35. STERNEN-ZAUBER AUF SEE…48 Stunden Überfahrt nach Sardinien

Gerdi, nachts zwischen 1. und 2. August 2011  

 

Um 9 Uhr früh starteten wir vor der Lava-Küste der Insel mitten im Meer, USTICA. Kurs 270 °.
Nun geht es nach Westen. Und „nie mehr“ nach SÜDEN  !!

 

 

Wenn man so lange völlig alleine auf dem Meer schwimmt und in der hohen Dünung schwoit, wenn der Blick ausnahmslos ewig weit über die Wasserfläche geistert, auf der es keinen einzigen Punkt gibt, kein Schiff, keine leere Wasserflasche, nur 3 Riesen-Schildkröten, die uns neugierig beäugen, torkelnd im Seegang, dann rückt man ab von der Welt der Landbewohner, der Alltagspflichten, der Tagesschau, kein Auto, nur noch blinkende Flugzeuge in der Nacht…und das endlose Sternenzelt.

 

Lohn_der_ersten_12_std

 

Ein sanfter roter Sonnenuntergang (beim Reis-Käse-Mortadella-Tomaten-Oliven-Salat ) abends um halbneun, dann Vorbereitung auf die Nachtfahrt: Schwimmweste,^McMurdo, das Notsignallicht prüfen, das man im Notfall einem Über-Bord-Gegangenen samt ohnmachtssicherer kragen-ähnlichem Rettungsring nachwirft… Den eignen Lifebelt, (der an der selbstaufblasbaren Schwimmweste hängt), einklinken in das Rund-um-die-Eos-Stahlseil, Stirnlampe, MP3-Player, 1/2 l Wasser für die lange Nacht…mein Buch.

 

Gerhard legt sich um 10 nach der akribischen Navigationsarbeit in die Koje. Meine Wache wird friedlich, der angekündigte 3-4er Wind bleibt aus. Schade. Nur das Groß ist hochgezogen als Stützsegel in der Dünung. Wie bei der Nachtfahrt in der großen ital. Bucht von Taranto stöpsele ich die gute Jazz-Musik in die Ohren, die mir Erika vor 3 J. aufgespielt hat. So höre ich das ratternde ewige laute Motorengeräusch unsres zuverlässigen, braven VOLVO nur noch gedämpft.

 

Sternklar…Un-beschreiblich.

 

Bei NEUMOND ist die Nacht überm Meer, das 2-3 km tief ist, so un-glaublich dunkel! Die Abermillionen Sterne leuchten viel heller als sonst, es sind auch viel viel mehr als je gesehen.

 

Die MILCHSTRASSE ist in voller Länge zu sehen. Ein gespannter Bogen zu beiden Seiten des Schiffs. Sie sieht tatsächlich so aus wie verschüttete Milch ! Kein Berggipfel engt sie ein (wie auf der Arflina vor der Ski-Hütte), kein Inselkap grenzt ihre Breite ein. Ein Zauber. Sie „bewegt sich“!!! Sie zieht sich wie ein Schal nach oben, sinkt drüben, wird versetzt nach Westen, zum Bug hin…Stundenlang bestaune ich das Schauspiel.
In meinem Lieblingssternbild, dem SKORPION mit dem goldgelben, hellen Leitstern ANTARES, tauchen bei dieser tiefschwarzen Finsternis ganz „neue“ Sterne auf. Schräg unter dem 2. und 3. Stern des rechten Bogens…
Hinter mir erhebt sich fast zum Erschrecken plötzlich wie eine Pergamenttüte über einer Kerzenflamme groß und mächtig der sonst so schüchterne Sternenhaufen der Plejaden aus dem schwarzen Meer und spiegelt sich sogleich darauf!!!…Wo vorher gar kein Stern zu sehen war.

 

Auch der helle JUPITER beschert mir beim Ausguck nach Schiffslichtern einen kurzen Schrecken: wo kommt denn dieses helle Top-Licht auf einmal her??? Aber als ich das Fernglas hole, steigt das Licht wie von Riesenhand gehoben bereits hoch in den Himmel, mit einer Lichtgasse auf dem Meer als wäre es ein Mond…Kein Schiff. Kein Ufo…
Der GROSSE WAGEN hing bei Einbruch der Dunkelheit schräg am Himmel, die Deichsel nach links oben, Richtung Milchstraße. Im Laufe der Nacht „saß“ er dann fast waagrecht mit den Rädern über der Kimm, um dann gegen 2 oder 3 sein Hinterende anzuheben nach oben rechts, um erneut „schräg“ über dem Meer zu „schweben“…Geheimnisvoll. Erstaunlich…Ich male mir in Gedanken eine Linie unter seine Bahn…und summe gedankenverloren das uralte Gospel meiner Chorzeit mit Doris: „SWING LOW, SWEET CHARIOT, coming for to carry me home….“
Im Ende der daneben sich über die kaum zu erkennende Kimm nach oben „ziehende“ Milchstraße leuchtet nun das große mächtige W, meine Initiale als geborene Wagner-Tochter. Die CASSIOPEJA.

 

Und über mir das Dreigestirn des ORION.
 Schade, daß ich mir keine weiteren Sternbilder angeeignet habe in all den durchwachten Nächten meines 6 Dekaden langen Lebens. Die Nachtwanderungen mit Vati in Leutershausen, wo wir auf dem warmen Asphalt am Rücken lagen, den Blick in den Himmel. Die sternhellen Nächte vor Gibraltar 1973 bei meiner ersten VW-Bus-Reise, Tarifa, Südspitze Spaniens, Kroatientörns, auch im Winter! Die Schweden-Norwegen-Reisen, die Korsika-Umsegelung Aug.’80,die Hochzeitsreise im Faltboot 81 auf der Krka in Kroatien, die Familientörns 83-91 auf der Adria, die Wohnmobilreisen in Schweden+Norwegen und die Ostseeküste bis vor Polen, diese 3 Halbjahres-Segeltörns….

 

Es ist bei den unzählbar vielen, blitzlichthellen STERNSCHNUPPEN fast, als flöge man durchs Weltall. Der große Weltraum ist dicht „besiedelt“ von Sternen, die vor Urzeiten bereits erloschen und vergangen sind. In den Galaxien sausen sie oft wie die glänzenden Messer der Messerwerfer im Zirkus oder Varieté waagrecht, 1 Sek. lang, über den Himmel, eine helle Bahn. Andere explodieren mit einem Riesenpunkt, daß man meint, es stürzt ein Jumbo ab. Gespenstisch auch die senkrecht oder schräg über den Himmel flitzenden langen Schweife Richtung Meer….bevor sie verglühen…lautlos…gespenstisch allemal.

 

Man sitzt als Wach-Habender 4-5 Stunden angeleint im Cockpit, mutterseelenallein, und man darf NICHT EINSCHLAFEN !! Der Zweite schläft ja innen in seiner „Freiwache“und verläßt sich 100%ig auf den Partner. Das GPS-Display leuchtet mit seinen kleinen 5×4 cm matt bläulich. Am Heck leuchten die Farben rot und gelb von der deutschen Flagge auf, sonst nur Finsternis. Bei wenig Wind spiegeln sich die Sterne wie
Irrlichter auf dem Meer, tanzen, verschwimmen…Der Schaum der Bugwelle glitzert neben einem weiß auf. Springt ein DELPHIN 2 Meter neben mir hoch, so kichert er frech und quietscht laut vor Vergnügen, wie bei einer Begrüßung, silberhell der weiße Bauch, grau die spitze Schnauze mit dem lachenden Auge…Es hört sich an wie wenn wir als Kinder mit dem Daumennagel über den Kamm „ratschten“ als Rhythmus zum Singen. Wie Musik.

 

Gerhard prüft um 3 nachts den Standort. Alles ok. Nochmal 24 Stunden….Einsam. Nur 1 Segler, in der Gegenrichtung. Ich weiche aus, könnt‘ ja sein, daß es ein „einsamer Wolf“ ist, so ein Skipper ohne Crew, die schlafen immer 30 min. , dann klingelt der programmierte Wecker, kurzer Ausguck, weiterschlafen…Man kann ja nie wissen, in welcher Phase er grad ist…!

 

Nachts_auf_der_uberfahrt

 

Dann löst mich der Kapitän der EOS ab. „Gut gemacht. Dankeschön.“  „Gute Wache, bis um 8…!“
Der im Meteo angekündigte Wind kam nicht. Motooooooren. Ich schlafe bei offnem Luk und Gerhard genießt nun lauter neue Sternschnuppen…

 

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PS: Die Eos erreichte nach fast 400 km auf offnem Meer in der Nacht um 3 die Südspitze von SARDINIEN: CAPO CARBONARA. Glückliche Ankunft, der Anker fällt auf 5m Wassertiefe in der riesigen Badebucht mit dem tags türkisgrün leuchtenden Wasser, wie wir es von 2009 im Juni in Erininnerung haben…

 

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Nur 1 Motoryacht ankert. Der starke helle Strahl des Leuchtturms, auf den ich seit 21 Uhr 30 Seemeilen lang zugefahren bin, wirft seinen kreisenden Lichtarm über uns. Ein Grappa, ein Glückwunsch, eine Umarmung. Ab in die Koje. Schlafen.

 

 

Beim Frühstück um 9 Wind, Wellen, türkisblaues Meer auf Sandgrund, am goldnen Strand erste Sonnenhungrige. In Deutschland hat es seit Tagen kalte 12-15°, Regen, Heizung an….

 

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