Ein Sprung nach Litauen und dann nach Lettland

Klaipeda, der quirlige Hafen: „Border Control“ schreit uns mit Lautsprecher an und möchte wissen woher, wohin, Staatsangehörigkeit. Große Seeschiffe fahren die Memel ein und aus. Wir mitten drin. Dann krächzt wieder ein Lautsprecher. Wir verstehen nur „Sailingboat stop immediately“. Vor uns rasen Schlauchboote mit aufgepflanztem Gewehr. Aha, eine Militärübung. Wir biegen ab. Die Brücke zum Hafen drehen die beiden Hafenmeister für die EOS auf Stellung „auf“. Nett hier im Zentrum im ehemaligen Wassergraben der Bastille. Die Altstadt ganz nah. Uralte, roh gepflasterte Straßen. Ein Lokal mit einheimischer Kost lockt. Gegrillter Bauch auf Kartoffelstampf, dazu Sauerkraut und Gurken. Vorher Rote-Beete-Suppe. Sehr gut.

Anderntags wieder abmelden bei der Border Control per Funk und dann nordwärts nach Liepaia in Lettland. Kaum Wind, wir bemühen den Volvo. Dann dreht der Wind auf West und wir setzen alle Segel. Jetzt können wir auch die Selbststeueranlage automatisch steuern lassen, weil das Boot ruhig liegt. Ich möchte nicht, dass er dauernd bei zu viel Seegang jede Welle auskorrigieren muss. Da sitzen wir, lesen, ich schreibe Mails für später, wenn wir wieder Empfang haben. Liepãia am Sonntag: Still, kein Frachter. Es riecht nach Holz, das hier verladen wird: Dünnes Verschleißholz und Hackschnitzel und Kohle. Vorbei an überholungsbedürftigen Fischtrawlern und Fregatten. Die Marina besteht aus einem Holzsteg, Steckdosen und einem Bürocontainer. Der freundliche Hafenmeister weist uns ein und wir besuchen die Altstadt. Ich persönlich empfinde die Stadt als schön, auch mit dem Verfall hie und da. Die Häuser strahlen etwas Heimeliges aus. Kein Protz, aber doch die Gediegenheit früherer wohlhabender Zeiten. Einige Trinkfreudige in zerlumpter Kleidung. Ich vermisse die vielen Cafés anderer Städte. Etwas Trauer liegt in der Luft. Vielleicht empfinde nur ich das  so. Zaghaft macht sich auch Neues breit. Ein Casino und Hotel in einem ehemaligen Speicher, Lofts mit viel Glas über einem Speicher am anderen Ufer und das runde gläserne Konzerthaus, sehr futuristisch. Gerade eine ärmere Stadt braucht etwas für ihre Würde. Das kennen wir schon von der Donau in Rumänien. Vier Jugendliche wollen das Schiff sehen und kommen rüber. Ohne Worte sind wir fröhlich.

Abends gibt’s Bremer Knipp, den hat Jan mitgebracht. Liegt etwas gewöhnungsbedürftig in der Pfanne, schmeckt aber gut.

Montag weiter nach Pavilosta:anfangs noch mit Motor, dann können wir gut segeln. Endlich ein netter kleiner, stiller Hafen. Die Marina ist einfach, aber hat alles, sogar Waschmaschine und Trockner. Den Fluss begleiten winzige kleine Häuser. Da wohnten mal einfache Fischer. Der Hafenmeister erzählt von den Problemen seiner Eltern zu DDR-Zeiten. Das war ja hier Grenzgebiet. Fischer durfte nur werden, wer verheiratat war und Kinder hatte. Wegen der Fluchtgefahr… Ein Kilometer des Strandes stand nur von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang zur Verfügung.

 

 

 

An Russland vorbei

 

Im „Gdanska Restauracja“ bedient ein Ober in einer Art Uniform mit Epoletten. Die Einrichtung ist in ihrer historischen Art auch aus der Zeit gefallen. Das Essen jedoch schmeckt sehr gut, ausgezeichnet. Die Suppe wird in einer beheizten Schüssel serviert. Man kann sich zum Genießen Zeit lassen.

Den Katzensprung zur Landzunge Hel zu segeln ist bei halbem Wind eine Freude. Der Wetterbericht verkündet für die Fahrt nach Klaipeda abends nachlassenden Wind mit 6 Bft. Am anderen Morgen aber herrscht seltsame Ruhe im umtriebigen Fischerhafen. Der Zöllner besucht uns und rät von einer Ausfahrt wegen 7-8 Bft ab. Deswegen bleiben auch die Fischer im Hafen. Da bleiben wir wo wir sind. Es kommt aber kein besonders starker Wind. Also noch ein Wandertag durch den Touristenort, den wunderbar weißen Strand und die alten Verteidigungseinrichtungen.

Am Vormittag darauf reisen wir nach Klaipeda. Man muss die Enklave Kaliningrad mit 12 Seemeilen Abstand runden. Wir wählen 15 Seemeilen. Mit den Russen ist nicht zu spassen. Der Wind schläft sich aus. Fast alles motoren wir. Starker Dunst mindert die Sicht, nicht aber zu den Sternen. Der Mond sinkt rotglühend in den Dunstschleier. So richtig vollkommen dunkel wird es nicht mehr. Ein schwacher heller Streifen zieht sich die ganze Nacht von Westen nach Osten. Am anderen Morgen tauchen vor der Küste Litauens geisterhaft vor Klaipeda Frachtschiffe aus dem Dunst auf und verschwinden wieder. Wir finden Platz im Hafen beim Klaipeda  Old Castle, nachdem die alte Schwenkbrücke zur Seite gefahren ist.