Wie Don Quichotte zu den Windmühlen und 20 Stunden und 100 Seemeilen Nachtfahrt

Nachtfahrt Reposaari-Utfärhamn 24./25. Juni 2019 +26.6. bis Vaasa,

Gerdi schreibt;

Zur Brotzeit gibt’s köstlichen süßsauren rosa Matjessill und Sirup aus schwarzen Johannisbeeren. Erinnerungen an unseren Urlaub im schwedischen Gartenhaus in Blekinge, im Land von Michel von Lönneberga. Zum Kaffee gibt’s nochmal das süße Juhannobrot, das nach Anis und Nelke schmeckt. Die Birken schütteln sich im Wind, aber der soll auf 4 abnehmen.

Da schlage ich vor, doch mal nach dem Abflauen des Winds noch am Abend loszusegeln und in der „Nachtfahrt im Hellen“ 15 oder 20 Stunden durch zu segeln 🙂 wie früher auf unseren Adriatörns Brindisi-Erikousa oder 2 Tage und Nächte Dubrovnik-Bar. Auch die deutsche Crew von der Vindö LILO zieht um 17 Uhr die Segel hoch. Auf geht’s. Start um 17.15 Uhr.

Nachtfahrtstart Windflügler Reposaari,23.+24.6 (5)

Windflügler

Wir schlängeln uns zwischen den vielen Windmühlen im Meer durch, die fleißig Strom erzeugen. -Eos schiebt mutig ihren Bug in Richtung der riesig hohen Säulen… Der Wind nimmt stetig zu.Wollmütze, Wolltroyer, Skiunterwäsche, Schal, Ölzeug, Schal, Fleecehandschuhe… Beide sind wir wachsam im Cockpit, Gerhard navigiert, ich steuere von Hand…viel Seegang…

Sonnenuntergang 23.50 Uhr

Nachtfahrt ab Reposaari,23.+24.6 (3)Nachtfahrt ab Reposaari,23.+24.6 (12)

Nachtfahrt ab Reposaari,23.+24.6 (1)Nachtfahrt ab Reposaari,23.+24.6 (13)

Gegen 23 Uhr färbt sich der blaue Himmel gelb und orange, auf der andren Seite ziehen graue Wolken auf, ein fast dramatisches Bild. Kalt wird’s schon ab 21 Uhr, ich bin froh, die Goretexwinterstiefel an zu haben. Die Zeit an der Pinne zieht sich, der Seegang wird immer unangenehmer. Gerhard macht Navigation, programmiert das Smartphone mit der Route. Keine Minute darf man den Blick vom Display nehmen, immer exakt dem vorgegebenen Pfeil auf der Kurslinie folgen, die Segel anpassen…Mal 22 m, dann 8, dann 4 und sogar 2 m Wasser unterm Kiel… Es singt in den Wanten und in der Großsegel-Röhre, die Logge tackert wie ein Uhrwerk, wir sind meist 5-6,3 kn schnell. Nur kurz kann ich mal nach unten, dann schicke ich Gh auf die Koje zum Ausruhen. Vor Mitternacht sende ich den Kindern das Bild von Himmel und Meer. Sonnenuntergang? Nur kurz… Die Sonne wird bald wieder aufgehen. Auf ca. 90° steigt der Halbmond aus den Landwolkenschichten, spektakulär groß. Meine Füße sind eisig kalt trotz Wollsocken und guten Stiefeln. Ich hab die erste Freiwache nach 7 Stunden und mein Schatz stellt die Dieselheizung an, das Heißluftrohr ist Balsam für meine Füße…Dann steuere ich wieder und lasse den Skipper schlafen bis um halbdrei, ein ganz flacher. Wolkenbogen spannt sich am Horizont vom Punkt des Sunsets rüber zum östlichen Punkt des Sonnenaufgangs…Gerhard steht auf und befestigt die Kardanik am Herd und klemmt den Teetopf ein. So lieb… seit 38 Jahren macht er das bei Nachtfahrten:-) Heißer Darjeeling. Mmmmh. Und ab in die Bugkoje…

Sehr unruhig schwankt die EOS um mindestens 45° nach jeder Seite, war schon das Sitzen im Cockpit anstrengend, ist es das „Liegen“ im Vorschiff erst recht. Minutenlang finde ich Schlaf. Der Seegang erschöpft auch hier… Der Wind dreht, Gh kämpft vorm Wind mit dem schlagenden Groß… Früh um halbneun muß ich mich zwingen rauszugehn an die Pinne. Tapfer erfüllt man an Bord seine Aufgaben. Um 9.48 Uhr schrieb ich auf Wire:“ Seit 17 Stunden auf Fahrt, teils 90° Ausschlag bei den Wiegebewegungen. Mir tät’s jetzt reichen…“

Nun zunehmender Wind und das Meer mit weißen Schaum-Mützen auf den Wellen, ca. 70-100 cm hoch. Wir sind bald auf der nördlichen Höhe von Alesund/ Norwegen beim Urlaub im Wohnmobil 1992. Gerhard bekommt noch Regen ab 8.45Uhr! Vorsegel bergen.

Nun also meine Wache. Ölzeug, Südwester, Lifebelt eingeklinkt…An Kaffee ist bei der Schiffsbewegung nicht zu denken. Bald beginnt die Einfädelei zwischen die roten und grünen Pricken, kaum mehr als 5 m, auch mal nur 2,5 m Wassertiefe unterm Kiel. Kein einziges Schiff unterwegs… Aufpassen… Gh hat einen kleinen sicheren Hafen angedacht, eine gelbe Autofähre zieht in dessen Nähe seine Spur. 4 wachsame Augenpaare suchen die Pricken. Wie auf einem schmalen Feldweg steuere ich unser 3 m breites Boot zwischen den Stäben in vielen engsten Kurven in einen wirklich winzigen Fischerhafen…Steinhaufen als Mole…  ein kleines Schild „Gästhamn“? Hm, aber ohne Strom, Wasser, Dusche o.ä. Platz hat nur 1 Boot, der die deutsche „Seesack“ aus Bremerhaven muß wegen mehr Tiefgang als 1,50 m raus und in den kleinen Fischerhafen vorverlegen. ADie Crew wind- und regengeschützt in einer geschlossenen Cockpit-Haube, „Kuchenbude“ nannte das Gh. früher auf der Marion.

Nach 20 ½ Stunden Leinen fest an den rostigen Ringen des Holzstegs, aber geschützt hinter den Steinwällen. Utfärdhamn heißt dieses schützende Fleckchen Hafen im Schilf. Rotweiße Holzhäuschen.  Fiskehamn.Ich steige an der Badeleiter ins 18° kalte Meer und mach mich frisch. Das Ölzeug flattert im Wind.

Nachtfahrtende um 14 Uhr, 25.6.,Udfärdhamn.JPGGottseidank, alles gut nach 100 Seemeilen Fahrt. Es gibt kleine Käsebrote und Nescafé… Und dann legen wir uns hin und schlafen ne Runde.

Zu Abend koche ich geduldig 20 Minuten rührend ein feines Risotto, gewürzt wie einen türkischen Pilav, mit Sumak, Nelke, Lorbeer, Harissa, Koriandersamen, Chili, Kardamom. Dazu rote Paprikaschote, Zwiebel, Knoblauch, Möhren, Erbsen und eine Cornedbeefdose aus Griechenland, von 2016 ;-). Wir denken an Vati, der heute 98 Jahre alt geworden wäre. So oft kochte Mutti Reis im Kiefernwald bei Wendelstein, im Knien vor dem kleinen Benzin-Campingkocher…Risotto, 25.6.Sunset Usfärdshamn 25.6 (1)Sunset Usfärdshamn 25.6 (2)Sunset Usfärdshamn 25.6 (3)

Ein zauberhafter Sonnenuntergang unter dunklen Regenwolken….

Dienstag, 26. Juni, Überfahrt nach Vaasa, 7 Stunden pricken-geleitet bis in die Marina.

 

Fast gemütlich segeln wir den Tag bis Vaasa. Ein Kohlekraftwerk grüßt und wir umfahren es, stolz wie eine Residenz präsentiert sich der ehemalige gelbe Prachtbau, heute ein Museum.

Wir gehn über die weitgespannte Straßenbrücke in die Stadt. In der Kirche probt neben einer Harfe ein Student(?) auf dem Kontrabass. Um 19.30 Uhr Konzert… das wollen wir hören. Die Wartezeit bringt eine angenehme Überraschung: eine hübsche kleine italienische Pizzeria! Wir kehren ein, bestellen eine Pizza Cappricciosa mit Carciofi, es gibt frischen Salat vorneweg… Der Mann aus Napoli teilt uns die knusprige Pizza mit dem luftigen Teigrand, lecker. Der 2. ist aus Rom. Buona sera, grazie mille….

In der Kirche viele Besucher. Als Altarbild Maria mit dem Jesuskind und anbetenden Hirten, daneben die Abendmahlsszene, aber nicht am quer stehenden langen Tisch, sondern von vorn und Jesus am Ende des Tisches, neben ihm eindeutig weiblich Mirjam! Das gäb’s in einer kath. Kirche nicht. Das Programm der noch jungen Künstlerin an der Harfe und dem jg. Mann am Kontrabass vorm Altar ist modern, mit zeitgenössischen Kompositionen, mal engelhaft zart ein Notturno, dann wird auch die Harfe mit der flachen Hand geschlagen oder am Kontrabass mit der rechten Greifhand Pizzicato gezupft, Flagolett bringt hohe Töne wie eine Geige zum Klingen. Als Krönung ertönt feierlich das Ave Maria von Bach/ Gounod. Viel Beifall von den Musiklehrern und Familien.

Danach bleibt Zeit zum Einkaufen im „Sale“- leider gibt es in diesen Supermarktläden keine Frischfleischtheke oder Brot ohne Plastikfolie vom Bäcker. Und 😉 nirgends Wäscheklammern. Haben die Finnen alle Trockner daheim? Aber ich finde das Roggenbrot in Ringform, und Quark, hier geschrieben wie man’s spricht: Kvarg –  witzig.

 

 

 

Maustomaten?? Nein, Maustamaton…. schwedisch Kvarg=Quark.

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