Der Reisekreis hat sich geschlossen

Eine Mail an die Begleiter auf der Reise

Die Ansteuerungstonne „Ariadne“ schaukelt einsam mitten im Boddengewässer zwischen Rügen und Greifswald.

Liebe Reiseteilnehmer,

gestern hat uns EOS an dieser Tonne in flotter Fahrt vorbei gesegelt. Ein besonderer Augenblick, denn als wir im April zu unserer Ostseereise gestartet sind, haben wir am zweiten Tag diese Tonne auf dem Weg nach Polen passiert. So hat sich dieser „Reisekreis“ hier und jetzt geschlossen. Drei Wochen möchten wir in diesen Gewässern noch segeln, dann werden wir am 7. Oktober die Reise in Neuhof bei Stralsund beenden.

Jan und HaJü, ihr hattet mich auf dem kältesten Teil der Reise begleitet und dazu noch bei heftigem Gegenwind. Das war alles andere als angenehm. Kein Wunder, dass uns die Ostsee alleine gehört hat. Es gibt eben nicht viele „harte Hunde“ dieser Art. Dann waren da noch die Schießgebiete als Relikte vergangener Verteidigungsstrategien. Hinter Kaliningrad haben diese Millitäreinrichtungen nirgends mehr eine Rolle für uns Segler gespielt. In Danzig fand dann Euer Reiseteil noch ein kulturelles Ende. Ob Ihr wohl vor Reisebeginn mit diesen widrigen Wetterverhältnissen gerechnet habt? HaJü, da ist selbst ein nordschwedischer Kälteanzug überfordert. Herzlichen Dank, dass Ihr mich auf diesem ersten Kälteteil begleitet habt! Ich reiste heim zur Hochzeit unsrer Tochter im Allgäu!

Rainer, wir haben in Danzig einige Tage auf gutes Wetter gewartet, dann ging’s rüber nach Hel und von dort bei nahezu Windstille weitab von russischem Staatsgebiet in einer Nachtfahrt nach Klaipeda. Was wohl aus dem „Goldfisch“ geworden ist, der das gute Zeitfenster verstreichen ließ? Und es hat sich auch nie geklärt, warum er in Kolberg(?) aus einem komplett leeren Hafen vertrieben wurde, während wir bleiben konnten. Hafenmeister-Ideen können seltsam sein. Dann hat uns wieder Gegenwind empfangen und auch wir wurden nicht von Kälte und Spritzwasser verschont. Etwas ruhiger wurde es dann zwischen den estnischen Inseln. Leider blieb auf dem Weg dorthin mein guter Bügelanker auf steinernem Meeresgrund. Vor Tallinn mussten wir  wegen sehr unangenehmem Gegenwind vorzeitig noch einen geschützten Ankerplatz neben einem Fährhafen ansteuern. Tallinn war unsre Bunkerstation für Bier. Die Dosen haben dann auch monatelang in Finnland und Schweden gereicht. Rainer, danke dass Du dabei warst!

Mit Gerdi ging es am 7. Juni von Tallin neben der Fährroute nach Helsinki, ein Tagestrip. Ab da galt die Aufmerksamkeit der Kardinalbetonnung mit den diversen Farbkombinationen Gelb und Schwarz. Verwirrung wenn man nicht weiß in welche Himmelsrichtung man gerade fährt. Aber man gewöhnt sich schnell daran, wenn der dazu extra angeschraubte Kugel-Kompass ständig direkt vor einem ist und die Richtungsbedeutung der Farbkombinationen auf einem Zettel in der Plicht sichtbar ist. Von Helsinki nach Hanku war dann die gesamte Schärenpalette geboten. Fröhliches Fahren durch enge und weite Fahrwasser, vorbei an 1000 Pricken, vor hohen Wellen geschützt, aber auch in den flachen, baumlosen Außenschären ohne Windschutz mit ganz kleinem Vorsegel zwischen schmalen roten und grünen Torpricken durch und um viele viele gelb/schwarze Untiefen-Pricken herum. Fehler darf man sich hier keine leisten und immer ist nur das flache Wasser zwischen 3 und 10 Metern unterm Kiel! Dösen an der Pinne nicht erlaubt. So konzentriert ging’s dann nahezu die ganze Reise nach Norden und rüber nach Schweden. Der GPS-Strahl war unsre Leit-Linie. Außer an den „Hohen Küsten“ in Schweden. Dort sind die „Berge“ bis 300 m hoch und die Fahrwasser tief und die Ankergründe gut. Da konnten wir auch mal kreuzen. Die Schweden werfen gerne den Heckanker und machen mit dem Bug an steilen Schären fest. Das hat bei uns anfangs nicht gleich geklappt. Aber wir beide lernten es schnell und fanden es auch gut, direkt vom Schiff an Land steigen zu können.

An der Ostsee weht der Wind viel kräftiger als bei uns am Bodensee. Ab September war er dann ein richtiges Hindernis. Immer aus Süden, wohin wir wollten. Manche Tage verbrachten wir im Hafen. Und bei der 25-stündigen Überfahrt von Karlskrona nach Sassnitz wehte es ausgerechnet stark direkt von achtern. Eine wilde Schaukelei mit einer Regendusche im Morgengrauen. Wenn ich mich recht erinnere war das der einzige richtige Regentag der ganzen Reise. Wasser kam eher von der See hoch.

Jetzt in Greifswald warten wir wieder auf weniger Wind. Wir haben noch viel Zeit bis zum Auswassern. Gerdi und ich, wir beide sind ein eingespieltes Team. Gerdi steuert viel exakter als ich. Ihre Anlegemanöver sind vorsichtig und sicher. Und zu zweit ist das Leben auf dem Schiff doch einfacher und die Bordküche gut. Schön, dass Du dabei bist. Ohne Dich hätte ich die Reise wohl nicht unternommen. Eigentlich müsste ich Dir jeden Tag danken.

Jetzt genießen wir  die letzten Seemeilen an der Küste, werden noch da und dort ankern und kleine Häfen besuchen, bis am 7. Oktober EOS aus dem Wasser gehoben wird. EOS hat uns nie im Stich gelassen. Sie ist klein aber stark. Wir haben uns nie unsicher gefühlt. EOS gehört zum Team.

Gestern war die Ostseerunde beendet und heute am Sonntag haben wir den riesigen St. Nikolai-Dom zu einem Dank-Gottesdienst besucht. Eine lange Reise, keine ernsthaften Probleme. Gottes Segen war mit uns.

Herzliche Grüße mit viel Dankbarkeit sendet Euch

Gerhard

Abschluss der Reise in Deutschland

Der Reiseweg in den Boddengewässern bis sich der Reisekreis geschlossen hat

Reiseweg(4)

Der gesamte Reiseweg bis zur Rückfahrt in die Boddengewässer


GERDI:

Dank sage auch ich meinem Mann, dem Navigator der langen See-Reise mit ca. 4800 km über mehr als 5 Monate. Er hat mich immer ermutigt, wenn ich -trotz all meiner Segelerfahrung!- ein wenig zaghaft wurde angesichts des starken Windes. Auf dem Törn reparierte er wo nötig alles selbst (bis auf das eingerissne Vorsegel in Nynäshamn) und war der zuverlässige Frühstücksboy. Unsere Rucksack-Einkaufstouren waren stets spannend… Ich gab mir als Smutje alle Mühe, abwechslungsreich und gesund zu kochen, denn gutes Bordessen hält Leib und Seele zusammen.

Seit 1981 segeln wir nun gemeinsam, das schmiedet aus 2 Ehepartnern ein gutes harmonisches Team. Seemannschaft ist an Bord lebensnotwendig, und um Gottes Hilfe betete ich nicht vergeblich. So geht dieser für uns zwölfte große mehrmonatige Segeltörn bald zu Ende und wir wissen um die Gnade, solche Reisen unternehmen und meistern zu können- ohne Schaden an Mannschaft und Boot. Unsere EOS ist nun 45 Jahre alt und wir führten sie in das Land ihrer Erschaffung zurück, nach Schweden.. Auch das war ein Erlebnis. Wir blicken als über 70-jährige Segler dankbar zurück und hoffen, dass euch Lesern unsere Erlebnisberichte und Fotos im  Blog gefallen haben.

 

Eine Fahrt wie auf dem Fluss

Reiseweg(1)Man könnte die Strecke von Öregrund nach Stockholm auch „außen rum“, also zum großen Teil außerhalb der Schären fahren, das ginge sicher schneller. Wir haben aber Zeit. Quer durchs Land zu fahren bietet mehr Ausblicke und mir fehlen für das südliche Schärengebiet noch zwei Seekarten. Die soll es in Norrtälje geben.

Grisslehamn ist ein quirliger Hafen, besonders jetzt kurz vor der Ferienzeit. Der Ort hat zwei Häfen, einen auf der Schärenseite, wo EOS liegt, und einen auf der Seeseite, von dort hat Joachim die Fähre zu den Ålandinseln genommen zur Kajakfahrt.

Wir legen ab und fahren ein kurzes Stück mit Motor, dann biegen wir in den Vardö-viken ein und setzen Segel. Langsam lassen wir uns vor dem Wind durch den schmalen Sund treiben. Wie immer begleiten uns glatt geschliffene Schären und kleine schnuckelige, aber auch mächtige, ja protzige „Ferien“-Häuser. Auf dem Wasser begegnen wir langsamen Segelbooten und rasenden Motorbooten. Sie bringen uns zum Schaukeln. Es ist ganz normal hier, mit unverminderter Geschwindigkeit vorbeizufahren. Das Boot ist in diesem Revier mit den vielen Wasserwegen normales Transportmittel. Der Wind will uns necken, immer bläst er aus der Richtung, in die wir fahren. Schließlich bergen wir die Segel. Die erste Brücke stellt mit 17 Meter Höhe kein Hindernis dar. Zur zweiten Brücke in Älmsta kommen wir gerade zur vollen Stunde als sie geöffnet wird. Die dritte und letzte Brücke zeigt auch grünes Licht und ist zur Seite geschwenkt. Jetzt noch ein paar Minuten und wir biegen in den Granösundet, unsere Ankerbucht ein. Der erste Ankerversuch scheitert, irgendwie ist ein Hindernis unter Wasser im Weg. In einer anderen Ecke der Bucht klappt das Ankern. Wenn der Anker mit 1500 Upm rückwärts nicht ausbricht, hält er auch heftigem Wind stand.

Der Wetterbericht sagt 5-6 Bft voraus. Ich fahre den Anker nochmals mit 2000 Upm ein, sicherheitshalber. Gerdi brät feine Halsgrats, dazu gibt’s fränkischen Kartoffelsalat und ein Restbier aus Estland. Wie vorausgesagt frischt der Wind nachts auf, EOS aber schwoit sicher am Anker. Granösudet, die Blätter der Bäume am nahen Ufer rauschen angenehm. Wir haben ein gutes, sicheres Gefühl.

Am anderen Morgen, 30.7., starten wir mit kurzer Motorfahrt und wechseln dann zum gerefften Vorsegel. Der Wind kommt böig und seitlich. Dann die Abzweigung in den engen Vätö-Sundet. Wir verkleinern die Fock, brausen aber dennoch mit 5 Knoten dahin. Auf beiden Seiten Ferienleben, viele Häuschen, Anlegestege mit Motorschiffen. Jeder hat hier wohl seinen Wasserflitzer. Kein Wunder bei den vielen Wasserwegen. Draußen auf See wärs jetzt ungemütlich, hier aber haben wir den Wind, aber keine Wellen. Also lockeres Dahincruisen. Noch eine letzte Biegung, ein letzter Stein in Wassermitte drängt uns Segler ans Ufer, dann sind wir im breiten Fjord. An dessen Ende liegt unser Ziel Norrtälje. Der Wind frischt noch mehr auf. Der Hafen ist dem Wind voll ausgesetzt. Seegang. In den schmalen Hafen ohne Kenntnisse einzufahren ist zu riskant. Wenn etwas nicht klappt, haben wir keine Möglichkeit zu wenden. Wie am Bodensee zwischen zwei Pfählen an die Hafenmauer fahren wollen wir auch nicht. Wenn da etwas schief geht, stecken wir auch dort in der Klemme. Wie entschließen uns zurück zu fahren und uns an eine der Bojen vor dem Hafen zu legen. Da liegen wir dann in der tanzenden EOS und der Wind brummt in den Wanten.

Am anderen Morgen legt der Wind eine Pause ein und wir verlegen um 7 früh in den Gästehafen von Norrtälje bevor der Wind wieder zulegt. Auch in dieser Stadt hat sich „Lidl“ ausgebreitet. Wir können da nicht widerstehen und nutzen das deutsche Angebot. Nürnberger Rostbratwürstle, Emmentaler Käse, durchgebackenes Brot, gemischtes Schwein+Rind-Hackfleisch und haltbare H-Milch, die hat Gerdi in Schweden noch nie entdeckt, trotz Hausfrauenbefragung, unbekannt! Schwer bepackt treten wir den Rückweg an und wandern am Nachmittag in die entgegengesetzte Richtung zu einem Marine-Laden. Eine Seekarte, Reinigungszusatz für Toilettentank und Pillen für den Trinkwassertank.

Irgendwie ähneln sich die Städte um den Bottnischen Meerbusen.  Sie entstanden im 18. Jahrhundert und wurden im vorletzten Jahrhundert von den Russen oft niedergebrannt. Die Häuser der Stadtkerne sind aus Holz, die Strassen gepflastert. Alles macht einen heimeligen Eindruck. Außenrum breiten sich wie überall Wohnblöcke und Einkaufszentren aus. In Norrtälje plant man einen riesigen neuen Wohn-Park mit Appartementhäusern, Freibad, Liegewiesen, Hochhäusern und architektonisch gewagten Anlagen am Fluss.

Die warme Temperatur der letzten Woche ist ins Gegenteil umgeschlagen. Statt 30 Grad nur noch 14 Grad. Nur noch die ganz abgebrühten Schweden tragen kurze Hosen. Statt dessen sieht man die ersten Daunenanoraks. Shorts und Kurzarm-Hemden hängen zu Sonderpreisen vor den Läden.

 

Tricky ablegen,wilde Fahrt und wunderbarer Ankerplatz

Storklubben hat wirklich einen winzigen Hafen. Ehemals war da ein Lotsenboot stationiert. EOS ist das erste Schiff an diesem Tag. Nacheinander kommen noch vier weitere. Wie dann ablegen bei diesem kräftigen Wind? EOS entwickelt ja ein Eigenleben und will bei Rückwärtsfahrt dahin wo SIE will! Wir müssen EOS drehen. An Bug und Heck bleibt nur jeweils ein Meter Platz. Eine lange Leine vom Heck über den Bug an Land zum Helfer, eine Leine vom Bug zum zweiten Helfer an Land. Dann alle Festmacher lösen. EOS dreht in den Wind. Bug- und Heckleine drehen EOS die restlichen 90 Grad und ich an der Pinne korrigiere, damit wir kein anderes Boot rammen. Hat ausgezeichnet geklappt.

Draußen dann 4 bis 5 Bft von achtern. Teilweise nur unter gereffter Fock. Eine mächtige Schaukelei und nicht einfach, den Kurs zu halten. Aber Gerdi macht das sehr gut. Sie kann das besser als ich. Dann zeigt uns die elektronische Route (und natürlich die Papier-Seekarte auch) die notwendige Kursänderung und etwas später die Einfahrt in den Fanby-viken-Fjord. Vorher passieren wir aber noch ein kleines, kahles Inselchen ganz voller Kormorane. Sie leben vom Fischfang und scheiden kräftig aus. Man riecht das sehr stark. Dann Vorsegel einrollen und langsam mit Motor in den schmalen, langen Fjord. Langsam, weil er so schön ist. Birken und Laubwald zieht sich die Hänge hoch. Wir sind ja an der „Hohen Küste“ (na ja, 100 m ist in Schweden auch schon hoch). Bauernhöfe an den Hängen, Bootsschuppen am Wasser. Um in diesen wunderbaren Gewässern zu reisen haben wir auf den allerletzten Ostsee-Norden verzichtet.

Was für ein Ankerplatz! Schilfufer, Wiesenhänge und diese Ruhe. Ab und zu Hundegebell, gurrende Tauben, sonst nichts. Und: Ein Reh quert vor uns den Fjord.  Gerdi macht Pfannkuchen zum Kaffee. Nur eine Mail trübt, Michi hatte einen Gleitschirm-Unfall. Hätte aber schlimmer ausfallen können.

… und hier noch der Track mit unserem Navigationsprogramm