Vor 48 Jahren wurde die Berliner Mauer gebaut…Um 10 Uhr rüsten wir zum Aufbruch, zwar haben wir wieder zunehmenden Wind, aber heute mehr „von der Seite“, also ein günstigerer Kurs, die kleine Fock ist gerefft und nach einer Stunde auch das Großsegel. Ich steuere von Hand, da lassen sich die Wellen besser „nehmen“. 4 auf 5 Windstärken, ca. 20 kn hat er drauf. Die EOS hält sich prima. Mächtig Lage schieben wir durch die Düse vor Kap Sounion, und Freund Motor muß nachhelfen. Unter dem Tempel fällt der Anker gegen 15 Uhr und er hält was aus! Der Mast vibriert derart heftig, dass er sich schüttelt und die Bodenbretter mit vibrieren…Traumhaft die Silhouette des großartigen Artemis-Tempels oben auf dem Felsenkap! Busse entleeren bis in die Nacht ihre Ladung Touristen, es ist ständig „Blitzlichtgewitter“ da oben. Als auch noch der orange-leuchtende Halbmond emporsteigt und der Skorpion erstrahlt am Nachthimmel, sieht es hinter unsrem Mast aus wie ein etwas zu romantisches Postkarten-Motiv!Dann Erikas SMS: „Überraschung!!!!!“ Sie sendet Fotos vom Tegernseer Dirndl, einfach hinreißend sieht sie aus, in grün, mit Ketterl, und die Seidenschürze in rosé!! Daheim hab ich nach ein hübsches dazupassendes Chiemseer Charivari, ein Kettle mit Gamszähnen und Enzian als Zierde fürs Schürzerl, mein Herzerl!
Monat: August 2009
Von Sifnos in den Kykladen nach Piräus
Rückblick GERDI. Glifada
Manchmal muß man sich abfinden mit Sturmtagen, diesmal mit Hafentagen. Wir nützen die Zeit. Der gestresste Motor hat Ruhe, das ganze Innen- und Außenschiff wird gewaschen und entsalzt, die Meerwasser-Kissen vom Cockpit gewässert, die Wäsche in eine Laundry gebracht, das Stück für 1€! Dauert „bis morgen Abend“, also gibt es wieder salzfreie Bettwäsche und Handtücher, und hygienische Geschirrtücher. An Bord waschen wir alles mit Haka-Neutralseife, auch das Geschirr.Sowas gibt es nirgends hier zu kaufen.

Wir fuhren mit Edel-Tram (Olympia!) und Zug nach Piräus. Es ist eine pulsierende wilde verkehrsgeschwängerte Hafenstadt, die riesenhaften Fähren nach Kreta und Venedig, die Hydrofoil-Schnellboote, Tragflächenboote oder Flying Dolphin, zahllose Lastwagen mit Anhängern mit Baumaterial für Häuser, Autotransporter mit oft nur schwarzen Audi-Limousinen oder Toyota-Rangern. Überall werden Tickets for Ferries verkauft, große Gruppen Reisender mit ihren Rollenkoffern, Pfadfinder mit Zelten und Bergschuhen, junge Backpack-Touristen mit Isomatte, Hängematte, Kochgeschirr, Bastmatte streben zu Traumstränden auf den Inseln. Verloren dazwischen magere Hunde ohne Halsband, verflohte Katzen, zahllose leergetrunkene Wasserflaschen überall. Es hat 38°. Wir sind es inzwischen gewöhnt, aber Neuankömmlinge mit blasser Haut sind doch sichtbar erschrocken über diese Hitze.Gerhard findet mit Kapitänsblick ganz kleine Läden in den Nebenstraßen der Hafenmeile, wo er mit Zetteln, gemalten Skizzen und Mustern zeigt, was er sucht. Man spricht so gut wie kein Englisch, also Hände, Geräusche, Gesten – ein Aufleuchten im Gesicht der Verkäufer: Ah, ne, ne!! Das heißt Ah, ja, ja. Oder traurig: oichi, oichi—das heißt bedauernd nein.Wir finden 30 m neue schwarze lehnige Festmacherleine, die in dem großen blauen Bergrucksack auf meinem Rücken verschwindet, Abdichtpaste für einen nach 1 Stunde Suche gefundenen neuen Dieseltankverschluß, 1 Schlauchboot, 2 m kurz, aber 18 kg schwer (eine riesige Pappkiste vorm Laden, „Can I help you? Where is your car? – Es war 20 km weg vom Schiff). Das Boot tauchte aus der Kiste auf, war eine Tuchtasche mit Henkeln, die Gerhard auf den Rücken nahm, das war dann 1,20 x 80 groß!!! Ich packte die 2 Paddel und die Heckplatte bei mir rein. Gut, dass wir uns vorher in einer Taverne am Hafen mit reisgefüllten Tomaten und Gyros gestärkt hatten.Der Skipper des Segelboots neben uns spricht uns in gutem Englisch an. Wir erwähnen, dass eine Windbö unser altes Sonnendach zerrissen hat. Er empfiehlt uns einen Segelmacher / Bootssattler aus Kalamaki, hat die Tel. Nr.und schon kriegen wir eine Zusage: ja, Montag kommt er um 11.Alles hatten wir fein vermessen, ich hatte eine Skizze angefertigt, die Verstärkungen angezeichnet. Er schreibt Maße dazu, Ösendurchmesser, Druckknöpfe. 2 Tage.Gerhard erledigt viele Arbeiten an Bord. Ankerkasten gereinigt, Kette neu gestrichen, Tankverschluß am Heck installiert, Schlauchboot an Deck (auf Erikas Freiluftschlafplatz) verzurrt – es soll „micro eos“ heißen.Am Dienstag fahren wir noch mal für 1 € mit Tram und Bus nach Piräus, diesmal ohne Kaufzwang und Sucherei. Wir wandern 4 Stunden um den ganzen Hafen, im Areal der großen Fährschiffe. Auch die MINOAN LINE Knossos palace, die uns bekannt ist von unsren Jassu-Ferienhaus-Urlauben, steht bereit für Kretaurlauber. Viele Erinnerungen kommen hoch. Chrani am 1. Peloponnesfinger 1994, Dimitrios 1x mit den 3 Kindern, 1x mit Erika im „Romantikos“, dem Fischerhäusle, 1x Canali wir 2 allein im Oktober als ‚Erika ins Wirtschaftsgymnasium wechselte und die Schweden in FN waren.Wir gondeln durch die Gassen, fragen mal hier mal da in kleinen Läden was nach, was sehr interessant ist, denn von außen sieht man gar nicht, wie sie innen aussehn. Ein Bibliothekar verspricht stolz er habe alles! Aber seine „dictionary“-Bände sind 25cm hoch und 5 cm dick. Er hat Lexica D-GR ohne Aussprache / Lautschrift, und es gibt wieder kein einziges kleineres taschen-taugliches Wörterbuch. Unser kleines 10×6 cm-Langenscheidt ist von 1969 und es fehlen sooo viele Wörter drin, nicht mal Ingenieur gibt’s oder Segelyacht oder Plane oder Sonnenschutz.Gerhard bekommt den Tip, bei „Navichart“ die gesuchte fehlende Seekarte von der Türkei zu kriegen. Als wir dann im 5 Stock läuten, ist es wohl ein Schiffsvercharterer..Die „Läden“ mit Metall- u. Elektroartikeln sind atemberaubend überfüllt, in 1000 Schubladen findet nur der oft alte Inhaber was der Kunde sucht. Wie vor 50 Jahren, ein Abenteuer, alles im Halbdunkel. Außen meterhoch Eimer, Tröge, Schlauchrollen, Drahtgitter, Angelzubehör, Werkzeug, Kanister, Besen.Der Duft lockt uns in eine Bäckerei mit vielen kleinen Backwaren. Ich frage nach canella und zeige mit den Händen die Ringform. Eine Erinnerung an Zimt-Ringe auf Keffalonia / Melisani 1990. Sie hat sie, und würzige Zöpfchen mit kräftigem orientalischem Nelke-Muskat-Geschmack.Am Markt finden wir aromatische Kalamata-Oliven, Schafskäse wie Pecorino, eine scharf gewürzte schwarzgeräucherte scharfe Speck-Blutwurst, und eine Art Krakauer, die duftet wie daheim!

In dem Hafenlokal isst Gerhard Blattspinat und ich griechischen Bauernsalat mit Feta. Ein Mythos, das griechische (schön kalte!) Bier, weckt die Lebensgeister – und dann geht’s heim in Tram und Bahn. Unsere Wäsche ist fertig, die Post hat offen für Briefmarken, aber leider gabs nirgends in Piräus und Glifada Ansichtskarten, so nah am Kap Sunion u. Akropolis verwunderlich. Drum kommt grad keine Karte von uns!Als alles eingeräumt ist, machen wir uns „landfein“, Perl-Ohrringe, Kleid, ein Hauch Parfum, Gerhard in neuer frischer heller Hose und Stoffhemd! So gehen wir noch mal zu „ZAXOS“, was stimmhaft weich mit s anfängt und innen ein zartes „CH“ hat. Wir essen Chicken-Souflaki-Spießle und Gyros in der Pittá.Wir spazieren noch mal durch die ganz feinen Wohnstraßen, mit viel Grün, Granatapfelbäumen, Orangenbäumen, Jasmin, edle Modeläden, die Damen auf der Allee mit oft langen Kleidern und nur langen Hosen, hohen Schuhen oder blütenreichen Flip-Flops mit feinen Lederriemchen.Als wir zur EOS übersteigen, steigt der Halbmond über die heute ziemlich dichten Wolken. Ja, so was gibt’s hier tatsächlich…Früh joggt Gerhard um 7 und bringt frisch gebackenes Brot und 4 Lamm-Koteletts mit. Aber der Segelmacher sagt um 12 ab, er wird erst bis morgen um 9 fertig mit dem Sonnendach. Wir sind im Süden Griechenlands. Hier ticken die Uhren etwas anders. „Kaló, tax’i, efchar
istò! Thank you! Till tomorrow morning, Julian, You’re welcome!“Geduld. Wir haben Zeit. Wir lesen, schreiben Blog-Text, Gerhard macht korrekte Motorpflege, ich lege das ganz frische Lamm, prowatáki, in Olivenöl und Knoblauch und Zitrone ein, Rosmarin, Origano, Pfeffer – und presse uns ganz frischen Orangensaft. Wir haben Uuuuurlaub – und grad keinen Starkwind…

…und hier die Bilder:
Segeln in der Ägäis
Seit 3 Tagen liegt die EOS in Glifada, einer Vorstadt von Peiraius und Athen. Erika ist gestern mit dem Flugzeug in die Heimat entschwebt. Sie fehlt uns. Es war etwas leer, als Gerdi und ich ans Boot zurückkamen. Für Minuten ist es still, dann pfeift wieder eine Böe von den Bergen in den Hafen und legt EOS leicht schräg. Nur nachts gönnt sich der Wind eine Pause.

Die Ägäis ist mit Wind geschlagen oder gesegnet, wie man’s nimmt. Die 51 Seemeilen von Hydra nach Serifos erledigt der Motor. Das Meer ist spiegelglatt. Die Bucht auch. Sie beschert uns einen ruhigen Abend, wir sind das einzige Wasserfahrzeug vor Anker. Wir baden im 24° kühlen Meer!Anderntags gehen wir mit Maroni, dem Mahagoni-Klapp-Beiboot an Land und spazieren durch das Ende der Welt, ein paar Häuser, ein Restaurant, ein Badestrand mit wenigen Besuchern. Die Strecke von Serifos nach Kythnos, nur 20 Seemeilen, spurten wir unter Segeln, Kaiserwetter. Seit Tagen fällt das Barometer gleichmäßig. Es liegt etwas in der Luft. Der Wetterbericht sagt 4 Bft. voraus, segelbares Wetter, aber aus unserer Zielrichtung. Draußen brist es auf, das Großsegel reffen wir 2 mal, die kleine Fock auch. Wir fahren schnell, kommen aber dem Ziel nur langsam näher, wir können „keine Höhe“ mehr laufen. Wir nehmen den Motor zur Hilfe. Die Wellen werden immer unangenehmer, wir steigern die Drehzahl um vorwärts zu kommen. Die EOS springt wie ein Bock, kommt vorwärts und stampft sich in den nächsten Wellen wieder fest. Es ist weit und breit kein besseres Ziel in Sicht. Noch 6 Stunden bis zum Ziel zeigt unser GPS an. Unmerkbar langsam gleitet die Küste der Insel Kea vorbei. Das Deck taucht ständig in die Wellen und schaufelt Wasser. Der Ankerkasten füllt sich, weil der Abfluss verstopft ist, das Wasser drückt über eine undichte Stelle ins Schiff und wird von der automatischen Lenzpumpe wieder nach außenbords gefördert. Keine Gefahr. Je weiter wir nach Norden schleichen, umso heftiger wird der Seegang. So etwas hat EOS und die Besatzung noch nicht erlebt. Alles hängt vom Motor ab, und der arbeitet einwandfrei. Erika bewährt sich bestens. Supermädel! Dabei ist sie nur als eineinhalb- Jährige auf Segeltörn mitgefahren, vor 19 Jahren!Endlich können wir in die Bucht Vourkari einbiegen, die Wellen sind nicht mehr und wir gehen längseits an einen Schlepper. Kein besonders schöner Liegeplatz. Nachts beruhigt sich der Wind etwas, schickt aber immer wieder heftige Böen. Anderntags, als wir früh am Morgen aufbrechen, weht der Wind wieder kräftig, aber doch nicht mehr so bissig. Wir vereinbaren, wenn uns eine Fahrt wie gestern bevorsteht, umzukehren und Erika nimmt die Fähre nach Piräus um ihren Flieger zu erreichen. Wunderbarerweise wird es eine angenehme Reise, kaum eine Welle will das Boot von der Plicht aus sehen, Mit halbem Wind 2x gerefftem Groß und stark gerefftem Vorsegel sausen wir dem Festland entgegen. Die Nerven aller entspannen sich, keiner will umdrehen. An Kap Sounion lässt der Wind nach und die Wellen werden harmlos. Noch ein paar Stunden nach Nordost und wir machen hier in Glifada an 2 Moorings fest.Anderntags fahren wir mit der Straßenbahn nach Peiraius, um ein Schlauchboot zu kaufen. Die klappbare. Maroni ist für 2 Erwachsene doch etwas klein Das bisherige Segel ist den Böen nicht gewachsen; es riß ein. Julian aus Kalamakki näht ein Neues.Der Wind hier stellt an Mannschaft und Schiff wesentlich größere Anforderungen als am Bodensee. Wenn 4 Bft angegeben werden, kommen wir mit der 10 Meter- EOS nicht mehr unter Segel gegenan. Das scheint aber hier normal zu sein. Diese echten 4 Bft. würde man am See wohl als 6 oder 7 „Clubhaus- Windstärken“ sehen. Mit halbem Wind oder leicht am Wind klappt das gut. Wir werden unseren Kurs darum ab jetzt wohl nach Südosten in die Türkei richten, da haben wir halben Wind und können an der türkischen Küste mit den vielen Buchten nördlich segeln. Im letzten Teil der Reise möchten wir südwestlich wieder zurück nach Mesalongion fahren und dort die EOS den Winter über lassen. Dort wird seit April eine neue Marina für 250 Yachten in die Lagune gebaut.Gerhard
Die bisherige Reiseroute
Diesmal ein Gesamtüberblick mit den üblichen Windrichtungen.
Strom aus der Solarzelle
Mittelmeerländer sind sonnige Länder. Auf unserem Schiff hat die Solarzelle auf einem Mast am Heck ihren Platz gefunden, drehbar und schwenkbar, sie kann also immer optimal zur Sonne ausgerichtet werden. Geht man davon aus, dass nahezu immer die Sonne scheint, hat man für diesen Energiespender optimale Bedingungen. Also Wirkungsgrad 30% (50% gehen ab wegen der Nacht, 20 % sind sonstige Verluste, alles angenommen). Nördlichere Länder kommen da auf einen weit geringeren Wirkungsgrad.Unsere Zelle kommt von SUNPOWER, Typ SPR –90.
- Nennleistung max 95 Watt
- Spannung 17,5 V
- Stromstärke 5,45 A
- Größe: 520 x 1038 mm, auf Alurahmen aufgebaut, nicht biegsam
- Preis ca. 600 Euro
Das war Anfang Jahr eine der leistungsstärksten Zellen zu einem tragbaren Preis.Unsere Verbraucher sind im wesentlichen
- Ein kleiner Kühlschrank, auf mäßige Kälte eingestellt, läuft dauernd
- Der Autopilot, läuft max. 10% (ca. 20 Watt alle 10 sek.)
- Elektronische Geräte, ca 20 Watt, 50% in Betrieb
- Laden von Laptop und sonstigen Kleingeräten
- Lichter am Abend, Rundumlicht (3W in jeder Ankernacht)
Eine gewisse Zeit des Tages lädt der Motor, manchmal 8 Std, manchmal auch nur ½ Stunde, wenn guter Wind weht. Eine genaue Leistungsbetrachtung stelle ich nicht an. Die Erfahrung sagt aber, dass mit der Solarzelle dieser Strombedarf gedeckt werden kann. Die Batterien werden nicht voll entladen.
Vor Insel KEA- grausige Wellen im starken Wind…
GERDI
Ums Herz ist mir’s heute schwer… mein lieber Vati hatte am 3. August, seinem 63. Hochzeitstag, einen Schwächeanfall. Mit 88 Jahren. Klinik. Inge hatte ihren 1. Tag in Pension als Lehrerin, und dann gleich so was.Wir laufen aus, Wetterbericht sagt, 3-4 Bft Wind voraus. Nach einem kleinen Frühstück mit Familienrat heißt es dann doch: Auf geht!s. Erika sagt vergnügt:„KEA will ich aber schon noch sehen. Wenn schon Mykonos und Santorin zu weit weg sind! Und Kap Sounion morgen, o.k.?“ Sie sah es nicht. Denn es kam ganz anders. Wir sahen Gischt, die von Wellengipfeln flog, zerfetzte Streifen auf die bedrohlich hoch auflaufenden langen Wellen warf. Weiß schäumend wälzten sich die Wellen, die von steuerbord vorn auf die Seite prallten und unterm Kiel sich durchgewälzt hatten, auf der Backbordseite wieder heraus. Umtost vom strudeligen Lärm dieser Naturgewalt sitze ich an der Pinne, Lifebelt in der Stahlreling eingeklinkt, Schwimmweste. Die Wellen hoben uns wohl mehr als 2 Meter steil hoch, dann auch 3 Meter, und runter! Wie spitzige Gipfel rollen sie an, gekrönt von Schaum, prallen und schmettern gegen die Bordwand, werfen die tapfere Eos auf die Seite, im Salon knarzt und quietscht die schöne Mahagonieinrichtung, wenn sich die GFK-Schale so gequetscht bewegt.Mini-Fock, 2x gerefft das Großsegel, alles nass im Cockpit, die Brecher walzen das Vorschiff, schleudern das Wasser über die Crew, das Salzwasser brennt höllisch in den Augen, jeder hilft dem andern. Ein im breiten Grätschstand eingefülltes Glas Wasser mit der letzten pfefferminzigen Menta drin weckt die Reserven. Der Blick wird etwas mutloser. Wie lange wird der Seegang noch zunehmen? Hält das 35 J. alte Schiff das aus? Werden wir heute noch ankommen? Ich steuere bis 13 Uhr, dann will Gerhard einen Kreuzschlag machen.Ree! Über die Segel! Geschafft. Wieder gegen Wind und Wellen, die Eos kämpft, aber mit derart kleingerefften Segeln läuft sie keine „Höhe“ – enttäuscht stellen wir fest, dass wir fast auf eigner Kiellinie zurücksegeln und nicht etwas günstiger das Ende der Insel erreichen werden. Nochmal einen Schlag aufs offne Meer würde uns 4 Std. kosten. Der Skipper schaltet, ungewöhnlilch bei derartigem Wind, den Volvo Motor dazu und versucht Höhe zu schinden, gegenan. Nun ist es noch ruppiger, die Wellen laufen aggressiv auf unser Schiff zu, noch 2 Segler in der Nähe, die aber viel größer und schneller sind, wer weiß wie viel PS diese Charteryachten unterm Cockpit haben.Die bergartigen hohen Wellen stoppen uns auf 1,5 bis 2 sm/h. In den Wellentälern läuft die Schraube, aber oben auf den Gipfeln taucht bei der Schräglage der Unterbauch der EOS aus dem Wasser und die Motorschraube unter mir heult in der Luft, ein jaulendes Schreien bis sie wieder eintaucht. Innen läuft der Motor heiß wie ein Kachelofen, in den Porzellanschüsseln in den 2 Schubladen drüber könnte man ein Ei garen! Tosende Ungetüme verdecken längst die Kimm, den Blick auf den Horizont, der sonst eine Horizontale zeigt, wenn auch zackig vom Seegang. Wie damals 1976 vor Malta in der 7,50 m kleinen Delanta. 480 sm von Insel Paxos nach La Valetta. Die EOS rollt, legt sich auf die Seite, Fenster überspült,steht tapfer wieder auf, schüttelt sich, verharrt 2-3 sec auf dem Wellenkamm, um dann erneut abzutauchen, eine Art Achterbahnfahrt. So ab 17 Uhr legen Wellenhöhe und Windstärke stetig zu – ich bekomme nach diesen 9 Wochen auf See zum ersten Mal Angst, ob die Eos auch wirklich immer wieder „auftaucht“- unbeschadet. Und ich bete. Erika vertraut voll „auf den Papa“, ihr seid die Segler, ihr werdet schon wissen, wie man das macht! Aber auch der Papa hat diesen Seegang mit diesem Schiff noch nie erlebt. Und Erika blieb tapfer, keine Klage, keine Seekrankheit, kein „Jetzt langst’s mir“! Sie geht auch kurz an die Pinne, wenn Papa und Mama mit Segelmanövern 4 Hände voll zu tun haben, holt die Schot dicht, winscht die Fock. Es kam bloß ein klein wenig kleinlaut, dass sie das morgen nicht noch mal haben will. Lieber fährt sie mit der Fähre weiter.Gegen 17 Uhr nahmen wir die im Seegang stützenden kleingerefften 2 Segel herunter, wobei Gerhard gefährlich, wenn auch angeleint, am Mast vorne in den überkommenden Seen turnt, was mir immer wieder von Neuem Sorge macht. Fast alle anderen Segler bleiben heutzutage beim Reffen im Cockpit, lassen das Groß locker in den „Lazy Jack“, eine horizontale Stofffalte am Großbaum fallen oder rollen es in den Baum oder vertikal in den Mast ein, ein Kinderspiel.Voll gegenan mit kraftvoll laufendem Motor (Supermaschine!) bei heulendem Wind und schrillem Gepfeife in den Wanten erreichen wir „schon“ gegen 18 Uhr heil die etwas windgeschützte Bucht. Erst schleift der Anker, das Ausbringen der Leinen an Land mit der Maroni wird schnell abgeblasen. Kurzerhand dient uns ein Schlepper als Nachtschutz, wenn er auch mit den schwarzen Autoreifen-Fendern unsere Bordwand beschmutzt und unser Brett, die Gangway, aufscheuert. Wir bringen die nassen Sachen raus, hängen die salzweißen Schwimmwesten in den Wind, geben die durchweichten Küchenrollen vom Stauraum unter den Bodenbrettern in Mülltüten an Deck, Gerhard lenzt etliche Liter Bilgenwasser, holt die Kette, 50 m!, aus dem Bug-Ankerkasten, es ging nichts kaputt, kein Glas, kein Teller, alle Fotos bleiben an den Salonwänden, nur den Glasschirm der Petroleumlampe hatten wir im Bücherfach in Sicherheit gebracht.Nach 12 Minuten steh ich am Petroleumherd, brate rotviolette köstliche Zwieblen und Knoblauchwürfele in Olivenöl, schnippele Tomaten, frische Basilikumblätter, finde Nelke, Lorbeerblatt, Wacholderbeeren, Pfefferkörner, Chili aus der Mühle, Zucker, Worcestersauce, Origano Zitrone gepresst, etwas Rotwein dazu – die Tomatensauce arrabiata ist fertig und gleichzeitig die Spaghetti. Erika will Zatziki als Vorspeise (Schafsjoghurt, Zitrone, gehobelte Gurke, Knoblauch, 1 Tl Zucker, Salz, 1 Tasse Dill). Und Gerhard will griechischen Salat. Kein Problem, schneeweißen Feta-Käse drüber — Köstlich.Draußen geht grad sagenhaft groß der Vollmond auf. Eine Bucht ist was Wunderbares.Wir schlafen alle 3 gut. Es ist vom Nordwind kühl, Erika schläft das einzige Mal in 10 Tagen Urlaub nicht an Deck unter freiem Himmel, sondern innen. Ein Wermutstropfen: Vati wird verlegt, ins Nürnberger Nordklinikum. Wir hoffen, dass sich mal Geriatrie-Ärzte um ihn kümmern.




