dDer Windflügler drehte sich gemächlich, der kalte Wind war weg, Kormorane rasteten, im Laubufer hörte man Wasservögel, über uns zogen im Keil Wildgänse… So schön kann Flußfahren sein… Ein herrlicher Morgen unter blauem Himmel, wir baden an der Badeleiter. Nach dem Frühstück mit Bohnenkaffee und grünem Tee starten wir, viele Burgen ziehen an Backbord an uns vorbei, Beauchastel. Die Schleuse heißt auch so… Schlimme Vergangenheit: 1944 bombardierten die Deutschen die Stadt… Senkrechte düstere braune Felswände säumen die Rhône, Charmes sur Rhône, Castel Rouge… sicher Ziele der Passagiere der Kreuzfahrschiffe. Ob wir hierher mal zurück kehren- im Wohnmobil?
Portes les Valance... die ersten Alpenan der Steuerbordseite, die Dauphinés… Wolken säumen den zackigen Kamm. Vor uns Valence- da erinnere ich mich, daß ich 1973 mit dem VW-Bus durchkam, am Weg zur Tarn-Schlucht… nach Valencia, Sevilla… auf der 6000km-Landreise bis vor Gibraltar, nach Santander hoch und zurück…
Vorsichtig müssen wir steuern, es treiben Baumstämme im Wasser…
Wir steuern vorsichtig die Marina Éperviérean, auch hier Grundberührung beim Versuch die vorderen Liegeplätze zu nehmen. Aber wir finden einen schönen Platz weiter innen. Viele Deutsche, Schweizer sind da. Teilweise überwintern sie hier. Neben uns liegt wohl, dem Bewuchs nach schon sehr lange, ein Plattbodenschiff aus Holz, wunderschön, aber fast vergessen. Zum Einkaufen aber 30 min Fußweg. In die Stadt VALENCE sind es 5 km… Wir freuen uns auf die Stadt, die die Partnerstadt von Biberach ist.
Dann großes Einkaufen bei Giant, 2 Rucksäcke. Ich brate abends Champignons zum Lollo-Rosso-Salat. Gh. wäscht Frottées und Shirts mit Maschine und Dryer:-). Gut schlafen kann man in einem ruhigen Hafen…Früh gibt’s ne WARME Dusche…
Am Morgen hinter Viviers im Nordwind gegenan hatte ich warme Sachen an und Mütze samt Kapuze. Um 10 Uhr fahren wir in die Schleuse Chateauneuf du Rhône ein. Die Anmeldung via Funk in französischer Sprache klappt, aber die darauf folgende viel zu schnelle Antwort ist schwer zu verstehen… Mittags ließ der Wind nach und es wurde warm. Um 14 Uhr gab’s das Abenteuer mit dem Auf-Grund-Sitzen in der schmalen Einfahrt zu einer Marina… Gerhards Erfahrung ist Gold wert, er beschrieb das Manöver im Blog-Artikel Nr. 99. Ich war sehr dankbar, daß nichts passiert ist, weder ihm (puh, schwerste Winschkurbelei) noch dem Schiff. Um 15.35 konnten wir weiter den Fluß aufwärts fahren und auch gleich in die Schleuse Logis-neuf…Dann ankerten wir auf 8m Wassertiefe seitlich des Fahrwassers im Fluß, setzten den Ankerball(damit andre Kapitäne wissen, daß unser Boot „fest“liegt und nicht fährt oder manövrieren kann) , badeten im Fluß, denn inzw. war es warm draußen, ca. 27°! Das Wasser hat noch 19°, in der Sonne konnte man im Bikini auf Deck liegen… Goldener Herbstanfang. Am Abend koche ich aus 4 Hühnerbeinchen eine köstliche Suppe.
Lila-violett wie Lavendel, Provencefarbe.Kurs Nord, 0.00′
Wie ein in Falten gelegter Wollstoff reihen sich die Hügel aneinander
Nun ist das Schleusen schon fast Routine, aber man hat schon Respekt vor der Höhe der Mauern und der Wassermenge, die einströmt um unser Schiff -oder oft ein riesiges, wie ein Stöpsel gerade noch reinpassendes Kreuzfahrt- oder Frachtschiff -zu heben…
Eisigkalt sind die Temperaturen plötzlich, ich trage Skiunterwäsche, Fleecejacke, Wollsocken, Wollmütze und Anorak mit Kapuze… Eine neue TGV-Brücke sieht von Weitem aus wie ein Diadem. Die vielen Atomkraftwerke sind ganz nah an uns…
Als wir den Anker im Fluß werfen, fällt er auf guten Ankergrund, er hält fest im Sand. Dann brate ich den Rest Nudeln an,…. und wie früher bei Mutti gibt’s dazu in Butter geröstete Semmelbrösel und Kompott- zum Kaffee. Wir können wunderbar schlafen.
Flusskilometer 145, Cruas; in diesem schönen Hafen hatten wir früher einmal angelegt.
Vor der Einfahrt steht eine Strömung und mit äußerster Vorsicht steuere ich EOS schräg gegen die Strömung der Hafeneinfahrt zu. Wassertiefe gut ausreichend. Von jetzt auf gleich Wassertiefe „O“ und schon steckt EOS im Schlick. Eigentlich ist das nicht kritisch, aber falls unser Schiff jetzt freikäme, würde es breitseits gegen die Untiefe getrieben. Dann würde der Fluss die Regie übernehmen und wir hätten keine Möglich keit mehr, selbst frei zu kommen.
Also ist die erste Maßnahme, EOS am Ort gegen Abtreiben zu sichern. Ich schwimme ans nahe Ufer flussauf und bringe ein Tau an einem Seezeichen an Land an. Auch mit voller Motorkraft -Rückwärts bewegt sich EOS nicht. Nun versuchen wir das Schiff mit dem Tau und durch kräftiges Spannen mit der Winsch flussauf in Richtung Seezeichen zu bringen. Dort ist das Wasser etwas tiefer. Ganz langsam bewegt sich EOS, der Bug wendet sich nach stb. Mittlerweile versammeln sich schaulustige Freizeit-Kapitäne und geben Ratschläge. Nach etwa einer halben Stunde steht das Schiff senkrecht gegen den Strom.Dadurch sitzt aber das Heck mit dem Ruder im Schlick fest.
Irgendwie müssen wir EOS schräg aufwärts wieder in Richtung Strom bringen. Wir sitzen mit dem Heck ja noch immer fest im Schlick. Ich schlage nun die Landverbindung auf der gegenüberliegenden Winsch an. Mit aller Kraft spannen Gerdi und ich das Seil mit der Winsch. Und tatsächlich, mit aller Motorkraft und Seilspannung wendet sich EOS dem tieferen Flusswasser zu. Auf einmal ist sie frei! Die Schaulustigen schalten schnell und werfen das Seil über das Seezeichen, damit wir es einholen können.
Noch ein sehr kritischer Augenblick: Kommen wir rasch flussauf ins tiefe Wasser oder treiben wir doch noch gegen die Untiefe?? Die Schaulustigen stehen starr. Wir schaffen es und sind nach einer Stunde endgültig im tiefen Wasser. Noch flattern die Nerven. So ganz beruhigen sie sich erst, als wir weiter flussauf einen herrlichen, sicheren und ruhigen Ankerplatz neben dem Fahrwasser finden. Wieder verabschiedet sich die Sonne mit roter Farbe hinter den Bergen, der Wind schläft ein und hinterlässt einen spiegelglatten Fluss. Gerdi bereitet Pilze zu und auch das Bier schmeckt wie das Essen, bestens.
Hier noch eine Nachlese zu den vergangenen Tagen: Flickir-Album mit Fotos und vorneweg Text!
Die Nacht verbrachten wir, da man ja nachts nicht auf Fluß und Kanal fahren kann/darf, in einem Abzweig des Kanals, in der Vieux Rhône. Anleger gibt es nicht, so banden wir die EOS an einem alten Schwimmponton fest, abenteuerlich die Altreifen,die als Fender dienten: im Schlamm in den Reifenhöhlungen wuchsen schon richtige Bäume! Vorsichtig bugsierte ich den vorstehenden Mast sicher daran entlang, Gh. kletterte behende auf den hohen Ponton und vertäute die EOS.
Auch Manuel machte bald hinter uns fest. Ein Sonnenuntergang in orange und ein sagenhaft klarer Sternenhimmel an diesem extrem dunklen Platz verschönte die Nacht! Der rasende TGV aber sauste mit Donnergebraus über die Brücke! Ein Schauspiel!
Schon während der Fahrt hatte ich um 18 Uhr begonnen, den Eintopf aus Gemüse vorzubereiten. Sofort nach dem Anlegen konnten wir speisen!!!
Wir haben wunderbar geschlafen, sicher vertäut. Am Morgen um 7 löste Gh. die Leinen,nach einem Blitzbad im Fluß, 20°C… Tee, Kaffee und Brote gab’s heute für uns nacheinander, denn einer stand an der Pinne. 14° kalt, ich band die Kapuze eng und drunter war zum 1. Mal die Wollmütze!!!!! Kurs Nord, 10°, kalt von vorn der Mistral. Holt man nun was aus der Bilge(dem Vorratskeller überm Kiel) ist es „warm“, denn da hat es die Temperatur des Flusses, also 6-8° wärmer als die Luft oben. Um 9.25 Uhr machen wir am Ponton „pour les bateaux de plaisance“ fest, um die 40 Minuten abzuwarten auf die Öffnung der 23 m hohen Schleuse von Bollène, früher mal die höchste Europas!
Diese neue TGV-Brücke sieht beim Ansteuern aus wie ein Diadem.
Die 2 Atomkraftwerke sahen aus wie Fukushima…!! Da sind mir die Windflügler schon lieber…
Mit viel Wind auch heute geht es fast 35 km im Kanal nach Norden, bis Viviers, wo ich vor Jahren mit dem Heimat- u. Trachtenverein Montfort war und mit der Stubenmusik beim Heimatfest dort auftrat mit der Geige… Es war die Stadt der Partnerklassen des Gymnasiums Tettnang.
Wir ankern auf etwas schlitterigem Grund in der alten Rhône, ich brate wie Mutti früher Semmelbrösel in Butter und serviere zur Kaffeestunde Birnenkompott dazu. Beim Baden an der Badeleiter hat der Fluß kühle 19°C.
Am 1. Geburtstag vom Emil, unsrem Enkelkind, erreichen wir Avignon. Schwere Wolken hängen über der Stadt, der Mistral peitscht die Rhône, es ist gemein kalt! Anorak, Kapuze, Faserpelzjacke…kalte Pfoten bekomm ich bei meiner Wache an der Pinne, von 9.45 bis um 11. Dann kommt die 5-fächrige Schleuse! Das Schweizer Lustschiff Amacelli kriecht vor uns in die Kammer. Um 12 Uhr taucht kulissenhaft die mittelalterliche Kulisse der Stadtmauer und Dompaläste von Avignon auf, die Gold-Marie segnet mit liebevoller Geste die Stadt. „Sur le pont d’Avignon“ tummeln sich zahllose Touristen, die Smartphones knipsen eifrig unsere EOS, als wir den Torso seitlich umfahren. An der nackten Kaimauer findet sich zwischen einigen hier festgeleinten Booten ein freier Platz. Nicht ganz einfach, in der Strömung und bei dem bissigen Wind anzulegen… Der Mast steht vorn und hinten gefährlich weit über. Aber „wir schaffen das“.
Auch Manuel+Julitha sind da! Wie komm ich an Land??? Mit dem irgendwo verletzten Sturz-Arm kann ich mich nicht wie sonst an der Mauer hochziehen, ca. 1 m. Mein Retter Gh. legt unsere Gangway vom Kajütdach waagrecht auf die Kaimauer-Ebene und so kann ich rauskrabbeln…Avignon, wir kommen. In Faserpelz, Anorak u. Schal…
Vorn die Brücke, rechts oben unser Nachtlicht mit Rundum-LED in der Flasche:-)
Wir steigen hoch zum Papst-Palast. Viele Busse sind da, Schülergruppen aus D, Spanien, Schweden, Italien. Ich will den Pomp der katholischen Kirche nicht sehen!!! Wir setzten uns auf nen Caffè und eine Menthe à l’eau auf den Domplatz, das Lokal heißt „Senfmacher des Papstes“, und beobachten die Leute, unterhalten werden wir von einem Jazztrompeter und einem Tango-Akkordeonspieler, der aus Bukarest kommt. Endlich esse ich mal eine der hiesigen Spezialitäten, eine süße Crèpe mit Zimtzucker. In den Schaufenstern sehe ich die alten Trachten der Provence-Landsleute…
Im Windschatten der Häuser bummeln wir in den Gassen, überall wird Seife in allen Farben verkauft, es duftet allerorten nach Lavendel. Schürzen, Tischtücher, Frottées und Lavendelsäckchen kauf ich nicht, aber eine Spieluhr mit Kurbel und der Melodie „Frères Jacques“-unser 1. Souvenir seit den 4 weißen Kieseln von Albanien hinter Orricum…
Am Abend meiden wir noch einmal den Blasewind und laufen in die Altstadt, essen in einem Lokal am Hôtel de ville(Rathausplatz) das überall auf Schiefertafeln angeschriebene Gericht „Magret de canard“(Entenbrust) und die 1. Dorade vom Grill. Eine Brasilianerin übersetzt-aber Leber, die sie zeigte, war das nicht!;-) (das hieße auch foie!)
Starkwind, Wellen und weiße Gischt auf dem Fluß… Stärke 8? Wir beschließen am Montagmorgen, doch noch eine 2.Nacht zu bleiben.Unser Internetguthaben ist mit 4 MB aufgebraucht, der Laden hat Montags zu. Wir gehn einkaufen.Beim Rückweg sind wir zwei Last-Esele:-)…Mit dem kostenlosen Elektro-Fährboot lassen wir uns ans andre Ufer bringen, rüber zur Promenade, das feine Restaurant „Le bercail“ hat eine große Gruppe auf der windverblasenen Terrasse, wohl vom Kreuzfahrtschiff. Ein ausgedehnter Campingplatz hat nur noch Wohnmobile zu Gast. In der Auberge des Jeunes kommen gerade junge Schweden an, im T-Shirt, Top und Shorts, ein Schock, der eisige Wind beim1. Aussteigen aus dem Bus…Nach unsrem windigen Marsch nehmen wir wieder die kleine Fähre zurück zur EOS.
Am Abend koch ich selbst: Eine große Schüssel mit Salat Lollo Rosso, Champignons mit Zwiebel, Knoblauch, Crème Fraîche und Bandnudeln d’Alsace. Beim Essen fegt der Mistral kalt in unsre Kajüte… Dann besuchen uns Manu und Julitha, es gibt Cidre und Tacco-Chips. Sehr interessant, was die beiden schon erlebt haben!! Manu sucht nun eine Stelle, nach 2 Jahren Pause nicht so einfach, er ist sooo vielseitig, spricht englisch, spanisch, französisch, hat so viel Erfahrung in allen möglichen Arbeitsfeldern, in Afrika, Venezuela,.. Auch Julitha …liebenswert, sie wollte als 4.Kind der Familie Ärztin werden, zu teuer, also „nur“ Krankenschwester… Pharma-Vertreterin? Wir wünschen den beiden einen Entdecker, einen Förderer,… Im „Bercail“ sind nachts um 1 Filmaufnahmen im Stockfinstern, Models oder Hochzeit? Mit 1 beweglichen Scheinwerfer im dunklen Altbau, romantisch.
Am Di-Mittag verlassen wir(:-) nach einer warmen Dusche in der Capitanierie ) den Kai in Avignon und steuern bei immer noch viel Wind weiter nach Norden, Un 14,30 mach ich leckere Brote und einen großen Obstteller. Um halbzwei fahren wir mit Gischtwellen in die in die Schluese Île d‘ Avignon, um halbfünf in die 7m hohe Écluse de Corderousse. Das Atomkraftwerk Marcoul stört meine Ruhe… , die _Windflügler versöhnen ein wenig.
PS: 21.Sept. Heute fuhren wir nach urigem Ankerplatz an einem Schwimmponton, bei dem in den Altreifen-Fendern Bäume wuchsen, zur 23m hohen Schleuse von Bollène, und weiter, insg. 35 km im Kanal bis Nähe Viviers, aber der Anker hält nur unsicher im Kiesgrund im Original-Fluß. Vor uns kommt dann gleich die Schleuse.