Bozburun, das Ende der Träume?

Bozburun, das Ende der Träume?

Bozburun liegt auf der Halbinsel mit gleichem Namen, dort hört die asphaltierte Straße auf. Es geht noch ein paar Kilometer die Schotterstraße weiter, dann ist Schluss. 9 km über dem Meer beginnt Europa mit der griechischen Insel Simi.

Wir anken in der schönen großen Bucht vor  dem Hafen. Beim Einkaufen sehe ich mich auf einmal mehreren Polizisten mit Maschinengewehren und einer Reihe von Bussen gegenüber. Völlig ungewöhnlich an diesem friedlichen Ort. Ein Segelboot, kein Seelenverkäufer, mit 50 Migranten wurde von der Coastguard aufgebracht und hierher zurückgebracht. Da sitzen sie nun in den Bussen, still, traurig. Was mögen sie denken. Nur noch 9 km fehlen bis ans Ziel Europa. Sehr viel Geld bezahlt, eine lange ungewisse Reise hinter sich, umsonst, zumindest vorläufig.

Das „Schleppen“ hat sich zu einem Geschäft entwickelt mit einem eigenen Netz der Kontakte. Die Kapitäne der Schiffe seien international, auch hier, Türken, Engländer, Deutsche. 2000 bis 5000€ zahlt ein Flüchtling alleine für die Überfahrt. Ein hervorragendes Geschäft für den Kapitän, wenn’s klappt. Wenn nicht, stehen der Schiffsverlust und eine mehrjährige Gefängnisstrafe in Aussicht. Nail erzählt mir beinahe jeden Tag, wo wieder ein Schiff aufgebracht wurde: In Selimiye, in Orhaniye. Aber es seien die wenigsten, deren Reise in einer nächtlichen, stillen Bucht beginnt –  aber nicht am Ziel endet. Der Traum ist die EU! Jetzt ist mir auch klar warum mir an diesem ländlichen Ort so viele Polizisten und Uniformen auffallen. So enden im beschaulichen Bozburun  nicht nur die Wege, sondern auch viele Träume.

EOS steht in der Werft ca. 6 km weit weg vom Dorf, von senkrechten Pfählen gehalten und unter Dach. Draußen stehen lauter große Gulets, unter anderem die „LADY SOVEREIGN II“, auch ein ehemaliges Boot für illegale Geschäfte in dunkler Nacht. Die Handwerker machen Ihre Sache gut, aber der Werft selbst mangelt es gewaltig an Ordnung und Sauberkeit. In unmittelbarer Nachbarschaft ist eine riesige, saubere Halle entstanden.

Hier drinnen entsteht das größte hölzerne Segelschiff der Welt

Nail möchte dort das Holz für EOS‘ Teak -Deck kaufen, weil es trockener sei, als das aus Istanbul. Der Bootsbauer dort lädt mich zu einem Rundgang ein. Das größte hölzerne Segelboot ist hier im Entstehen, 158m lang und daneben zwei weitere, kleinere. Welch eine Arbeit! Geländer so dick wie ein Menschenkörper. Keine Schäftung ist zu erkennen. Die Kajüte: ein Traum in Holz, allerfeinste Arbeit, innen unvorstellbarer Luxus. Hier waren wohl nur die allerbesten Profis am Werk, Edel-Handwerker. Der Bootsbauer zeigt seinen Stolz. Allein der Bau der leeren Halle hat 12 Millionen Euro gekostet. Über den Preis der Schiffe schweigt er. Fotografieren nicht erlaubt. So öffnet sich mir ein kurzer Blick in die andere Welt der überaus Reichen. Der Haken an der Sache: Es ist zu still in der Halle, nur 2 Arbeitern begegne ich. Diese Werft hat eine russische Gesellschaft gebaut, wie ich einem Zeitungsartikel entnehme. Alle 3 Schiffe wurden von schwer-reichen Ukrainern in Auftrag gegeben. Jetzt stockt die Bezahlung, wie man sagt, wegen der Kriegswirren dort. Darum wird derzeit nicht weiter gearbeitet. Die ursprüngliche Aufbruchsstimmung ist verraucht. Viele Fachleute wurden entlassen. Vielleicht geht es nach einiger Zeit wieder weiter. Vielleicht ist aber auch hier der Traum für die Arbeiter der Werft zu Ende.

Alle Träume enden irgendwann. Wir aber hoffen, dass das Werk von Nail und Mehmet gelingt und wir unseren Traum von einem weiteren Sommer mit EOS auf dem Meer fortsetzen können.

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