine führen. Die politische Situation veranlasst uns aber, den Sulina-Arm zu befahren. Ihn nutzen auch die Frachtschiffe.

Wir sind im Donau-Delta. Auf beiden Seiten Urwald. Tulcea, die quirlige Stadt am großen Donaubogen.Delta-Touristik wird angeboten. EOS schaukelt in der „Marina“, Marina ist übertrieben. Wir liegen an einem alten Ponton. Die vorbeifahrenden Schiffe lassen EOS arg schaukeln. Vom Hügel nebenan bietet sich ein weiter Blick aufs Delta. Bäume, Wasser, und ganz im Hintergrund das Schwarze Meer. Noch einmal teilt sich die Donau. Der Svântu-Gheorghe-Arm ließe uns aber wegen einer Sandbarre nicht ins Schwarze Meer. So fahren wir weiter auf dem künstlichen, eingedeichten, geraden Sulina-Arm. Bei Crisan zweigt die Alte Donau ab.

Wir folgen ihr bis „Mila 23“. Der Einfachheit halber hat man Orte mit der km-Entfernung zum Meer gekennzeichnet. Wie üblich, Leinen fest wo es geht und niemand etwas dagegen hat. Winzige, blau gestrichene Holz-Häuser -und immer mit Gärten davor- säumen das Ufer. Storchennester auf jeder Laterne. Gemüse kaufen wir von einer Bäuerin über den Zaun. Der russisch-orthodoxe Gottesdienst in der kleinen Kirche nimmt kein Ende.  Besucherzahl. Fünf mit uns. MICRO-EOS, unser Schlauchboot, trägt uns auf einen der vielen Seen mit glasklarem Wasser und Seerosen. Wunderbar, sich treiben zu lassen und zu beobachten, welche Vielfalt an Fauna und Flora in diesem Reich unter der Wasseroberfläche und knapp darüber zu sehen ist. Reiher, Kranich, Enten, und andere Wasservögel halten sich auf Distanz. In Crisan essen wir vorzüglich Fischsuppe und Fischspezialitäten und buchen mit zwei Rumänen (Hermannstadt)  einen Ausflug nach Lethea, einem kleinem Lipowaner-Dorf.

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Mit höchster Geschwindigkeit und übler Lautstärke rast der Kahn durch die engen Kanäle. Vögel fliegen weit vor uns auf. Das Schilf wiegt sich kräftig in der Bugwelle. Diese Art der Besichtigung passt ganz und gar nicht zu dieser ruhigen, friedlichen Landschaft. Das Dorf versteckt sich zwischen dem Schilf. Diese, aus russischen Gebieten vertriebenen altläubigen, orthodoxen Christen fanden in diesem unwegsamen Gebiet ihren Frieden und leben heute noch ohne Technik und Fernseher, ohne Waschmaschine oder Elektroherd. Man kocht und räuchert im Freien, mit Holz….

Der Wind bläst sehr kräftig aus Osten. Ein- und Ausfahrt in den Donaustrom sind geschlossen. Seeschiffe ankern im Fluss. Wir verziehen uns zwischen Schilf und lassen den Wind über uns heulen. Fischer holen ihren Fang ein und schenken uns drei Hechte. Das Wasser ist klar und badewarm. Auch dieser Starkwind legt sich und wir brechen nach Sulina auf. Den dicht belegten Kai müssen wir plötzlich nach einem Tag wechseln, weil ein Seeschiff zum Einklarieren anlegt. Sulina, die Stadt am Ende der Donau, keine Straße führt dort hin. Die Promenade säumen schöne Häuser. Dahinter zeigt sich bittere Armut, ein verkommenes Altenheim…Nach der dritten Straße nur noch Schilf. Der Kahn hinter uns ist mit Melonen voll beladen. Die beiden Männer verkaufen direkt vom Schiff und schlafen auf den Früchten. Am Morgen ist alles verkauft. Auch hier überprüft ein wohl uniformierter Beamte unsere Papiere. Fast wie eine Zeremonie. Mit einer Verbeugung lädt er mich ein, Platz zu nehmen. Würdevoll lächelnd bereitet er ein Formblatt vor und ruft die passende Seite auf dem Bildschirm auf. Das dauert und ich bin fasziniert. Schließlich setzt er einen Stempel und seine Unterschrift unter die Papiere. Auch ich bereite unseren EOS-Schiffsstempel vor und ziere die Papiere ebenso. Mit einem Handschlag überreicht er mir die Unterlagen. Ein Erlebnis der besonderen, einfachen Art. Auch Beamtenstuben haben etwas zu bieten. Am Ufer steht  die Kilometerzahl „0“. Im Laufe der Zeit hat sich die Donau aber immer weiter ins Schwarze Meer vorgeschoben. Diese letzten Seemeilen nehmen wir am 8. September 2014 ganz früh am Morgen unter den Kiel. Als roter Ball steigt die Sonne hoch. Kurz vor der Mündung zeigt sich beim Leuchtturm unser erster und einziger Pelikan. Und dann: Das Wasser beginnt zu pulsieren! Die Meeresdünung erreicht uns. Wir haben das Schwarzen Meer nach 2500 km und 80 Tagen erreicht. Brandung, Seegang, Salzwasser, Meer.- und 3 Delphine!

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„Ich blicke zurück“. Es folgen noch:

  • Vom Schwarzen Meer nach Korfu
  • Von Korfu zur Rhônemündung
  • Von der Rhônemündung zum Bodensee