Ein ganz normaler Tag im Fluss

 GERDI

Die Ankerkette knarrt, die EOS krallt sich hinter der Spitze einer schmalen bewaldeten Flußinsel fest. Ein Pirol ruft im Laubgewirr. Dann quietscht vertraut die Badeleiter am Heck: Gerhard badet, 1 Hand an der Leitersprosse, 1 Hand zum Waschen, die Strömung rauscht am Körper vorbei. Ich klettere aus der Bugkoje, nehme das Mahagonidreieck mit dem Matratzenkeil aus der Mitte, öffne das Bug-Luk über mir, hänge an Bändseln mein Kopfkissen in den Morgenwind. 7 Uhr. Die Zudecke habe ich mit langen Bändseln versehen, damit ich sie irgendwo aufhängen kann zum Lüften. Baden am Heck, Gh. Kriecht mit Schaufel und Besen im Salon und kehrt die Brösel auf, wir haben keinen Staubsauger. Dann zischt der Petroleunkocher, Gh. Kocht jeden Morgen 1 l Grüntee und filtert für mich 1 Tasse Kaffee. Tischdecken, Weißbrot, Margarine, Marmelade, nur Sonntags 1 weiches Ei. Frühstücksroutine.Abspülen. Alle feuchten Tücher an der Reling zum Trocknen anklammern, das Bettzeug verstauen, Sonnenbrille auf, die digitale Karte (Tablet)  und das GPS-Gerät(Standortangabe, Geschwindigkeit, zurückgelegte km)  vor dem Steuermann fixieren, papierne Flußkarte neben den Steuerplatz legen, Fernglas dazu, Foto auch.

Eintrag ins Logbuch: Anker auf um 8 Uhr…“Bist du klar? Dann starte den Motor!“ Der Käptn holt mit der seit heuer elektr.Ankerwinsch den (neuen)24 kg-Ankerhoch, mehr als die Norm vorgibt, am Meer wog er 16 kg. Kräftig Gas geben und schon lege ich die Pinne um, denn vor Anker guckt der Bug immer „zurück“ in die Donau, denn das Schiff wird von der Strömung zurückgetrieben, wohl 5,5 kmh! Schneller als ich beim Walking!

Die Arbeit an der Pinne geht pro Steuermann je 1 Std., dann Ruderwechsel. Man guckt ständig nach den grünen und roten Bojen, auch Wracks sind nur mit einer kleinen roten Tonne gekennzeichnet. Am Ufer zwischen den Büschen sieht man weiße km-Schilder, mit km-Zahl (so weit bis zum Delta). Kontrolle mit Donau-Buch, Flußkarten (elektronisch v. „Doris“, die handgetippte und hand“gemalte“ ist von einem belgischen Flußkapitän.

Bug-Luk üb.meinem Bett, undichter Lüfter (1125x1500)

10 Uhr. Inzwischen widmet sich Gh. dem undichten Bug-Luk, bei dem es reinregnet überm Bett: Mit Schraubenzieher und Feingefühl –erst Zerlegen, dann Zusammenschrauben von außen. Er soll ja nur Luft durchlassen…J. Dann ist Gh dran am Ruder. Ich soll den gesamten Kleiderschrank ausräumen, damit er im Schrank den undichten ehem. Absaugstutzen vom Fäkalientank an Deck abschrauben und dichten kann. Immer 8 Kleiderbügel binde ich mit Seil zusammen. Als hinterm Clo alles ausgeräumt ist (auch 3 Schirme, Feuerlöscher, Schuhputzzeug, 2 Nähzeugdosen, Putzmittel, Fettlöser, Schmierseife „hausen“ hier!)- kann ich alles mit Sagrotan u. Neutralseife auswischen. Das weitet sich aus in einem Generalputz für Ledersofas, Messinglampen, Holzleisten und Boden, alles staubig nach 2 Tagen.

Gh baut den alten Absaugstutzen v.Bodenseebetrieb aus (1125x1500) Kühlschrank Bj.2013 defekt,Gemüse in Dosen... (1125x1500)

11 Uhr früh ist eine spezielle Zeit: Captain’s hour= mit 1 cm Schnaps stoßen wir an auf weiterhin gute Fahrt am Fluß. Ruderwechsel. Nun kann der Ingenieur seine Feinarbeit fortsetzen, mit Schraubenzieher, Schmirgelpapier zum Säubern, Aceton, Fett für die Verschraubung…und v.a. Sicaflex, denn die klebrige schwarze Dichtmasse soll ihr Wunderwerk tun!

13 Uhr. Mittagessen: Gh bekommt grünen Tee, ich mach mir immer 1 Kanne Wasser mit 8 Scheibchen frischem Ingwer am Morgen. Dazu Apfel, Nektarinen, 8 Zwieback mit Marmelade: der Zwieback ist noch von der Rhône-Heimfahrt im Okt.2011! Fundsache, noch gut Ich wasche in der Schüssel Frottée, Gh’s rote Bermuda muß gebürstet werden, ein verschwitztes Hemd wandert in duftende Neutralseifenlauge, gespült wird in Donauwasser. Bedacht den Platz zum Trocknen wählen und alles windfest anklammern. Gerhard schreibt Emails an Freunde daheim.

Kurz vor 15 Uhr: Ich mache jedem 1 Tasse Nescafé, dazu 6 Kekse des jeweiligen Landes, immer eine Überraschung… Noch die 20 Kleiderbügel zurück in den hoffentlich regendichten Schrank! Ruderwechsel. Gh. sucht auf der Karte eine Möglichkeit zum Anlegen. Leider ist alles von Schuten und Schleppern belegt am Hafen von Oreahovo. Der 1. Schlepper mit deutscher Flagge hinter den arbeitenden Riesenkränen am bulgarischen Ufer. Leider keiner an Bord, wir funken vergeblich auf Navigationskanal 16. Also weiter, trotz der 6 Stunden Tagespensum. Wir müssen sehr wachsam an einer vom Hochwasser total überspülten „Platte“ vorbeisteuern und an der roten Tonne, an der lapidar in der Flußkarte „Wrack“ steht…

Leo schleppt (1500x1125)

16 Uhr: Ganz nah führt nun die Fahrrinne ans rumänische Ufer. Dort lockt uns eine schmale Flußinsel, in einen Nebenarm der Donau einzufahren. Durch das Hochwasser ist die Wassertiefe leider nicht 4-6 m, sondern 9-12. Starke Strömung! Die Steilufer mit unterspültem Wurzelwerk, die Weiden tief im Wasser, teils der Naturdamm ausgespült, wie damals an der fränkischen Schwarzach, wo Vati uns das Schwimmen beibrachte!! Überall gefallene Bäume, die Stämme fast versunken oder wie Skelette aus dem Strom ragend, winkend und schaukelnd…

Die Strömung um mich rauscht wie ein Wasserfall (1500x1125)

17 Uhr. Sorgfältig tasten wir beide Ufer ab, keine Chance, nur in der Mitte findet sich eine Stelle mit weniger als 8m: 6m WT.Anker ab! Ordentlicher Eintrag ins Bordbuch. Insel Papadia. Fluß-Kilometer 664 (rund 650 km zum Delta), 80 km Tagesstrecke in 9 Stunden, durchschnittl. Geschwindigkeit 11 kmh.

 Wie viele km wohl die Ukraine-Kohleschiffe fahren am Tag? Heute grüßten uns 4 Schubverbände unter ukrainischer Flagge. Eines heißt Dnjeprpetrovsk, sicher mit Kohle aus dem Doneszkbecken…wir haen seit Budapest vor 4 Wochen keine politischen Nachrichten mehr vernommen. Flußschifferglück!

Inzw. Haben wir die bulgarische Gastflagge gesetzt am Bug. Wir wechseln ständig die Staaten auf dem internationalen Gewässer! Gerhard setzt sich gleich an den PC, Fotos hochladen. Ich flicke sein Poloshirt, die Faserpelzjacke, einen Aufhänger am Geschirrtuch, einen Bikiniträger. Alles sofort wieder an seinen Platz, das A und O einer Fluß- und Segelfahrt!!! Wind kommt auf, ich verstaute inzw. alle Gemüse in Dosen, denn der Kühlschrank funktioniert nicht mehr. Butter, Milch Krautkopf, Bier, Wein, alles wandert wie früher (1980-2006) unter die Bodenbretter über die Bilge. Da hat es statt 33°C nur 25°C…

Inzwischen hab ich meine Fotos, die Gh auf den PC hochgeladen hat, beschriftet, diesen Blogartikel in das Notebook getippt, sitze im Cockpit im anrauschenden Gewitterwind, trinke 1/8 warmes BierL und überlege, was ich heute koche. Gh. wird gleich das Moskitonetz über Sprayhood und Cockkpit spannen, beschwert mit Holzklötzen auf dem Teakdeck, eines der allerwichtigsten Schutz-Utensilien am Fluß! Kaum sinkt die Sonne, kommen Miriaden von Plagegeistern, Schnaken aller Rassen, blutrünstig und gemein… Autan hilft dann nicht mehr!!! Sie wären im Salon, wo man schlafen will, im WC, im Bug… Früh um 5 kommen die Schnaken ein 2. Mal, man wird gnadenlos wachgestochen und aus ist‘s mit Erholungsschlaf. Ich lege abends ein ringsum mit Bleiband benähtes Fliegennetz über mein waagrechtes Bug-Luk.

19 Uhr: Hunger! Was „muß weg“? Ich kontrolliere alle Vorratsdosen, ohne Kühlschrank beginnt viel schnell zu faulen. Köstlich wird der Salat aus Bauerngurke (die Kerne u. die Schale raus, bekömmlicher), kleiner Paprikaschote, 3 Tomaten, weißen jungen Zwiebeln, Dill. Dazu koche ich die Budapester Spaghetti zur Sauce Arrabiata. Gemütliches Abendessen unterm Moskitonetz im Cockpit.

20 Uhr. Wasser mit der Fußpumpe in die Spülschüssel pumpen(nicht elektrisch und nie Warmwasser, 1 ½ l maximal, wir haben zw. 40 u. 60 l an Bord, da muß man haushalten!), Haka-Neutralseife dazu (die „schafft“ auch kalt Olivenöl und Töpfe), Spülen, Abtrocknen, alles in die Schapps und Schubladen räumen- das kann ich nach 6 Jahren sogar im Dunklen.

 Die Grillen geben ein Konzert, ein Käuzchen ruft, ein Fuchs bellt… Kein einziges menschliches Licht ist zu sehen. Scheu versteckt sich sogar der Mond hinter Wolken, der Wind hat abgeflaut, aber um 1 oder 2 kann uns wie so oft ein Gewitterregen wecken. Oft gehen wir um halbzehn in die Koje, denn zu viel Strom wollen wir nicht verbrauchen. Manchmal spiele ich auf der Mundharmonika ein paar Abendlieder, z.Zt. ist fast Vollmond. Der Anker hält unsere EOS sicher, auch in der Strömung, als würden wir segeln!!! Nur die seitlich angehängte LED-Leuchte kündet von der EOS, die da mitten im Fluß ankert. Ganz still hängt sie am Anker, trotz der 5 kmh Strömung bewegt sie sich fast nicht, Gh. prüft: sie schwojt nur um 7°. Gespenstisch. Würde man ein Video drehen, sähe es aus, als wäre das Schiff in voller Fahrt…Liegt man innen in der Koje, meint man, sie parkt an Land in einem Shipyard!!

Flußleben. Meist geruhsam. Fast immer still. Auch wir Schiffer sind meistens ruhiger als daheim oder bei einem doch aufregenden Segeltörn…Selbst bei Schiffsbegegnungen winkt man nur, selten ein kurzes Hupen. Meist, wenn die Kapitäne die deutsche Flagge am Heck sehen, da sind sie schon fast vorbei gefahren. An Land winken die Angler, die Kinder sind begeistert, deutsch heißt da „Weltmeister im Fußball“. Brasilien wirkt noch nach….  GERDI

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