Ein Brief an Erika – Rückblick

Gerdi zum 21.+22.Juni

Aus Mamas Sicht: Segeln von Kalabrien nach Sizilien

Ein himmlischer Segeltag ließ uns wonnig schön von Roccela Jonico bis zu einem Ankerplatz vor einem langen Sandstrand vorm Kap segeln. Cananello: beliebt bei Wohnmobilisten, 20 stehen dort. Wir wollten grillen, aber gleich nach dem „Anker ab“ schaukelte sich die EOS in der Dünung so auf, daß daran gar nicht mehr zu denken war… Mir genügte ein Marmeladebrot, Gerhard gönnte sich sein Selbstmach-Lieblingsgericht: eine Dose Thunfisch mit viel Zwiebeln. Bald waren wir in der Koje, die EOS führte einen wilden Tanz mit mindestens 30-40° Ausschlägen nach beiden Richtungen aus… Als der Wind einschlief, wurde diese Schaukelei nur noch schlimmer. Ich machte zwar „ein Auge zu“- aber geschlafen hab ich nicht. Ich lag inzwischen quer im Vorschiff, später mit dicken Rollen mit Decke und Duschtuch neben dem Körper… keine Chance zu schlafen. Als es vor 4 Uhr sanfter wurde, kündigte Gh. im Schein des Leuchtturms vor uns an: „Ich fahr los!“ Und schon rasselte die Ankerkette. Tatsächlich konnte ich im mit Motor fahrenden nicht so stark schlingernden Schiff etwas schlafen. Um 8 Uhr sah ich gleich die weiße Wellenfront. Gh. unkte: Da kommt was auf uns zu. Jaja, die Straße von Messina, die Ungeheuer Scilla und Charybdis lauern schon!…. Statt Frühstück sprang ich ins Ölzeug, in die Gummistiefel, Südwester, Schwimmweste, Lifebelt-alles Gewohnheit, seit 40 Jahren… Ich wage es nicht zu beschreiben, welche Wellen und welcher Wind uns bis kurz vor 14 Uhr jagten… Gerhard machte ein Erinnerungs-Video, das ungefähr zeigt, was wir 5 Stunden da draußen erlebt haben.Kunstvoll sucht sich das Schiff den besten Weg durch die angreifenden hohen Wellen, die Gischt legt sich in langen Streifen auf die Wellentäler, die Kämme schneeweiß bekrönt…. Es lärmt, es tönt in der Luft wie Pfeifen. Eos rauscht mit 7 sm/h voran, ihre maximale Geschwindigkeit. Das GPS kündet: Noch 3 Stunden…!!!

Schnell legt der Wind zu, die Segel müssen zum 3. Mal verkleinert werden, das Boot krängt stark, rauscht mit der Seite durchs Wasser. Am Polster der Ledersitzbank läuft bereits wieder Salzwasser rein…bräunlich, durchs neue Deck… Beim Reffen muß ich (mit Motorhilfe) die arme EOS mitten in den Wind drehen, ein wahres Kunststück bei den hohen Wellen. Das Rollreff ist doch etwas tückisch, Gerhard kann das inzwischen aber, wenn es mir gelingt, das Boot trotz Wellen mit Hilfe des Motors zum Auf-Kurs-Halten genau im Wind zu halten, Schwerarbeit, Akkuratesse ist gefragt….bald waren beide Segel stark gerefft und die Fenster der Backbordseite blieben dank Reff knapp ÜBER den Seen. Fast chaotisch wühlte sich das Schiff durch die weißgischtige Dünung, wir konnten den erhofften Platz in einer Bucht zum Ankern nicht anlaufen. Also Kurswechsel und weiter an Taormina vorbei. Ich bete, singe in den Wind:

Herr, wir bitten, komm und segne uns,
lege auf uns deinen Frieden.
Schützend breite Hände über uns,
Rühr uns an mit deiner Kraft.

Und Gott hilft!

Vor uns der mächtige Vulkan Ätna… Nun mit achterlichen Seen, teils als Butterfly mit beidseitig ausgestellten verkleinerten Segeln…- wie gehetzt düste die EOS immer noch mit 6 kn voran. Gepeitscht von anrollenden Wogen. Kein reines Vergnügen, immer ist da die Angst, daß etwas zu Bruch geht…aber wir waren stolz auf das Boot und auch auf uns. Gegen 15 Uhr, nach 11 Stunden Segeltag, bog ich um den roten Poller mit dem Leuchtfeuer am Hafen von Riposto dell’Etna. Still das Meer, hinter der hohen Mauer keine Welle zu spüren. Ölzeug aus, ein Boot kommt und hilft uns mit Mooring und Vorleinen. Uff- geschafft. Unser Schiff liegt ausnahmsweise mal mit ähnlich kleinen Geschwistern, 31-35 Fuß(10-12m) am Ponton. Gh. verhandelt erneut für den Beitritt in die Lega Navale. Hoffnung.

Im Hafen liegen ganz große luxuriöse Motoryachten… Blau bescheinen unzählige Unterwasserlichter ihren Liegeplatz, es duftet nach Waschmaschinen und Trocknern. Die Mannschaft hat zu arbeiten, von den edlen Gästen ist nichts zu sehen in den 3-4 Etagen dieser Glanzriesen.

Soweit das Stimmungsbild, Segeln ist nicht immer nur romantisch…

Euch daheim wünsch‘ ich einen bald kommenden schönen Sommer.

Deine Mama

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