Der erste Morgenschein…Viele Steine und Untiefen…. vorn rechts raus tasten…
Gerdi, 22. August 19
Unruhig und in den Querwellen schaukelnd wie in einer Hängematte schliefen wir am Anker… Da 5 Windstärken vorhergesagt waren, standen wir um 6 auf. Noch etwas fiebrig von der Erkältung segelten wir hinaus aus der Bucht und fast blau lag vor uns die flache runde Insel Blû Jungfru , als der erste Sonnenstreif in der Morgendämmerung auftauchte. Mittags waren wir an Oskarshamn vorbei und ankerten.
Gerhard wird über diese letzte Schärenstrecke schreiben. Hier nur meine Fotoserie:
Grüne Pricke auf Untiefe bleibt an backbord= links…
Rote Pricke bleibt an steuerbord= rechts. Nur noch 2-3 m Wassertiefe….
Schon um 12 fiel der Heckanker. Rechts die braune Leine, links die blaue am Baum
Am Abend koche ich mit Aubergine, Zucchini, Paprika, Tomate, Zwiebel, Wein, Zitrone+ Knoblauch eine Pfanne voll Ratatouille.
Die Insel Alö verzweigt sich an ihrer Ostseite in eine vielarmige Bucht mit vielen sichtbaren und unsichtbaren Steinen. Mit Schleichfahrt steuern wir in der Einfahrt um die ersten Unterwasser-Felsen. Dann fesseln uns die Möglichkeiten hier in dieser Bucht. 6 Meter zeigt das Echolot, dann 3, dann 0,7. Voller Rückwärtsgang, aber zu spät. Ein Schlag, EOS schüttelt sich und steht. Da haben wir einen Fels übersehen. Er ist als winziges Kreuz in der Seekarte vermerkt. Ärgerlich, man darf sich nicht gleichzeitig mit zwei Problemen befassen: Den sicheren Weg wählen nach einem Ankerplatz Ausschau halten und dazu noch Reden. Gut dass die stabile EOS so einen Schlag mit einer kleinen Delle am Kiel wegstecken kann. Nach einigem Suchen steuern wir äußerst vorsichtig eine passende Schäre an, senken den Heckanker und sichern den Bug mit den Leinen an zwei Kiefern. Gerdi stellt den Motor ab und nun ist Stille um uns. Wie angenehm! Der Blick in die Runde. Vor uns die hohe, dunkle Schäre, etwas Schilf, Kiefernwald und ein Zweig über dem Bug unserer EOS. Vier Schiffe teilen sich die große Bucht. Flache Riffe ragen kaum aus dem Wasser. Rundum Fels und Wald.
Das Schiff zu verlassen ist einfach. Ein Sprung vom Bug und man steht auf dem Felsen. Bei meinem Spaziergang nehme ich diesmal das GPS mit. Der wilde Wald ist überall gleich. Vor ein paar Tagen habe ich mich in ihm fast verlaufen. Ich blicke von der hohen Schäre nahezu senkrecht auf unser Schiff herunter. Gerdi spielt Flöte und ich höre die Musik beim Laufen. Bäume und Felsen sind mit vielen Arten von Flechten und Moosen überzogen. Was alt ist fällt um und vermodert. Der harte, von Gletschern der Vergangenheit glatt geschliffene Granit bietet den Schuhen besten Halt. Zurück am Schiff umfängt mich wieder die Stille. Nur die Wipfel der Bäume rauschen leise im Wind. Diese Ruhe vermisse ich am Bodensee. Gegen Abend färben sich Fels und Wald rötlich, das Rot der höheren Breiten, bei uns im Süden ganz selten und nur im Winter. Das Ufer spiegelt sich im vollkommen stillen Wasser. Unglaublich schön hier. Gerdi zaubert Selleriebrätlinge zum Abendessen. Dazu gibt’s rote Linsen und das dünne schwedische Bier. Schmeckt auch (noch).
Die Nacht ist jetzt wieder dunkel, Planeten und Sterne ziehen ihre Bahn. Das volle Programm der Gestirne fehlt noch, dazu sind wir um diese Jahreszeit doch noch zu hoch im Norden.
Um 9 Uhr verlassen wir die hübsche Stadt Västervik und segeln im Sonnenschein nach Süden. Und da weht auch der Wind her… So rufe ich öfter: „Klar zur Wende! Ree!“…. und das muss schnell gehen zwischen vielen Untiefen-Pricken und Leuchttürmen, die auf Felsen stehen oder auf flache Stellen hinweisen… Wieder trägt der Wind dunkle Regenwolken zu uns…
Wir steuern die Eos behutsam durch zwei enge Durchfahrten zwischen den Inseln… Blick aufs Smartphone, aufgepasst!! Ohne GPS unvorstellbar, da den Weg zu finden, wo es mindestens 3,5 m Wassertiefe hat.
Ob es regnet? ..nein!
Um 14.30 Uhr biegen wir in die große Bucht im Süden der Insel Alö ein. Traumhaft still… Gerhard wirft den Heckanker und springt mit 2 Landleinen auf den Felsen und zu 2 Bäumen. Er berichtet im nächsten Blog selbst, auch vom Landgang.
Als Gerhard zum Fels klettert, der fast senkrecht vor unsrem Bug aufragt und von hellen Moospolstern und isländischen Flechten besetzt ist, hole ich die Blockflöte und flöte im Cockpit romantische Melodien… Greensleeves, Amazing Grace, Wer nur den lieben Gott lässt walten, Die Güldne Sonne, Nun danket alle Gott, Großer Gott wir loben dich, Russische Tänze… – da bekomme ich von 2 Segelbooten Applaus.
Am Abend färben sich die grauen Felsbuckel zart orange… – wunderschön. Ich sitze und träume, und danach brate ich panierte Selleriescheiben in der Pfanne, indisch gewürzt das Ei der Panade – dazu gibt’s Dhal- rote Linsen
Früh wandern wir mit unsren Notebooks zum espresso house Café, um mit deren Internet unsere Blogs und Fotos hochzuladen. Viele arbeiten hier mit ihren tablets und Schreibblöcken, ob Studentinnen oder Freelancer oder einfach einer in seiner Pause ist nicht erkennbar. Sehr gemütlich die Möblierung, fast wie ein Wohnzimmer mit Ledersofas, Sesseln und vielen Kissen. Das Gegenteil von Mc Donalds, es lädt zum Verweilen und Bleiben ein.
Ohne Fleiß kein Blog. Unsere tägliche „Hausaufgabe“: Schreiben und Fotos bearbeiten….Blick zur Altstadt mit St. GertrudEin Seehund ist das Maskottchen von Västervik, so nett!
Gestern war Einkaufstag, mit Rucksäcken und Regenschauern. Heute schauen wir uns die Stadt an. Schmuck und recht modern, eine Fußgängerzone mit Pflastersetein-Ornamenten(aber am gr. Platz fahren doch die Autos langsam durch). Wir laufen durch die alten Holzhäuser-Gassen, Fabrikgatan, früher war die ganze Region ein Zentrum des Holzschiffbaus. Nett die kleinen typischen Stehlämpchen mit weißem Schirm oder die schönen Modellschiffe hinter fast jedem Fenster. In der Altstadt blühen fast an jedem Haus üppige Rosenbüsche mit zartem süßem Duft.
Am Ende der Straße die riesige Petruskirche…
Wir spazieren zu der markanten weißen Kirche mit dem dicken Turm und dem goldnen Stern am Dach. St. Gertrud. Eindrucksvoll die aufgehängten dominanten Schiffsmodelle, die Deckenmalerei, die Bilder an der Orgelempore (Zion, der Tempel in Jerusalem), die Sitzbankreihen mit Nummern und absperrbaren Türchen, die ausklappbaren Notsitzle im Gang. Kronleuchter und Schnitzereien an der imposanten Kanzel, so nett der Holzengel – realistisch wie ein Enkelkind.
Reich geschnitzte Kanzel und ein reizender Engel….
In der Stadt lockt uns ein Imbiss- ein Krabbenbrot …lecker,naturbelassen wie der Salat, mit 3,5%igem Leichtbier. Als Gerhard sich eine Serviette für seinen Strömling holt, schnappt sich ein Spatz seine dreieckige Toastscheibe!!! Aber die erobert sich Gh zurück!
Dicke dunkelgraue Regenwolken ziehen auf und wir laufen am Hotel an einem ganz neuen Hafen vorbei zur Hebebrücke und landen in einem neuen Park an der Ruine der alten Bastion. Dort tönt plötzlich aus Guß-Grammophonen im Rasen Plauderei und Jazz- eine überraschende Art von Kunst im Park. In einem Rondell mit Rundum-Sichtzaun steht ein Kahn, wie sie hier früher gebaut wurden, unten 6 Paar Menschenfüße drunter, witzig. Wir nützen diesen „Käfig“ und üben einige Figuren aus unsrem Tanzrepertoire.
Nun gehen wir hinauf zu dem hohen schlanken Turm, wohl früher ein Leuchtturm? Und dann regnet es beständig und wir stellen uns zwischen den pechglänzenden kalfalterten Museumsbooten neben dem Heimatmuseum unter. In der Ausstellung „naturum“ zum Naturschutz stehen Mikroskope, Aquarien, Seeadler-Modelle, Fische, Filme über die Mikroben und Amöben, eine Stele gefüllt mit Plastikmüll regt zum Müllsparen an… Mülltrennung klappt aber in den Städten noch schlecht, oft nur Glas oder Papier, aber nicht Dosen oder gar Plastikverpackungen. Das landet alles im Restmüll, auch im Hafen.
Als der Schnürlregen etwas durchsichtiger wird, wandern wir zurück zur Altstadt und besuchen auch noch die katholische turmreiche St. Petri-Kirche… Um 1900 stellte man derart viele Spitztürmchen aufs Dach, dass es fast an den Kreml erinnert, aber da sind es ja Zwiebelturmhauben aus Gold….
Zurück bei der Pampaswerft gibt es vegetarisches Abendessen, Pilzpfanne – wobei mein Kochjunge fleißig beim Zwiebel- und Champignonschneiden hilft. Lecker und frisch serviere ich dazu Ruccola-Salat mit Walnußessig, Walnüssen und Apfelscheibchen.
Draußen geht orange-rot die Sonne unter und der aprikosenfarbene Himmel mit dem Turm… das sieht aus wie Venedig, von San Giorgio aus rüber zum Markusplatz mit dem Campanile! (1983 mit unsrer „Marion“…) Das neue Kongresshotel ahmt ein wenig die Silhouette unsrer Hamburger Elbphilharmonie nach. Davor entstand ein neuer Bootshafen,nun noch ganz leer. Edel das Restaurant. Man kann drum rum walken, oder auf Treppen davor rasten. Ich mag die Ideen der schwedischen Architekten!
Vom Arkö-Sund nach Halsö sind es 32 Seemeilen. Wir wählen nicht den bei diesem starken Wind gefährlicheren direkten Weg durch die äußeren Schären, sondern den Umweg an der inneren Seite. Dort können wir zumindest 1/3 des Weges ganz hart am Wind segeln. Den Rest müssen wir den Volvo nutzen. Bei so einer langen Motorfahrt gegen den Wind und ohne Sonne hält sich die Freude in Grenzen.
Am Ziel in der Bucht auf der Nordseite der Insel Halsö fängt es an zu regnen. Wir legen Heckanker und lange Landleinen bereit und steuern langsam eine Schäre an, die es erlaubt, direkt vom Schiff auf den Fels zu springen. Ein freundlicher Schwede vom Nachbarschiff nimmt trotz des Regens die Leine in Empfang und gibt gute Infos zum Ankern an einem Fels. Wir sind ja noch fast Neulinge bei diesem Anlegemanöver. Der schräge Fels ist nach dem Regen rutschig. Vorsicht beim Übersteigen! Im Wasser ziehen die schönen unangenehmen kleinen Quallen vorbei. Morgen wird das Meerbad wohl entfallen.
Draußen auf der Insel nur Natur. Alles wächst und vergeht wie die Natur es vorsieht. Nordlandfauna mit Krüppelkiefern, Heidelbeersträucher, viele Sorten Moose und Flechten. Die Insel ist schmal. Nach ein paar Minuten stehe ich auf der anderen, dem Wind ausgesetzten Seite. Uns auf der anderen, von hohen Bäumen geschützten Seite streift nur ab und zu eine Böe. Zum Abendessen macht Gerdi Spagetti mit Tomatensauce und zum Nachtisch Joghurt mit Pfirsichen. Dann setzen wir uns noch mit einem Glas Rotwein nach draußen. Dumpf dröhnt das Meer von der anderen Seite herüber. Langsam verlieren sich die Farben und die Inselkonturen sind nur noch als schwarze Schatten zu erkennen. Der Himmel zeigt nur einige wenige hellere Löcher im gleichmäßigen Dunkelgrau.
Beim ersten Foto kann man sehen, wo die Segelmacherin die Fock geflickt und den Verstärkungsstreifen angenäht hat.
Windfinder sagt für heute- und für die nächsten Tage auch- Windstärke 5-6 aus der Richtung in die wir fahren möchten, voraus. Und er hat recht! Gut, dass wir uns innerhalb der Schären bewegen, da entwickeln sich keine zu unangenehmen Wellen. Kaum aus dem angenehmen Vereinshafen von Nynäshamn heraus, empfangen uns Schaumkrönchen. Nur kurz, denn uns erwartet die erste gewundene Engstelle, wie gewohnt durch Bojen gut abgesichert. Dennoch erfordern diese Engstellen volle Konzentration und verminderte Geschwindigkeit. Dann ein kurzes Gegenwind-Stück und der Dragets Kanal liegt vor uns. Das war früher eine Tragestelle (Schiffe über Land), darum der Namensteil „Dragets“. Im 17. Jahrhundert wurde dieser kurze Verbindungsweg dann aus dem Fels gebrochen. Gegenverkehr. Wir warten, denn mit 4 m Kanal-Breite kann man sich keinen Gegenverkehr erlauben. Dann ein Warnton aus der Blas-Tröte und Gerdi steuert vorsichtig in den schmalen Kanal. Rechts und links Felsen und Wald. Jetzt biegen wir in das Buchtensystem Rasavikar ein. Nochmal wird’s zwischen Schilfufern eng, dann können wir uns auf unseren Ankerplatz direkt an einer Schäre vorbereiten. Heckanker klarmachen und zwei lange Vorleinen anschlagen. Ankern ist dort möglich und üblich, weil sich die Felsen sofort in tiefem Wasser fortsetzen. Gerdi fährt behutsam an die Schäre heran, ich lasse den Heckanker fallen und lasse das Ankertau nach. Kurz vor der Schäre übernimmt Gerdi das Ankertau am Heck und wenn EOS fast den Fels berührt springe ich mit einer Vorleine an Land. Diese und die zweite Leine werden an Bäumen befestigt und auf passende Länge gebracht. Gerdi holt das Ankertau straff, fertig! Es hat zwar nicht ganz geklappt, aber fürs zweite Mal (den ersten Versuch vor ein paar Wochen haben wir abgebrochen) gings recht gut. Auch das muss man lernen.
Draußen Urwald. Ich seh mich dort um und hätte mich bald verlaufen. Nur Wald und keine Sicht nach außen und die buckeligen Schären sind verwirrend. Aber irgendwann sehe ich doch EOS‘ Mast. Ein ruhiger Nachmittag beginnt. Abends sind wir die einzigen Menschen in dieser zauberhaften Bucht in der absolut nichts von Menschenhand Geschaffenes zu sehen ist.
Die VIDEOS wurden mit doppelter Geschwindigkeit hochgeladen! Gerdi steuerte die EOS langsam und behutsam durch die Engstellen…!!
Unser 2. Fels lässt uns mit 2 Leinen festmachen, Heckanker, ein Schwede hilft. Hier seien oft 8 Boote am Felsen im Sommer… Die Quallen locken nicht zum Bade…
Im Lindöfjord ankern wir frei. Weiter geht’s nach Süden, mit Ölzeug Gegenwind und auch Regen. Als wir den Anker werfen, ist vor uns die „Watermusic“ und David, der Tscheche aus Prag paddelt zu uns. Fachmännische Gespräche mit hoher Qualität über technische Probleme, Elektroinstallation, Stahlschiff und Rost lassen uns die Zeit vergessen, und dann schüttet es aus Kübeln… David bleibt zum Essen und als es immer noch in Strömen regnet, schlag ich ihm vor, die Kleidung in eine Plastiktüte zu packen und blank und bloß im Schlauchboot durch die Wasserflut zu rudern. 🙂
Der Morgen weckt uns mit Sonnenschein und wir segeln mit einigen Kreuzschlägen Richtung Västervik. Da liegen wir längsseits am Kai außen vor der Pampaswerft. Große Boote werden winterfest in Planen gehüllt, Saisonende.
Auf einer Schäre thront ein Seeadler und breitet majestätisch seine Schwingen aus…
Wir beneiden die Segler, die mit Rückenwind nach Norden wollen
Reeeegen…. aber auch wieder Sonnenschein…
In Västervik gehn wir groß einkaufen und das Bahnhofsvordach schützt uns vor dem Schnürl-Regen… Morgen wollen wir die üppig mit Türmchen dekorierte Kirche besuchen. Am Abend koche ich köstlich mit dem Wok.