Ein Sonntag am Meer- mit Morgenkonzert live – an Bord
Wir hier haben noch keine tropische Schwüle, die 30° fühlen sich ganz aushaltbar an, ein sanfter Wind bläst mehrfach am Tag und so sind wir fast nur „drinnen“ wie in einer Wohnung. Seit gestern flankieren uns 2 schöne alte Schiffe, eins mit Schweizer Flagge, eins aus Britannien mit südafrikanischem Skipper. Ich flötete christliche Abendlieder, bissele Bach, Schubert, Brahms, und sie gaben nicht nur Applaus, sie sangen auch mit. Heute früh also kam nach der Schweizer Hymne und „Greensleeves“ gleich „Lobet den Herren“, und die 4. Strophe hab ich vorgelesen, so schön: „…der aus dem Himmel mit Strömen der Liebe geregnet. Denke daran, was der Allmächtige kann, der dir mit Liebe begegnet.“ Hier in der Moschee von Bozburun (Bj.2002, Minarett 2007) singt ein Imam mit echt gutem, klangvollem Tenor 5x am Tag und spät nachts im Dunkeln seine Anbetungsgesänge. Da sende ich unsrem Gott auch welche.Ganz hinten in meinem zum Teil von Hand notierten Notenbüchlein hab ich auch einen „Gruß von Waltraud, 22.Mai 2011, Preveza“- das war unser 3. Törn, rüber nach Apulien,Kalabrien,Sizilien, Sardinien, Korsika, Nizza, Rhône und heim. Ich setzte es mit Bleistift in Noten:
Herr, weil mich festhält deine starke Hand vertrau ich still. Weil du voll Liebe dich zu mir gewandt, vertrau ich still. Du machst mich stark, du gibst mir frohen Mut, ich preise dich, dein Wille Herr, ist gut.
Eines meiner Lieblingslieder hab ich heute in das Notenheft geklebt, aus Schweden, leider auf der Blockflöte mit cis'(das tiefe geht ja nicht),gis“, fis: Du, großer Gott, wenn ich die Welt betrachte, die du geschaffen durch dein Allmachtswort, wenn ich auf alle jene Wesen achte, die du regierst und nährest fort und fort, Dann jauchzt mein Herz dir großer Herrscher zu wie groß bist du, wie groß bist du!
Bei einem herrlichen Frühstück mit weichem Ei, grüner Gurke, Käse, Joghurt mit Zimt, echtem Filterkaffee, grünem Tee und frischem Weißbrot saßen wir gemütlich im sanften Wellengang, dabei trug ich mein neues pink-farbenes Oberteil, das ich mit leuchtendem Orange etwas größer gehäkelt habe. Wir haben ja so viel Zeit- wir warten geduldig auf die neuen Ventile für den Motor, unser 20.Tag in der Türkei!!!!
Gerdi, Bozburun am Anker, 5.Juni 2015
Geruhsam und ohne Termine hängen wir mit unsrer EOS seit 14 Tagen am Anker und starten auf Ventile für den Volvo-Motor. Es ist noch nicht heiß, keine 30°, viele Arbeiten können erledigt werden, Ölwechsel, Schrauben erneuern und nachziehen, das neue noch reh-braune Iroko-Holzdeck mit Meerwasser wässern, damit es grau(er) wird, Felshügel besteigen vorm Frühstück und Blog schreiben, häkeln, flicken, T-Shirts umräumen – ohne Schrank eine wahre Kunst. Heute hab ich mir die beiden Nähzeugkistle vorgenommen, ausbreiten, entsorgen (da sind Fäden drin von Muttis Nähkasten- 70 Jahre altes Garn, Knöpfe von meinen eignen Kinderpullovern und etliches von den Babytagen unsrer 3 Kinder…
Erikas Grundschul-Häkelnadel 2,5 und rote, orangene und die dunkelblaue Wolle von unsren ersten Strickröcklein von 1954 –schon häkelte ich eine lange Luftmaschenschnur für mein Mini-Täschle für kleine Schlauchboottouren … ein leuchtend-bunter Stoffbeutel einer Fairtrade-Kaffee-Verpackung aus Peru. Da klapperte plötzlich das Wollknäuel… Was? Aha, Mutti hatte beim Auftrennen der Röcke die Wolle um eine große Walnuß gewickelt… Ach, Mutti! Ein kleiner Gruß von oben?? Danke. So ist der Rock und später rot-blauer Ringelpullover nun nach 60 Jahren ein Schulterband für die kleine Umhängetasche „auf See“…
Nilufer?
Gestern besuchten wir wieder das vom Weinlaub so schön schattige Gartenlokal am Hafen-Ende, um den köstlichen frisch gepressten Apfelsinensaft zu trinken, den uns die nette Wirtin macht- sie erkennt uns wie vor Jahren und fängt immer gleich an, Saft zu pressen. Dazu eine nette Geschichte: am Notebook erscheint als WLan-Verbindung immer das Wort Nilufer. Da wir gerne die CD mit den Commedian Harmonists hören, auf dem der Song vom Pharao am schönen blauen Nil ist, las ich „Nil-Ufer“. Eines Tages guckte ich im Türkisch-Wörterbuch nach, ob es dieses Wort gibt: Ja, es heißt Seerose. Als ich in den Springbrunnen dieses Lokals „Nilüfer“ schaute, entdeckte ich lauter bunte Seerosen darin- aus Plastik:-). Die Wirtin heißt „Nilüfer“, also Seerose.
Vor unsrem Ankerplatz weitet sich die Bucht zu einem ganz leeren Sandstrand. Nur am späten Nachmittag kommen manchmal 4-6 junge Leute: Jungs mit Flossen kraulen neugierig zur EOS hin, gut gebaute reizvolle junge Mädchen im knappen (!)Bikini tollen im schultertiefen Wasser, tauchen sich unter, quietschen vor Vergnügen. Einmal war eine ganze Schulklasse (6. oder 7.?) da, alle tobten im Meer oder spielten Fußball und Volleyball am Strand.
Nur 1 Mädchen blieb einsam voll bekleidet draußen stehen, weiße Bluse, heller Faltenrock, lange weiße Strumpfhosen, weiße Lederschuhe, Seidenkopftuch, eng gebunden… sie blieb abseits, durfte mal den Ball holen, und dabei hätte sie so gern Volleyball gespielt, auch Fußball konnte sie gut… Zu den Jungs traute sie sich nicht, die andren sehr wohl, adrett im Bikini, forsch die langen schwarzen offnen glänzenden Haare schüttelnd nach dem Bad im Meer oder im bunten Pareo in der Hängematte schaukelnd..…Ob die einsame eine Kurdin war? Täglich kommt eine Herde Ziegen her und knabbert Grünes, gucken ins Wohnmobil mit dem gelben aufblasbaren Kajak und dem Fahrrad rein… Frauen kommen vom felsigen Hügel mit großen Tüchern mit Haufen von gesammelten Wildkräutern und duftendem Salbei- auf den Rücken gebunden. Vor jedem Haus im Dorf sieht man auf Planen ausgebreitet viele Meter lang diese hohen Haufen von Kräutern, es duftet köstlich nach Salbei, der Origano wird abgerebelt, das können schon die kleinen Kinder. In Beutelchen liegt er in flachen Körben zum Verkauf an die Touristinnen aus England, Holland, Schweden.
Inzwischen kenne ich den namen der beiden Salat-Arten: der mit den gefiederten Blättern ist eine Art unsres Ruccola, die RAUKE! Hier heißt sie Rokko. Und diese rundlichen dickblättrigen glatten Blättle an den saftigen Stängeln ist der PORTULAK. Ich hatte meine Bio-Bauern gefragt und prompt kann heute die Antwort-Email. Nett!
Nach viel Salat grillten wir gestern am Abend 3 Scheiben Rind, das als meterlange Keule schon seit 7 Tagen im Sicht-Kühlschrank baumelt beim Metzger. Mit dem großen Messer säbelt er ein Teil ab, löst die weiße Fettschicht/Haut, klopft sie zwischen Folie und verkauft sie über die Glastheke, in der nie was liegt. Es gibt nur Lamm und Rind, davon auch Hirn, Leber, weißliche Innereien undefinierbarer Art. Es riecht frisch und gut, nie „alt“- und es hat die 3x auch geschmeckt wie Biofleisch bei uns daheim.
Am Abend gab es eine musikalische Überraschung:
Am gegenüberliegenden Felsstrand Kumsal trafen sich ca. 6 Jugendliche. Als ich im Schein unsrer Petroleumleuchte mit der Flöte Abendlieder spielte, riefen sie herüber: I like it! Und gaben Applaus. Dann fing ein Junge an, türkische Popsongs zu spielen und sang dazu- ein Genuß . Ein Mädchen tanzte angefeuert mit Hei, hei, hei – großes Gelächter bei den Bauchtanz-Bewegungen. Der riesige Vollmond beschien die Tänzerin auf dem Holzponton und das Meer… Bei manchen sangen alle mit, auch mit diesem türkische Tremolo und Umsingen des Tones, sie klatschten im Rhythmus dazu und waren vergnügt. Um 23 Uhr sammelten sie alles ein und fuhren im Auto ins Dorf zurück.
Alle Abbildungen in guter Qualität findest Du hier: Klick
1.Juni 2015: Marmaris!
Vollmond. Juni. Sommerbeginn – erstmals ist die Sonne heiß(…auch in Deutschland nach dem kalten Mai). Wir motoren mit der kleinen „micro eos“ und einem großen Sack mit Wäsche an Land, bringen die Wäsche zur Laundry-Frau vom Restaurant Akvaryum und steigen Punkt 10 Uhr in den kleinen Linienbus nach Marmaris. Alle Fenster sind offen, frische Brise…
Unsere Einkaufsliste ist lang, Teile fürs Schiff, deutsche Unterwasserfarbe + Sikaflex-Abdichtmasse, wir suchen in ca. 20 Läden nach fehlenden Dingen, die es in Bozburun nicht gibt. Leider finden wir auch die 4 flachen Edelstahl-Abfluß-Trichter nicht (für das Ableiten des überkommenden Meerwassers an Deck), die beim Abbruch des alten Teakdecks zerbrochen sind. Auch eine Art Intervall-Zeitschalteruhr für den Kühlschrank gibt es in keinem der oft alle in einer langen Straße angesiedelten gleichartigen Elektroläden. Aber die Ausbeute unsres langen Einkaufstages ist doch beachtlich. Immer wieder erstaunlich, wie man die fehlende Sprache (auch Englisch wird selten verstanden) überbrücken kann…
Um 16 Uhr wartet der Bus zurück. Noch ein großes Glas frisch gepresstenApfelsinensaft am Busbahnhof… Schattenbäume, Oleander, viele Busse nach Fetiye, Bodrum, Izmir…Mit den knusprigen in Honig gebratenen und Sesam gewälzten Erdnüssen und einer neuen Nike-Bermuda für Gerhard steigen wir ein und genießen die grandiose panorama-Rückreise, oft mit atemberaubendem Blick auf blaues Meer, Buchten, Fels und weiße Segel.
2.Juni 2015: Dienstag ist Markt-Tag in Bozburun: BAZAR
Früh laufen wir ans Dorfende von Bozburun, vorbei an den Gärten mit Olivenbäumen, Rhizinus, Oleander, Hühnern, Ziegen und Schafen. Unter Planen reihen sich die Stände der Händler aneinander. Gleich beim ersten findet Gerhard eine „Camel“-Short, bald 2 kleine Körbe für Medikamente und Waschzeug. Kleider baumeln von den Schirmen, Werkzeug in Kisten, Geschirr, Töpfe, Backbleche- es gibt alles!
Als wir beim Ziegen- und Schafskäse kosten, sitzt im Lieferauto das Baby, der Bruder steht auf der Küchenwaage und ist stolz auf deine 17 kg Gesicht! Erntefrisch in leuchtenden Farben ist das Obst und Gemüse aufgebaut. Ich kaufe Nektarinen, Datteln, 1 Zitrone frisch vom Baum, aromatischee Rokko-Salatblätter, gelbe Safranfäden , Sumak für Hackfleischgerichte, einen Bund frischen Dill, rote und grüne Paprika und knackfrische kleine Gurken. Wie aus der Ibele-Biokiste daheim…
Beim Rückweg über die Gärten mit Schafen, Hühnern und Disteln mit lupinenartigen Blütenstengeln (Foto im Anhang bei „Klick“) finden wir auch das kleine weiße Haus vom Oktoberwandern wieder mit dem Sofa davor… Gerne posiert die Oma fürs Foto, sie arbeitete 8 Jahre in Deutschland, nun wohnt sie wieder in der Türkei, bescheiden und glücklich wie die Tochter unter Ölbäumen und Weinlaubdach…
Gegen 11 rasseln die Ankerketten, Aufbruch in einen neuen Urlaubstag. Wir aber sind schon 12 Tage hier- so lang wie ein deutscher Urlaub… Wir trinken einen Cai auf der Terrasse der Laundry-Frau und fahren zurück zur EOS. Da packen unsere Schätze aus, räumen alle frisch gewaschene Wäsche ein, beziehen die Kojenbetten neu und gehen im Meer schwimmen… Der Motormann meinte gestern, es dauert noch mit den Teilen aus Izmir… Wir haben ZEIT…
Ankertage, Zeit zum gut Kochen an Bord. Im Schlauchboot bringen wir unsere Rucksäcke an Bord mit frischem Gemüse, köstlich. Mal bereitete ich ganz frische Bohnen zu ( Fasulj heißen sie- wie im Griechischen), mit deutschem Bohnenkraut, türkischem Olivenöl, Zitrone-5 Minuten im Fissler-Drucktopf.
Bei unsrer Wanderung fand ich an einer Mauer meterhohen saftigen Dill, der uns den Gurkensalat delikat würzte. Die kleine Straße führte uns zuerst ca. 3 km am Meer entlang, eine gepflegte Promenade, links die Appartementhäuser und Tavernen unter schattigem Weinlaub, umblüht von Oleander, Bougainvillea, violettblauen großen Winden-Trichter-Blüten. Vor einem Haus war meterweit Salbei zum Trocknen ausgebreitet, mit lila Blütchen duftete der Thymian am Straßenrand.
Rechts bot sich ein umwerfendes Panorama aufs weite Meer zu den buchtenreichen Küsten dieser Peninsula, dieser traumhaften Halbinsel am südwestlichen Ende der Türkei. Wie auf einem Gemälde – ebenso schön wie der Blick von den Hügeln auf Bodrum! Gulets vor Anker, weiße Segel der Yachten auf der Suche nach einem der vielen Ankerplätze vor Bozburun…! Am Dorfende die Krankenstation, der Friedhof, ein Möbelgeschäft, die Moschee und die Tankstelle. Auf den Brachflächen zwischen den kleinen Häusern sind große freilaufende Hühner braune, schwarze-weiß gesprenkelte wie Perlhühner, stolze fast gans-große Gockelhähne, viele Junghühner, angepflockte Geißen mit ihren Zicklein, Schafe, deren frisch geschorene Wolle Frauen am Boden hockend zupfen zum Spinnen. Haushoch immer wieder die riesigen Gerippe halbfertiger Gulets, daneben der Kiel im Gebüsch. Zwischen modernen Appartmenthäusern plaudern Frauen mit weißen Kopftüchern fröhlich zusammen im bergenden Schatten ihrer Mandelbäume, Mistelbäume und Stein-Eichen.
Wir wandern am Rückweg die hochgelegene kleine Straße am steilen Hang entlang, immer mit schönem Blick hinunter aufs Meer! Nach 7 km erreichen wir Bozburun, kaufen kleine längliche grüne Paprikaschoten, Nektarinen und beim Metzger Rinder-Hackfleisch. Er verschätzt sich, es sind 800 g! IAuf der Terrasse des „Apéritif“ trinken wir bei fanzösischer Chanson-Musik Wasser+Bier. „Je t’aime“ aus dem Jahr 1966! Schmachtende Rumba- u. Tangomusik. An Bord beginne ich sogleich mit dem ganzen „Programm“ des Kochens der 4 Gerichte! Alles muß gut geplant sein bei den geringen Abstellflächen und den max. 2 Gasflammen.
Arbeitsablauf Kochen eines 3-Gänge-Menüs an Bord
1.Zwiebel+Knoblauch würfeln 2. Paprikaschoten u. Tomate würfeln 3. Wasser abmessen+ Salz,Reis, 4. Rinderhack würzen mit Sumac, Paprika, Pfeffer, Gyroskräutern 5. Tisch decken 6. Gurkensalat anmachen mit dem frischen gefundenen Dill 7. Große Eisenpfanne, 2 Töpfe aus dem engen Topfschrank unterm Herd rausfummeln 8. Reis kochen 9. Paprikagemüse dünsten m.Olivenöl, Knoblauch, Zitrone, 10. Fleischküchle formen für türkische „Köfte“ 11. Ca. 15 Stück braten
12. In vollen Zügen G E N I E S S E N !!! Porzellan, echte Gläser, Tischdecke, Oleanderblüten…
Wir essen typisch türkisch, aber selbst gekocht, an Bord. Sehr gut – samt Wein aus der Region.
Und am Ende… GANZ GROSSES Geschirr- u. Töpfe-ABSPÜLEN- ZU ZWEIT. Alles sauber, nur der Duft bleibt zurück.
1.PS: Gestern hat es geregnet und es hatte abgekühlt auf 15°C.Alle Türken hatten lange Hosen an und Pullover-Winterkleidung!
Ähnliche Temperaturen könnte Erika beim Wandern zu den Kletterfelsen im ALPSTEIN-Gebirge Nähe Säntis/Schweiz auch gehabt haben.
2.PS: Gerhard erwarb einen kleinen Lautsprecher, der eigentlich auch Radio-Sender via smartphone laut spielen kann: ! Unglaublich: sogar Bayern Heimat kann ich hören, mit Stubenmusik, Diatonischer Harmonika, Geigen, Flöten, Okarina, Zither und Harfe…)
Der Telefon+Elektronik-Laden befindet sich direkt im Gebäude der Moschee, die erst seit März 2002 steht, erst 2007 erbaute man dann auch des schlanke Minarett mit der ultra-marin-blauen Glasspitze, durch die am Morgen die ersten Sonnenstrahlen durchleuchten und das Blau fast himmlische Farben annimmt.
Wir genießen weiterhin in bester Laune unsere motor-bedingte Zwangspause wie einen Erholungsurlaub, das Schwimmen im Meer ist Wellness pur und die Ruhe sicher so heilsam wie ein Ayurveda-Seminar…( Ich lese inzw. S. 420 der 800 S. des so sprachlich so wunderbar geschriebenen Buches von Fabienne: „Noch eine Runde auf dem Karussell – vom Leben und Sterben“ des krebskranken berühmten Spiegel-Journalisten und Kriegsreporters Tiziano Terzani! Ich lese es nur an Bord, seit 2 Jahren. Aber zwischendurch las ich Romanas Buch einer Bengalin, die einen Sari-Laden in Seattle führt. Viel Tradition… viel Vorschriften im Leben- und am Ende der Befreiungsschlag: keine organisierte Hochzeit in Indien, sondern ein Bekenntnis zur „Liebe auf den 1. Blick“ .(Anjali Banerjee: „Der Hochzeitssari“, bei Weltbild)… Lesen ist Luxus…
EOS liegt noch am Anker und wartet auf die Ersatzteile zum Motor. Wenn wir schon auf dem Wasser nicht mobil sind, dann wenigstens auf dem Land. Gestern durchliefen wir das ganze Dorf zur Tankstelle um den Kraftstoff für den Suzuki zu ergänzen. Auf dem Rückweg nahmen wir die „Umgehungsstraße hoch über dem Dorf mit der schönen Aussicht auf das stahlblaue Meer, die vielen Gulets und das Dorf.
Der Morgen, die schönste Zeit. Die Sonne hat die Berge noch nicht erklommen, spiegelglatt liegt das Meer, keine technischen Geräusche, nur die Vögel zwitschern, die Hühner gackern und ab und zu meckert eine Ziege. Und vor allem, die Kühle schmeichelt der Haut. Da durchbricht das Knattern des Beiboot- Motors diese Stille. MICRO EOS bringt mich in den Hafen rüber. Sonntag ist hier Werktag und alles ruht noch. Nach dem Dorf windet sich das Sträßchen höher über eine Ebene und weiter. Plötzlich wirft die Sonne einen Schatten vor mich und die angenehme Kühle weicht einer noch angenehmen Wärme. Bis zu einem knorrigen, alten Baum laufe ich hoch. Letztes Jahr vesperten Gerdi und ich auch hier.
Jetzt steige ich ab in diese Ebene unter mir. Libellen fühlen sich durch mich gestört und fliehen. Auch die braunen Grashüpfer haben Angst vor meinem tödlichen Schuh und setzen zum weiten Sprung an. Felder durchzeihen diese Ebene, getrennt durch Steinmauern. Maschinen haben diese Bauernarbeit schon vor langer Zeit unrentabel werden lassen. Die Steinmauern lösen sich auf, die entsteinten Felder werden nicht mehr bestellt und die Terrassen, die sich weit den Berg hochziehen ebenso.
Was muss das früher für ein Leben gewesen sein. Jetzt stehen von den Häusern nur noch die Mauern. Auch der Pfad durch das enge Tal abwärts trug einst viele Bauern zu ihrer Arbeitsstelle. Die Steine glänzen im Sonnenlicht. Die vielen Füße haben sie abgeschliffen.
Jetzt bin ich wohl einer der ganz wenigen, die diesen Pfad hoch über dem Meer nutzen. Der moderne türkische Bauer hier knattert mit dem Roller die neue und unbefestigte Straße hoch, seine Frau als Sozia im Damensitz. Aber viele Familien ernährt dieses weite steinige und bergige Land nicht mehr.
Jetzt wieder im Dorf ist die frühmorgendliche Stille einer gelassenen Geschäftigkeit gewichen. Auf mein Schnalzen winkt Gerdi vom Schiff. Ich kehre mit der MICRO EOS zurück. Ein feines Frühstück wartet.
Die EOS ankert als letztes Boot links hinten in der Bucht-ein traumhafter Platz zum Bleiben für einige Tage
Gerdi, am Donnerstag,28. Mai 2015
Ich bin im türkisblauen Meer geschwommen und gönnte mir zum Abduschen einen Liter Süßwasser aus dem Kanister, der am Mast hängt. Die ersten warmen Sonnenstrahlen lassen die Ufer hell aufleuchten. Gerhard ist an Land mit dem Schlauchboot und holt frisches warmes Brot. Bald werden auch die Spät-Aufsteher mit ihren Dingies zum Hafen rattern…Die Nacht war ruhig, aber noch ist das ganze Deck gelbbraun besprenkelt von gestern, als der Gewitterwind von den Bergen im Norden plötzlich um 180° drehte, das Schiff wie ein wendendes Auto herumriss und der Scirocco heftig wehte, dass es eine unruhige wilde Karussellfahrt am Anker gab und lebhafte Wellen… Am Morgen war alles voller feinstem Sahara-Sand, Luken, Teakdeck, das ehemals weiße Kajütdach, Baum, Fock…GELB bespritzt vom Regen.
Warum wir noch nicht los segeln? Unser guter alter zuverlässiger Volvo-Motor, der uns 80 Tage brav die ganze lange Donau runter bis ans Schwarze Meer brachte, braucht 3 neue Ventile, Einspritzdüsen. Die müssen in Istanbul bestellt werden und nun liegen wir „manövrierunfähig 10 Tage vor Anker am schönsten Ort der Türkei :-). Aber wir haben Zeit und Geduld. Seit 2 Tagen schwojen wir deshalb schon vor dem Fischerdorf Bozburun, was übersetzt „Graue Nase“ heißt, denn die Felsen des vorgelagerten Kaps sind schroffe, senkrecht aufragende graue steile Felsen, die mich an unsre Fränkische Schweiz bei Eggloffsstein oder an die Sächsische Schweiz an der Elbe erinnern.
Traumhaft umgibt uns eine Kulisse wie gemalt: grüne Hügel, bräunlich-graue Felsen, ziegelrote Walmdächer, mit ockerhellen Felsplatten verbrämte Hausmauern, Geranien, Palmen, leuchtende Hibiscusbüsche, rosa Wolken von Oleander, weißer duftender Jasmin. Beim Einkaufen glänzen koralle-rot die kleinen Blüten der Granatapfel-Bäume, die im Herbst die 8cm-großen glänzenden Granatäpfel tragen werden, Symbol der Fruchtbarkeit mit ihren 740 saftigen knallroten Beeren im Innern. Die Lokale sind noch leer, nur Osman’s Place ködert die Briten, die oft mit 12 gleichen Charterbooten mit ihren roten Fock-Persennings am Hafenkai festmachen wie in Reih und Glied angetretene Soldaten. Bei den 2 Metzgern hängen in einem mannshohen Kühl-Schrank (hinter der leeren Auslage der Glasvitrine, es gibt NUR Frischfleisch) die kopflosen Körper der Schlachttiere: Lamm, Hammel, Bulle in riesigen Teilen…
Bei ihm kauften wir eine Lammkeule, die er in 4 Teile hackte, war köstlich am Grill und auch im Kochtopf mit oriental. Gewürzen.
Am Morgen erwacht man mit dem Blöken der Schafe und Lämmlein, frei m Fels hüpfend, dazu das raunende Zweiton-Gurren der Ringeltauben. Der Immam ruft 5x am Tag mit immer neuen Melodien seine Suren vom erhabenen Allah. 4 gewaltige Lautsprecher hoch oben am Muezzinbalkon des Minaretts lassen den arien-ähnlichen Gesang in alle Himmelsrichtungen erschallen. 2 Minuten wohl. Wenn ich auf der Flöte christliche Morgen- und Abendlieder spiele, kennt er den anbetenden Text ja nicht. Aber die Briten klatschen schon mal Beifall, freuen sich über Greensleeves, Yesterday oder ein slawisches Schlaflied. Gestern erklang vom englischen Nachbarboot ein spanischer Flamenco, klassische Gitarrenmusik. „It’s your turn!“ bat er mich um Fortsetzung des Abendkonzerts an Bord. Danach bekam ich von Gerhard eine Überraschung: „Komm, jetzt fahren wir an Land und gehen zum Döner Salonu Köfte essen!“ Da gehen nur Einheimische hin, gleich an der Moschee. Er hatte auch Ezme, dieses chilischarfe Mus aus frischen Zwiebeln, Peperoni und Petersilie.
Die glänzenden, klebrigen Leckereien vom Imülleri, dem Konditor, haben wir noch nicht probiert. Backlava usw., schwimmend in Zucker, Honig und Öl, winzige Röllchen mit Pistazien in dünnstem Teig.
An Bord gab es Suppe mit restlichen Perlgraupen, mit Zwiebel-Knoblauch-Ingwer angebraten, scharf gewürzt mit India-Curry, Sojasauce, Sambal manis und Chiliflocken. Früh überraschte ich Gerhard mit der wieder gefundenen Erdnußpaste zum letzten eignen Quittengelee. Am Abend werde ich die frischen, grünen Bohnen (Fasulj-wie im Griechischen!) in 5 min. im Drucktopf zubereiten.
Köstlich schmecken- wie im Mai 2011 in Sarande/Albanien am Markt- die reifen kleinen, weißfleischigenNektarinen. Neu für uns sind in der Schale gerösteten in grobem Salz „panierten“ Mandeln. Da unser nur 2 Jahre junger Kühlschrank trotz neu eingebautem Thermostat wieder nur im Dauer-Lauf funktioniert (bei 1 Solarzelle zu viel Stromverbrauch), leben wir wieder mal „ohne“ gekühlte Butter, Milch, Joghurt und trinken warmes Efes-Bier, denn in der Bilge hat es ja auch Meertemperatur, also 25°C.Gerhard sucht in Marmaris nach einer Art Zeitschaltuhr, die automatisch nach 1 Std. das Gerät abschaltet. Uns genügt eine Temperatur von 15°.
Wir genießen die ruhige Zeit hier sehr: herrlich ist der Rundumblick, auf Hügel und die kleinen Häuser an deren steilen Hängen, die vielen schmucken Gulets in Reih und Glied, der menschenleere Strand (nur 1 Wohnmobil parkt da, Erika!) Die kleine runde Insel mitten in der Bucht und die beiden Untiefen sind ein pittoresker Ausblick, es gibt keinen italienischen Musiklärm, nur Ruhe, … Nur wenn ein Gulet ausläuft, brummt der gewaltige Dieselmotor seine männliche „Ansprache“ und die oft 50 m lange Kette knarrt, wenn sie wohl 75m lang in den Schiffsbug eingesaugt wird. Fischer führen ihre kleinen Holzboote heim, mit frischem Fang. Nachts wölbt sich ein un-vorstellbar dunkler Himmel über uns und zeigt die unermessliche Fülle von funkelnden Sternen, über unsrem Mast steht neben dem Top-Licht in dieser Jahreszeit der Große Bär. Venus und Jupiter strahlen hell, ein Halbmond ziert dieses göttliche Himmelsgemälde. „Weißt du wieviel Sternlein stehen an dem großen Himmelszelt? Gott, der Herr, hat sie gezählet…“ spiele ich sanft auf meiner neuen Hohner-ECHO-Mundharmonika.
Unser näcchtlicher Blick auf die Palmen am Hafenrund
Gestern war der Motorman auf der EOS und hat die Ventile neu nachgestellt.
Heute, noch vor Sonnenaufgang rattert mich der Suzuki an der MICRO EOS ans Ufer und ich schlängle mich zuerst auf Ziegenpfaden um den Berg, dann weglos über Fels und durch hartes Gestrüpp auf den Ulusuluk Dag. Der ist nur 209m hoch. Sagt nicht, das sei kein Berg! Für hier ist er hoch und er schenkt eine Aussicht in das weite Rund aus Wasser und Land.
Angenehme Morgenkühle erleichtert den Aufstieg. Die Vögel zwitschern und die schönen kleinen Röslein halten ihre Köpfe noch geschlossen. Lavendel bleibt an Schuhen und Hosen hängen und verbreitet einen angenehmen Geruch. Der Aufstieg ist nicht so heftig wie zu unseren Gipfeln aber dennoch wunderbar. Gelegentlich bietet sich ein Ziegenpfad an, sonst gehts vorsichtig über trittfestesten Kalkstein und durch hartes Gestrüpp. Wegen drohender Fehltritte ist der Blick streng nach unten gerichtet. Da fallen die winzigen Blüten und die kleinen Spinnennetze und die Grashüpfer bei ihren weiten Sprüngen auf.
Unsere saftigen, bunten Alpen-Matten sind kraftvoller und bieten mehr Lebensraum für kleine Tier-Geschöpfe.
Nach dem Gipfel gehts langsam mit Händen und Füßen über den harten Fels abwärts zur Micro-EOS und wieder zum Schiff zurück. Ein Bad im warmen Meer und Frühstück mit Gerdi. Der Tag beginnt angenehm.
Erika hat so schön geschrieben: Liebe Mama, ich wünsch Dir alles, alles Gute für das kommende Jahr. Auf dass ihr gesund bleibt und in guter Stimmung auf dem Meer herumschippert. Behaltet euch immer im Kopf, dass es ein riesiges Privileg ist – nicht nur dass ihr auf solch eine tolle Art Reisen könnt, sondern auch, dass ihr so gesund seid und euch gegenseitig habt. Das ist so viel wert! Habt eine gute Zeit und genießt jeden Tag.