Martin und Lucia zu Besuch auf den Kykladen und an Bord: Vom Nicht-Planen

Als Geschäftsführer (einer von drei) einer kleinen Firma lebe ich täglich mit einer besonderen Portion Verantwortung. Um das einigermaßen im Griff zu haben müssen wir ziemlich akribisch in die Zukunft planen, keiner der zahllosen parallel laufenden Aufgaben darf in Vergessenheit geraten und nur im Ausnahmefall ist mal irgend etwas »weniger wichtig«. Ich muss offen zugeben, dass seit drei Jahren »lab binaer« unsere geschäftlichen Ergebnisse das Maß aller Dinge sind. Ich habe weniger das Gefühl, dass das Privatleben zu kurz kommt, es ist nur kein nennenswerter Unterschied zwischen Geschäft und Privatleben vorhanden. Meine Kollegen hassen es, wenn ich Methaphern bemühe, aber es ist in etwa so: Ein Flugzeug, fällt ohne ordentlichen Vortrieb wie ein Stein zu Boden. Man kommt schnell ans Ziel, kann aber auch nicht eben mal kurz aussteigen. Es kostet viel Energie, ist aber ein spektakuläres Erlebnis. Man muss die Strecke gut planen, damit man nicht in ein Unwetter gerät. Und man kann den Laden nie ganz alleine am Laufen halten, es muss einen geben der die Technik des Fliegers kennt, einen Piloten, jemand der sich um die Passagiere (die nicht vergessen!) kümmert und verlässliche Leute am Boden.

Ich glaube, ich kann für Luci sprechen wenn ich behaupte, dass es bei ambitionierten Angestellten nicht anders ist.

Wir beide hatten keine Zeit und kaum freie Denkkapazität um einen Sommerurlaub zu planen. Vielleicht hatten wir aber auch keine Lust zum planen (siehe oben). Einzige Grundlage: Unser Flieger »lab binaer« hat einen 3-wöchigen Zwischenstop eingelegt und Luci hat zur selben Zeit Urlaub. Ende September. Sowas-von-Nebensaison. Jemand hat gesagt: Buch Hin- und Rückflug nach Athen – nehme den Bus X96 zum Fährhafen Piräus – buche die nächste verfügbare Fähre auf irgendeine Insel – setz‘ Dich aufs oberste Deck. Drei Wochen später wieder aufwachen. Inselhopping auf den Kykladen, mehr hier.

Nach 5 Minuten auf der Fähre, als der Dreck von Piräus, der Straßenlärm, die brüllenden Ticketverkäufer allmählich leiser als die Schiffsmaschine wurden, war uns klar was gemeint war. Wir haben auf der Stelle alles vergessen und sind erst vorgestern, in München, 20 Grad kälter, unsanft geweckt worden aus – ist mir Wurscht wie schmalzig das klingt – einem Traum.

Ich war seit meiner Kindheit nicht mehr ausführlich am Mittelmeer: Ich hatte nicht vergessen dass Griechenland nach Thymian riecht, dass die Haut kratzt nach dem Baden oder wie dieses Sesam-Anis-Gebäck schmeckt. Aber ich habe vergessen wie es wirkt.

Ich war mit Luci drei Wochen auf Serifos, Sifnos, Paros, Ios, Folegandros: Ich habe gelernt, dass es dort unglaublich sauber ist, dass tadellose Zimmer um 20€ kosten können, dass man niemals Angst um sein Gebäck haben muss. Und dass das alles für Athen nicht gilt.

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Mit Lucia habe ich noch einige Tage mit meinen Eltern in Paros und Ios verbracht, unzählige Erinnerungen aufgefrischt und mich an diesem sonderbaren Zustand erfreut, der hier im Blog vielleicht kaum rüber kommt: Wer so lange segelt wie meine Eltern ist längst kein Tourist mehr, aber auch alles andere als ein Einheimischer. Meine Eltern sind Reisende. Danke für die schöne Zeit! Leinen los!

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28 Die Inseln Sikinos und Folegandros

28 Von SANTORIN nach SIKINOS, Montag 27. Sept.10, GERDI

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Westwind ist gemeldet, 4-5. Erst wollen wir bleiben, dann aber lockt es uns doch: Gegen Mittag setzen wir Segel, nach 30 Minuten „wie üblich“ 2 Reffs im Groß, 5-6 kn Fahrt, Ziel Folégandros im Westen von Santorin. Meist segeln wir „gegenan“ am Wind. Sportlich. Sonnig. Schön. Die EOS freut sich über ihre Freiheit nach den Hafentagen. Ich drehe ein 8 sec-Video, als wir die Küste von Santorin entlang segeln: Die roten Lavaerde-Schichten, die Sandküste mit den wie Skulpturen anmutenden senkrechten Erosionsmustern, die mich an Vatis Filme von den Buddhas im Bahmian-Tal in Afghanistan 1960 erinnern. Blauwasser-Segeln. Herrlich. Aber der Wind dreht und wir ändern den Kurs und steuern auf Insel Siknos zu. Um 17.30 gehen wir längsseits im kleinen Hafen. Beschaulich. Still. Abendspaziergang den Hügel hoch. Ein Mythos-Bier in der Taverne. Spielende Kinder am Sandstrand, 3 Enten. Kein Tourist. Die Fähre lädt einige Menschen und Autos und einen Tieflader mit vielen Bausteinen aus. Beschaulich. Herbst. Nachsaison.  Nur 1 Segler hinter uns: Schweden, die gleich „Ah, eine schöne alte Hallberg-Rassy!“ rufen.

Vorm Einschlafen mache den ich den Vorschlag, am nächsten Morgen früh hoch zur Chora, der Oberstadt, zu fahren. Mit dem Bus um 7.30.

Ruhig ist die Nacht. Nur die 4.30-Uhr-Fähre schaukelt uns mal wach…Die Fender quietschen an der Hafenmauer…

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Zauberhaftes Sikinos am frühen Morgen

Joghurt mit Honig, Orangensaft. Dann laufen wir los. Leider kommt der Bus nicht nach Plan . Die Frau vom Supermarkt ist schon wach. Sie ruft mit dem Handy den Hafenmeister von oben. Der holt uns freundlicherweise mit dem etwas klapprigen Fiat ab, (2×1,40 € – billig wie der Bus) und fährt uns hoch hinauf in die Chora. Weiß, schneeweiß die kleinen Häuschen, die sich zusammenkuscheln am Berghang. Alles noch ganz ruhig, unberührt, ein Zauber liegt über dem Dorf. Wolken geistern über die flachen Dächer, als wir die engen Gässlein und Treppen zum Kastell und Kloster hochsteigen. Kein Mensch unterwegs. Gefegte kleine Plätze, rot-leuchtende Geranien, unser Weg nur weiß bemalte und umrandete Natursteinplatten und –Stufen, jedes Haus ein Kleinod, weiße Häkelgardinen hinter den Scheiben, liebevoll blau lackierte Sprossenfenster, himmelblaue Türen und Balkongeländer, niedrige blaue Latten-Törlein als Eingang. Wie Puppenhäuser, und kein Souvenir-Shop stört das Idyll.  Auf engstem Raum schmiegen sich die Studios an den Hang, Feigenkaktus mit üppigen Früchten, gelbleuchtende „Schwarzäugige Susanne“(Busch-Sonnenblumenart), Kaskaden von pinkfarbener Bougainvillea, Weinlaub an den kleinen Terrassen, gackernde riesengroße Hühner in kleinen Felsnischen mit Drahtgitterdach, ein krähender stolzer Hahn.

Dann legt sich der köstliche Duft von frisch gebackenem Weißbrot über das Bergdorf. Ab 9 erst gibt es Brot zu kaufen.

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Also kehren wir bei Anna’s Bar mit dem auffälligen Namen „ X-treme“ ein, gleich neben der weißen Kirche, der Sanitätsstation, der Nationalbank. Dimitri ist der erste Kunde mit einer Tasse Kaffee, er spricht Englisch, fuhr Jahre auf einem Cargo-Schiff zur See, Brasilien, die ganze Welt, jaja, früher.

Bei Espresso und einem heißen Nescafé (mit festem kaltem Milschschaum!) erzählt uns die junge Wirtin von der Insel. Sie selbst stammt von IOS, ja, die Liebe führte sie nach Sikinos. Ihre Bar ist 12 Monate geöffnet, aber im Winter ist wenig Betrieb. Das riesige vielfältige Alkohol-Angebot könnte mehr Kundschaft beglücke.Es gibt 200 Einwohner. Das Wasser kommt aus Athen, mit dem Schiff!

In die Schule mit Blick übers weite Meer gehen 3 Kinder in die Grundschule und 4 in die höheren Klassen! 3 Lehrkräfte haben sie hier! Eine andere Welt! Klassen mit 33 Schülern kann sie sich nicht vorstellen als Inselkind.

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Ruhe. Stille. Eine Katze lässt sich von Dimitri herlocken:  „Pssspssspssss- ella, ella!“ Um 9 macht die Bank auf. Wer den Arzt oder ein Rezept braucht, wartet im Freien vor der offnen Tür in der Morgensonne. Nur keine Eile. Alle haben Zeit. Wir auch.

Bei unserer Wanderung hinunter zum Hafendorf, eine knappe Stunde, sehen wir, dass die Oliven ihre Farbe von Grün nach violett wechseln in der Septembersonne. Nach Monaten mit leerer Blumenvase am Schiffsheck – das Wasser wäre in der Hitze viel zu heiß gewesen für Blumen – schneiden wir zum ersten Mal wieder ein paar Zweige ab, beim Tamarindenbusch mit roten kleinen Beeren und vom Eukalyptus.

Zurück an Bord . 11.30 Uhr: Leinen los.

Ein friedlicher Segeltag ohne Reff und hohe Wellen. Sonnen an Deck. Lesen. Um 3 sind wir in der Ankerbucht. Kristallklares Wasser. 10 m Tiefe bis kurz vor die Felsen. Und neben uns senkrecht die schroffe Felswand. Die verheißt Fallböen für die Nacht!

Ankern unter dem Dorf

Gerhard

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Unser Ankerplatz vor Folegandros

Wir kommen mit guter Fahrt von der herbstlich ruhigen Insel Sikinos und steuern eine Bucht auf der Insel Folegandros an. Der Wetterbericht sagt Windstärke 5 Bft, Südost für die Nacht voraus, ungünstig für den Inselhafen. Besseren Schutz sollte eine Einbuchtung etwas nördlicher bieten. Karteninformation: Steilküste südlich, Wassertiefe unter 10 Metern. Ankergrund unbekannt. Beim ersten Ankerversuch in 12 m Wassertiefe schleift der Anker als Gerdi mit 2000 Umdrehungen des Motors die Kette strafft. 2. Versuch an anderer Stelle: Diesmal graben wir den Anker nur mit 1000 Upm ein. Die Kette strafft sich. (Den Winkel zwischen Kette und Wasser merke ich mir. Sollte der Wind auffrischen  kann man beruhigt bleiben, bis dieser Winkel nicht unterschritten wird). Wie zu erwarten wechselt der Wind unter der Felswand dauernd die Richtung und bleibt harmlos.

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Hoch über uns das Dorf

Uns bietet sich ein gewaltiger Anblick: Weit entfernt die Inseln  Sifnos und Paros, auf der anderen Seite eine fast senkrecht aufragende Felswand und ganz oben unmittelbar an der Wand das Inseldorf, die Chora 100 Meter geradezu über uns. Ein Bauherr hat sein Haus sogar über die Felswand hinaus gebaut!
Gerdis Flötenlieder hallen wieder. Das Wasser ist klar und tiefblau über dem Kiesgrund. Wir trinken Kaffee und ich rudere mit MICRO EOS zu einer Quelle am Ufer, um unseren Wasservorrat zu ergänzen. Wie diese kleine fast baumlose, kahle Insel Wasser spendet ist mir rätselhaft.

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Die Quelle am Ufer

Gerdi zaubert pikanten Nudelsalat mit frischem Gemüse, Unter den Lichtern des Dorfes über uns genießen wir das Abendessen im Cockpit mit einer Dose „Effes Dark“. Bis um 22.30 Uhr strahlen 2 Scheinwerfer von hovh oben die Felswand an bis hinab zum Meer. 

Der Wind frischt auf, deshalb schlafe ich draußen und schalte den Ankeralarm ein, der eine Ankerdrift meldet. Stockdunkel ist die Nacht, unheimlich jetzt, die Lichter des Dorfes tanzen einmal nach rechts und einmal nach links. Der Mond geht auf, die Felsenkonturen nehmen Gestalt an, graue Schatten in der Wand. Gegen Mitternacht schwächelt der Wind und um 2 Uhr nachts schläft er ganz ein. Die Wellen plätschern gegen die Felsen und EOS wiegt sich sanft in der Dünung. Die unteren Sterne des Sternbildes Orion stehen direkt über den Dorflichtern und immer wenn ich die Augen öffne, sind sie ein Stück nach rechts gerückt. Ein tiefer Friede liegt nun über diesem Platz. Gottes Schöpfung kann wunderbar sein.

Um 6 Uhr graut der Himmel, leichte Wolken ziehen auf, dann nehmen Himmel und Landschaft Farben an. Um 6.45 Uhr explodiert der Himmel in tiefem Rot.

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Die Fotos als Show:

Klick auf „show info“ dann erscheinen die Infos zu den Bildern

26. Blog. Von Paros nach Santorin

24. September 2010 in Santorin geschrieben

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Insel PAROS: Junges Blut an Bord

GERDI

Vom kleinen touristisch noch ruhigen Serifos bringt eine Fährewährend des roten Sonnenuntergangs unsere 2 lieben Gäste mit nach Paros: Sohn Martin (27) und Luci. Mit schmalem Rucksack, Flipflops und strahlendem Lächeln laufen sie mir in die Arme. Seit 6 Monaten haben wir uns nicht mehr gesehen.

An Bord gibt es teuflisch scharfes Ratatouille mit Reis. Ich verwünsche die winzig-kleinen 5 Peperonischoten, die ich im Wok als Gewürz zufügte. Die leuchtend rosarote Wassermelone ist willkommen als neutralisierendes Dessert.

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Am Montag segeln wir nach sehr gemütlichem Bordfrühstück mit Leichtwind und mäßiger „Schaukelei“ von 10 bis 5 Uhr zur Insel Ios. Martin und Luci gehen an den nahen Sandstrand. Abends in der Taverne urplötzlich:  alles stockfinster, der Hafen dunkel, das Dorf, auch die hochgelegene Chora, die Hügelstadt am Berg oben, alle Straßenlampen sind aus, nur vereinzelt Autoscheinwerfer, die sich wie Strahlen in die nachtschwarze Dunkelheit bohren. Im Hafen schummrige Lichter auf den Segelyachten. Nur das Kind der Schweden am Nachbartisch guckt weiter „Pipi Langstrumpf“ auf Papas Laptop, batteriebetrieben. 

Die Gäste in der Taverne warten geduldig auf Licht. Keiner motzt. Stromausfall auf der ganzen Insel, wohl 20 Minuten lang. Leider sah auch der Koch nicht, dass der von Luci so ersehnte erste Octopus am Rost angekohlt war. Wir hätten bei dem in Essig und Öl marinierten „Octopus-Salat“ bleiben sollen. 

„TÖPFCHEN STEH!!“

Ich will für Luci und Martin Zucchini-Küchlein backen, mische 6 Eier, Milch, Mehl, Pfefferminze, Zucker. Als ich aber den Schöpflöffel eintauche und das Öl schon in der Pfanne brutzelt, höre ich, dass Gerhard mit einem Gulet-Kapitän debattiert. Der hat seine 2 schweren Anker über unsere Heckanker-Kette geworfen, über Kreuz! Der Berufskäptn‘ gibt nicht nach, seine amerikanischen Gäste wollen nun auf weißem Damast tafeln, Dinner! Gerhard bittet, dass er früh um 8 „Anker-auf gehen“ soll, weil wir die EOS im kleinen Hafen an eine Mooring legen wollen. Es droht 2 Tage Starkwind und wir wollen einen Landausflug machen.

Die frisch gehobelte Zucchini im Teig zieht „Wasser“, macht den Ausbackteig zur Brühe, immer suppiger schwappt es in der Schüssel. Ich füge Löffel um Löffel Mehl dazu, rühre mit dem Schneebesen. Küchlein ade! Das gibt höchstens noch Pfannkuchen.

1 Stunde lang backe ich tapfer 40 dünne knusprige Pfannkuchen, teile sie in je 4 Teile, damit sie aussehn wie „Zucchini-Küchle“. Gerettet!

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OHRWURM
TULPEN AUS AMSTERDAM

1,2,3 –1,2,3-Tulpen aus Amsterdam! So klingt der berühmte Walzer aus dem Bordradio. Ob wir jemals die vielen erlernten „Figuren“ aus unserem Tanzkurs „wiederbeleben“ können? Ferne Erinnerungen an Schrittkombinationen. Noch den ganzen Tag „verfolgt“ mich die Melodie wie ein Ohrwurm. auch noch als wir am fast menschenleeren Strand von MANGANARI im feinen Sand liegen. Martin drückt mit den froschgrünen Schwimmflossen Riesen-Entenfüße in den Strand. Und neben Lucis kleinen Füßen blüht eine weiße Strandlilie, 25 cm hoch : „Tulpen aus – IOS!“

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WER FÜRCHTET SICH VORM SCHWARZEN MANN? NIEMAND! „Wenn er aber kommt? Dann laufen wir davon“!  

Das alte Kinder-Fange-Spiel wird wiederbelebt: Wir „laufen vor dem Wind davon“! Der Wetterbericht meldet Windstärke 6, Böen 7. Dann machen wir eben einen Landausflug!  Wir verlegen die EOS früh in den Hafen von IOS, machen sie an einer dicken Mooringleine fest, mieten uns ein kleines rent-a-car-Auto für 30 € und starten zur Inselrundfahrt zu viert. Mag der Win
d wüten, wir genießen von oben prachtvolle Ausblicke über Felsenketten und blaues, gischtweiß gesprenkeltes Meer ringsum. Ein Pfad mit unzähligen „Steinmännle“ führt uns zu „Homers Grab“! Im 5,Jh.v.Chr. schrieb Herodot, dass hier das Haupt des edlen Dichters ruht.

Die Insel ist ein Stein-Meer. Wild, fast wüstenhaft und vegetationslos, kein Busch, kein Baum, nur an der Straße künstlich angepflanzte, mit Drahtgitter geschützte Jungbäume, Zypressen. Bizarre Felsformen, wie Ungeheuer, wie Skelette, wie meterhohe Tierschädel in den Himmel ragend, von Erosion und starken Winden verformt, wie zerfetzt. Mittendrin ein schneeweißes Kloster, im Klostergarten Blumen und Bäume, Oleander, Rosen, Bougainvillea! Kleine Zellen, die Türen mit Vorhängeschloß versperrt, Fliegengitter vor offenen Fensterchen, durch die man die golden strahlende Monstranz im Kirchlein glänzen sieht. Feuerstellen, Waschbecken, Steintische und –bänke im Garten, die bei Festen wohl für 150 orthodoxe Gläubige Platz und Mahl bieten. Eine Zisterne daneben. Erika-farben leuchtet blühendes Heidekraut am Wegrand, zahllose Imkerkästen für die Bienen.

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In einer Strandtaverne mit wundervollem Ausblick auf die türkisblaue Bucht genießen wir Joghurt mit Honig von der Insel, im Ofen gebackenen Schafskäse im Tontöpfchen…Wir baden im kristallklaren Meer…UUUUrlaub!

Im Bergdorf mit weißgekalkten engen Gässchen kaufen wir ein riesiges 2,5-kg-Huhn, dazu Lauch, Karotten, Zwiebeln, Kartoffeln, Tomaten, Knoblauch …Im Schnellkochtopf zaubere ich mit Rosmarin, Zimt und Nelke ein köstliches Eintopfgericht. Festlich serviere ich auch unsere Vorspeisen beim „Abschiedsessen“ an Bord:

  • Dolmades = mit Reis gefüllte Weinblätter
  • Feta mit Kalamata-Oliven
  • Ezme=türkisch: Zwiebeln in Zitrone+Petersilie+Chili

Mit Retsina-Wein, Pistazien und Kürbiskernen neigt sich der letzte Abend. Am Morgen gehen unsre zwei lieben Gäste von Bord der EOS und reisen mit der Fähre weiter zur nächsten kleinen Kykladeninsel: Folegandros. Schön war’s mit den beiden. Wir aber setzen den Kurs ab zur Inselgruppe von SANTORIN, wo der Vulkan neue Inseln schuf. Aber vorher ankern wir noch eine Nacht in der „Badebucht“ vor Manganari, Insel IOS, wo wir den Abend genießen. Mit riesigem silberhellem Vollmond und drei Yachten, die mit uns im Meer schaukeln.

Die Höllenmaschine

Schon Maxxx, unser Begleiter und Koch vergangenes Jahr auf der Flussstrecke von Basel ans Mittelmeer, weigerte sich standhaft, unseren Petroleumkocher in Betrieb zu nehmen. Dieses Gerät sei ein Werk des Teufels und würde die EOS in Brand setzen. Tatsächlich lassen sich dem Kocher nur bei ganz bestimmtem Verhalten gleichmäßige Flammen entlocken. Man setzt den Kocher mit einer Pumpe unter Druck, füllt Spiritus in das Vorheizgefäß, entzündet es – und nach einer Minute wird der Hahn aufgedreht, druckstark heizt dann die Flamme; soll. Tatsächlich beginnt der Kocher nach dem Aufdrehen zu rülpsen, gelbe, rußende Flammen schießen zur Decke, ein wirkungsvolles Schauspiel, besonders bei Dunkelheit. Mahagonimöbel und die weiße Schiffs-Decke färben sich grau. Immer wieder muß geputzt werden. Jetzt sofort abdrehen, das beendet den Effekt. Langsam aufdrehen und das Spiel wiederholen, bis sich der Kocher ausgerülpst hat. Da braucht man gute Nerven und darf die Ruhe nicht verlieren.

So_brennt_die_flamme_schlecht

So soll der Brenner nicht zünden

So_soll_der_optimus_brennen

Nun kann der Betrieb an Köchin oder Koch übergeben werden. Nahezu alle Ersatzteile habe ich getauscht, immer wieder Brenner und Zündapparat gereinigt, den Brennstoff ausgewechselt,  den Tank gereinigt (Dabei brach die Flaschenbürste und blieb im Tank drinnen). Martin hat sogar neue Steinwolle zum Vorheizen mitgebracht!. Gestern war wieder Reinigungstag für Gerdi (Decke und Kajütwand mit Neutralseife wischen) und für mich (Kocher). Jetzt arbeitet die Maschine auch nicht besser. Ich bin mit meiner „Weisheit“ am Ende. Die Wartungsfirma in Hamburg antwortet mir leider nicht auf meine Mails. Es gibt auch niemanden, der mich beraten könnte. Diese Art von Heizgerät ist am Mittelmeer gänzlich unbekannt. Auch die Beschaffung des gereinigten Petroleums ist in der Türkei und in Griechenland, wo es „Kerosin“ heißt, eine zeitraubende Angelegenheit. Nur wenige Tankstellen führen es. Petroleum zum Kochen und Beleuchten ist eben hier nicht mehr aktuell.

Trotz allem: Noch nie blieb die Küche wegen des Kochers kalt. Wie bin ich froh, dass sich nur der Kocher so anstellt und nicht der Motor! Mein grüner Tee am Morgen beruhigt meine Nerven wunderbar….

Gerhard

Hier die Bilder:

Hier die Reisestrecke unserer EOS bis Santorin.

EOS im Mittelmeer 2010 auf einer größeren Karte anzeigen

Ramadan und das Fest Bayram

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RAMADAN und das Fest BAYRAM

Gerdi’s Eindrücke am 10./11. Sept.2010 in Cesme/Türkei

Ramadan in der Türkei. Der letzte Tag vom langen Fastenmonat, der in diesem Jahr auf den Jahrestag des Attentats 9/11 auf die Twin-Towers in New York fällt.

Zum Tag des Fastenbrechens wird überall ein großes Fest gefeiert: Bayram! Eine junge Verkäuferin im Buchladen der Marina erklärt mir, es sei- wie bei uns Weihnachten- ein hoher Feiertag. Alle haben 3 Tage frei! Die Großfamilien treffen sich, man führt die Oma zum Essen aus, die Enkel alle dabei, man sieht die Brüder und Schwestern, Cousins und Nichten, Onkel und Tanten. Schon um 18 Uhr sind sämtliche Tische in allen Restaurants „reserviert“, die Namen der Besteller Ali, Hussein, Jussuf sind säuberlich auf Täfelchen notiert, es gibt keinen freien Stuhl, fein eingedeckt mit je 3 Gläsern und Besteckarten, auf weißen Tischtüchern, oft Stoffservietten festlich gefaltet. Die Kinder tragen neue Kleidung, Mädchen entzückende oft weiße Kleidchen oder glitzernde T-Shirts, paillettenbestickte Turnschuhe. Keiner der Herren geht heute im T-Shirt! Im Lokal essen viele Fisch vom Grill, die für die Damen flink vom Ober tranchiert wird (Kopf und Schwanzflosse aber dazuserviert!). Eine ovale Porzellan-Platte mit gemischtem grünem Blattsalat wird für alle in der Tischmitte platziert und alle essen aus der gleichen „Schüssel“. Wein. Wasser.Auch Champagner im Eiskühler. Familiengespräche. Zum Nachtisch jommt in Form einer Krone für alle eine Schale mit roter Wassermelone und gelber Honigmelone, im Wechsel attraktiv geschlichtet.Dann ein Cai/ heißer schwarzer Tee. Und eine Zigarette.

Der Imam ruft laut zum Gebet. Das tut er von jeglicher Moschee aus aus Lautsprechern über dem „Balkon“ am Minarett fünf mal am Tag, auch in der Nacht so bis um 10. Damit die Muslime wissen, ab wann sie wieder essen dürfen, wird eine Kanone abgeschossen, sehr zum Erschrecken, allein der Widerhall im Gebirge. Der Gesang an sich, der vom Muezzin über eine Stadt schallt, ist aber ein aufrüttelnder Ruf. Fragt sich nur wer noch betet , die sehen alle total „diesseitig“ aus: kein Kopftuch, kein langer Mantel, keine langen Ärmel, und sehr selbstbewußte Mädels, Frauen und Mütter, flotte sexy décolletierte Teenager. Hier merkt man allein am Imamruf , der laut  erschallt, daß dies ein muslimisches Land ist. Bei uns daheim sieht das Stadtbild allein durch die vielen Kopftücher aus, als wäre man „in einem andern Land“. Hier absolut gar nicht.

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Am Abend gehn wir durch die Stadt: Cesme, unsere letzte Stadt in der Türkei! Man hat künstliche Bäume in der Bazargasse aufgestellt, in deren Zweigen Tausende von LED-Lichtlein wie Blüten farbig erstrahlen, erst rot, pink, blau, grün, gelb, orange. Ein Schauspiel. An den Laternen auch leuchtende Blumen und Kringel. Aber kein Bierzelt, kein Betrunkener, keine Jugendlichen mit Cola, Bierdosen oder gar Schnapsflaschen. Friedlich, fröhlich, und immer „viele“ die zusammen flanieren.

Da die Muslime ja im Ramadan zwischen Sonnenaufgang und -untergang fasten müssen, also nach dem Frühstück vor Sonnenaufgang bis abends ca. 20 Uhr weder trinken noch was essen dürfen (Unvorstellbar bei der Hitze der vergang. Wochen! Nur Kinder, Schwangere, Kranke, Alte sind Ausnahmen) sind die Lokale leer tagsüber, erst am Abend kommen sie mit der ganzen Familie und dann wird von acht bis halbzehn so richtig wild gekocht an Grills und Kochtöpfen, auch die ganzen Beikostsachen sind vorbereitet, scharf gewürzter Reis, Auberginensalat, Octopus in Essig, Pommes, Tomaten-geschält!, gefüllte Paprika, Schüsseln voller geschnittner Zwiebeln, vorbereitete Köfte, kleine Fleischbällchen (wie Frikadellen aber mit Schrot drin und nicht so scharf angebraten, oft auf einer Art Messerklinge gegrillt), Gemüseeintopf, Lammgeschnetzelt als „Kebab“ (Was übersetzt übrigens Hammel heißt), Hühnerbrust in Stücken für den Grill-Spieß oder eine Art heiße Platte, also Pfanne ohne Rand.

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Es ist sehr interessant, da mal zuzusehen. Viele Extra-Ober (niemals weibliche) sind engagiert. Sie sprechen kein Wort Englisch. Aber Essen zu bestellen geht mit Hand und Fuß dann doch. Alle Gäste / Muslime haben zur selben Zeit Riesenhunger, und die kriegen auch alle satt. Danach wird wieder „nauf und no“ wie der Franke sagt, auf der Straße flaniert und gezeigt, was man hat: Freundin, Babies. Auch den Bruder im Rollstuhl oder die Oma mit der Gehhilfe, das hier kein Rollator ist, sondern ein ähnliches Gestell ohne Räder, das der Gehbehinderte schrittweise nach vorne heben / stellen muß.

Die Ferien in der Türkei dauern angeblich 4 Monate. Die Schulpflicht ist seit noch nicht allzu langer Zeit auf 8 Jahre erhöht worden. Aber es gehen nicht alle zur Schule! Die Tatsache, daß die türk. Mädchen nur zu 70% zur Schule gehen, und Frau Erdowan durch Programme versucht, mehr Eltern zu bewegen, auch Mädchen künftig in größerer Zahl zur Schule zu senden, ist löblich. Auch gibt es ein Programm „Schneeglöckchen“ (KARDELEN), wo Mädchen einfacher Herkunft Stipendien bekommen und an guten Universitäten in Istanbul studieren können. Deren Mütter aber besuchten nicht oder max. 5 Jahre eine Schule. Hoffen wir, dass das Programm gut angenommen wird und bildungsmäßig und in Sachen Gleichstellung „Kreise zieht“.

ADIEU, TÜRKEI! teshekyr ederim – danke für die große Gastfreundschaft

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Wir sind den letzten Abend in CESME, und nehmen nach 8 Wochen Abschied von der Türkei. Vielleicht komm ich nie mehr hierher. Das ist ein komisches Gefühl. Wir haben nach Wochen der Sparsamkeit mit in Flaschen hergeschlepptem Trink- u. Duschwasser (oft von Brunnen oder von kl. Tavernen, die auch nur vom Tankschiff ihr Wasser kriegen!) hier mal den Schlauch draußen und spritzen EOS und Schlauchboot üppig ab. Ringsum gehen die elektrischen Strah
ler an und beleuchten ganz dezent das kleine Marina-Dorf mit den vielen Baustilen und Häuschen, Brücklein, Innenhöfen. Ich mache ganz begeistert noch einige Fotos von der eingefügten orientalischen Pracht, das schmiedeeiserne Portal, die Keramikschüsseln als Waschbecken in dem himmelblauen Dusche-Bau, die bemalten Wände, eine Töpferin, die große Zier-Übertöpfe von Hand bemalt, die luxuriösen Auslagen in den Boutiquen. Wir werden ein farbiges Bild im Herzen bewahren und viele sehr freundliche türkische Menschen!

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Eine Überraschung

Wir können tatsächlich unseren Sohn Martin und Luci treffen, die zu 3 Wochen Inselhopping nach Athen fliegen! Wenn wir nun mit der EOS nach Südwesten segeln, mit dem Nord-Meltemi von hinten oder der Seite, ist das gut machbar. Und auf einer Insel in den Kykladen werden wir sie an Bord nehmen und mitsegeln lassen.Gerhard hat ausklariert, letzte türkische Lira ausgegeben, eine deutsche Zeitung ergattert. Nun geht es wieder nach Griechenland: Insel CHIOS.

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Gerdis Fotos als Bilder-Show: