40. Mit dem Zug ins Gebirge

EOS bleibt noch einen Tag im Hafen von Arbatax und wir kaufen Fahrkarten für den Zug nach Sadali, mitten in Sardinien. Es ist ein „Grüner Zug“, so eine Art Museumseisenbahn, aber mit 150 km Streckenlänge. Schmalspur 945mm, miteinander verschraubte Schienen. Sieht man dem Schienenstrang entlang, sehe ich: Er verläuft etwas krumm.

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Unser Dieseltriebwagen rattert und holpert sich anfangs durch die Ebene von Arbatrax, vorbei an ausgetrocknetem, braunem Gestrüpp, Büschen, mächtigen Kakteen und bizarren, glatten, ockerbraunen Granitfelsen. Dann beginnt er sich hochzuschrauben, Hafen und Meer ziehen sich im Dunst zurück. Ich habe den Eindruck, das Schienenband besteht nur aus Kurven. Dann der erste Halt. Der einzige Wagen füllt sich – ausschließlich mit italienischen Touristen, vielen Kindern – . Ein lustiges, fröhliches Völkchen. Sieht man über die Köpfe der Reisenden, dann bewegen sie sich alle im Takt der Schienenstöße. Rattatat – rattatat – Rattatat.

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Wir sind schon mitten im Gebirge, unter uns bebautes Land, Wald, getrennt durch breite Brandschneisen. Gelegentlich ein überraschend großer Ort. Welcher Arbeit gehen die Leute dort in dieser abgeschiedenen Region nach? Der Dieseltriebwagen hält zum Tankstop. Wir vertreten uns etwas die Füße. Ein Pfiff vom Signalhorn ruft uns zurück. Größere Straßen, die den Schienenstrang queren, sichern Posten durch eine Kette über die Straße.

Jetzt haben wir den ersten Bergkamm erreicht, 830m Höhe. nur niederes Gestrüpp, magere Rinder und Pferde weiden. Hinter einer Kurve steht eines auf den Schienen. Schnellbremsung, Pfiff. Das Tier flüchtet. Vor einem Tunnel ein Rollerfahrer auf einem engen Pfad neben den Gleisen für die Streckengeher. Eine Abkürzung durch den Tunnel?

Ein Ort auf der anderen Talseite. Unser Zug fährt vorbei, nein, er fährt kilometerlang das Tal auf der Höhenlinie aus, um in den Ort zurückzukehren. Keine ortsansässigen nutzen die Eisenbahn. Zu langsam. Auto und Bus haben sie abgelöst. Vor langer Zeit war diese mühsam gebaute, überaus kurvenreich in die Landschaft geschnittene Strecke, die einzige Verbindung für Menschen und Waren. Schön, dass man sie erhält, wenn auch nur im Sommer für die Gäste der Insel. Ein Halt an einem zur Bar umgebauten Wärterhaus. Ein paar Minuten aussteigen, einen Kaffee trinken, einsteigen.

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Die Gegend wird jetzt wild, vollkommen bewaldet, hohe mächtige Felswände, gelegentlich eine Schotterpiste, tiefe Täler, keine Orte. Ein guter Versteck für böse (Maffia)Buben? Über steinerne Bogenbrücken, durch kurze Tunnels, eine enge Kurve nach der anderen. Alle paar Kilometer ein Streckenhäuschen, jetzt unnötig und dem Verfall preis gegeben. Dann geht das Felsengebirge in eine hügelige Hochebene über. Das wilde Schaukeln geht in ein gleichmäßiges Rattern über.

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Wir sind nach 3 Stunden und etwa 120km am Ziel: Sadali. Ein kleiner Ort, „der seine Identität sucht“ wie auf einer Tafel erklärt wird. An den Häusern hängen Bilder der früheren Bewohner in ihrer Tracht. Liebevoll gestaltete Straßenschilder aus Keramik weisen die Wege. Schöne alte Häuser am Hang. Wasserreich. Ein kleiner Wasserfall stürzt über bemoosten glatten Fels, eine Klamm , in der das Bächlein verschwindet sind die Attraktionen. Ein abgeschiedener Ort, der versucht, seine Schönheiten ins rechte Licht zu rücken. „Des klingt doch deutsch!“ hören wir 2 junge Frauen sagen. Sie sind aus Stuttgart und auf Besuch bei Ihrer Schwester mit ihrem Mann und den 5 Kindern, die die Liebe hierher verschlagen hat. Nette Leute.

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15:40 Uhr Rückfahrt. Die Fahrgäste sind jetzt nicht mehr so lebhaft. Müde, alles an der Strecke schon gesehen, man döst etwas. 38°C im Wagon. Jetzt, talab, legt der Zug noch einen Zahn zu, wildes Geschaukel. Ob er sich noch auf den Schienen hält? Vor mancher Kurve, spränge er jetzt aus den Schienen, ging´s direkt in den Abgrund. Eine dritte Schiene an diesen Kurven würde ihn aber zumindest auf dem Gleisbett halten. Wild schaukeln die Fahrgäste auf ihren Sitzen. Dem Lokführer steht nur ein dünn gepolsterter, kleiner Notsitz zur Verfügung. Kein rückenschonender Arbeitsplatz! Immer wieder nehmen Fahrgäste neben dem Führer Platz, um die Strecke mit seiner Sicht zu sehen. Filmkameras surren. Noch einmal den Fahrtwind am geöffneten Fensterschlitz und die einmalige Landschaft genießen.

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Ein Halt an einer Quelle am Rande der Gleise. Aussteigen, Flaschen
mit kaltem, gutem Wasser füllen. Endlos zieht sich die Fahrt hin, bis endlich weit unten der Hafen am Meer sichtbar wird. Dann noch fast eine Stunde: Dann läuft unser Zug in den Bahnhof von Arbatax auf 3m Meereshöhe ein.

PS: von Gerdi: Ich war begeistert von diesem wundervollen Tagesausflug ins „Cuore di Sardegna“, das Herz von Sardinien – unvergeßlich schön!

2 Kommentare zu „40. Mit dem Zug ins Gebirge

  1. Text und Bilder lassen auf ein tolles Abenteuer schlie??en. Wirklich sch??n, dass sie es irgendwie schaffen diese Bahn fit zu halten. Und, dass es noch solche D??rfer gibt, die "ihre Identit??t" suchen anstatt einfach zu verfallen.Den Gedanken "was arbeiten die Leute hier" habe ich auch oft wenn ich abgelegene D??rfer sehe. Auch hier in der Schweiz wo doch eigentlich nichts wirklich abgelegen ist.Und ich denke mir, dass es dank der wachsenden Vernetzung immer besser m??glich w??re solche Orte wieder zu beleben. Wie es wohl w??re nur zwei Tage der Woche im B??ro alles zu erledigen was nur von Angesicht zu Angesicht geht und den Rest der Woche nur per Netzwerk mit dem B??ro verbunden zu sein…?Gru??,Joachim 🙂

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