Erdal, der Solarfarmer

Wieder Sonne, aber noch umgeben uns Wolkengebirge. In Athen soll es furchtbar regnen. Dieses dunkel-violette Sturm und Regen-Tief beäugten wir bereits auf Ugrip, der Internet-Wettervorhersage, als es sich unter dem Peloponnes räkelte, ummalt mit Windfahnen 6+7 Bft! Also zog es nordöstlich weiter. Und ist wohl auf dem Weg zu uns. Nun sei Euböa bedroht von dem „Disaster“, das Istanbul schon hinter sich hat. Da schippt man derzeit den Schlamm aus den Wohnungen und Gassen. Hoffentlich verliert das Tief seine Kraft und tobt sich jenseits unsrer Segelroute aus.Nach 10 Seemeilen schleicht unsre EOS in eine traumhaft schöne, einsame Bucht. Ein Fels muß noch umschifft werden, oben Ruinen von Kapelle oder Hausresten aus längst vergangener Zeit…

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Unsere Ankerbucht auf der Insel Karaada
Die Wolken verziehen sich. Im Sonnenglast glänzt ein großes einsames Windrad in Strandnähe, silbern blitzen die Glasflächen von vielen Solarzellen auf. Ein bescheidenes Fertighäuschen dahinter, Tier-Gehege. Viel Grün. Bäume. Ein Gerüst am Strand mit großen Wasserbehältern, Kabeln, Leitungen. Wie auf einer „Ranch“ in Australien.Der Wind weht den typischen Geruch von Eseln herüber. Ah, dort: Viele Esel, weiche Langohren in braun und grau. Kamelhaarfarbige Ziegen, einige Schafe, ein Gockel kräht, Hühner scharren im Sand. Wir paddeln, da das Meer nur gekräuselte Wellen hat, unsere kleine hölzerne MARONI ans Ufer. Gleich naht der Farmer, allein. Leider spricht er ausschließlich türkisch, dabei hätte ich soviel zu fragen und zu loben. Es ist eine völlig autarke kleine Farm! Erdal malt mit einem Ästchen die Zahlen in den Sand vor der Veranda: 40 Esel, 35 Ziegen. Nein, keine Milchziegen. Klar, er ist ganz allein mit den Tieren und der Arbeit.Er holt aus einem Ordner die Fotos seiner Esel. Wir erfahren, dass Esel auch geschoren werden und das Wolle ergibt. Ich frage ihn: “Bayan? (Frau)“ Er antwortet: „Evet! (ja) + 4 Kinder.“ Und er schreibt die türkischen Namen alle feinsäuberlich auf ein Blatt und die Adresse in Ayvalik, für die Fotos, die wir ihm senden wollen. Dann kocht er am Gaskocher das gepumpte Wasser und bietet uns 2 Henkeltassen Nescafé an. Etwas ungeduldig bittet er uns in ermunternden Gesten: „Komm!“ Wir sollen ihm folgen. Mal ruft er, mal pfeift er durch die Zähne. Ob ihm ein Esel durchgegangen ist?Durch dorniges Gebüsch, Disteln, Ölbäume und Buchs folgen wir schmalen ihm auf Trampelpfaden über Felsgrund hoch zu den verfallenden Ruinen, daneben eine uralte tiefe Zisterne. Ein christlicher Ort, der Schlußstein – zerbrochen – mit Kreuz. Die Jahreszahl 1179. Unweit davon Mauerreste eines türkischen Gebetshauses. Im Stein eingemeißelt „Imam 925“. Stumme Steine nur noch.Und dann in unsre Jetzt-Zeit: Wir posieren für ein Freundschaftsfoto vor der großen Plakatwand mit der leuchtendroten türkischen Nationalflagge!

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Erdal, der Solarfarmer
Am Rückweg zum Strand klettern wir alle drei drunten am Meeressaum über die zerklüfteten Felsen. Erdal klaubt jede gefundene Trinkflasche, Kanister, Styropor, Holzlatten, Bierflaschen, Turnschuh, Schwemmgut auf und schleppt die vollen Kunststoffbeutel zu einem tiefen Felsloch. Wir helfen bereitwillig. Dort schlichtet er alles hinein, zündet ein Feuer an. Es wird restlos verbrannt. Ah, deshalb ist dieser Strand in der Bucht so auffallend sauber gewesen! Eine vorbildliche Bucht: umweltfreundlich der Züchter, sauber die Energie, Sonnenstrom, Windkraft. Wunderbar – eine Begegnung, die irgendwie ergreifend ist in all ihrer Einfachheit aber auch Konsequenz beim Umweltschutz. Ein Blick in die Zukunft, Solar&Windkraft.Das stimmt uns optimistisch. Mehr als der heiße „Wahlk(r)ampf in Deutschland.Ich hol mir die Flöte ins Cockpit und spiele alle Abendlieder in die sternklare Nacht. Eine Nachteule ruft. Stille.

Eine kalte Dusche im maroden Container ohne Tür

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2 Tage, 3 Nächte im muslimischen Cesme. Regen, Blitz und Donner, schwere finstere Wolken. Eine kalte Dusche im maroden Container ohne Tür, türkische Männer, die langsam genau da vorbei bummeln, die Zigarette lässig im Mundwinkel. Da bin ich schnell fertig mit dem Haarewaschen.Bazar, winzige Läden und Kebab-Lokale, Jungen, die am Tablett mit Tragebügel von irgendwo in den Nebengässchen dampfenden Cai in kleinen tulpenförmigen Gläsern tragen. Der türkische starke schwarze Tee mit Zucker. Wohltuend ist, dass die Mädchen und Frauen kein Kopftuch und keinen „Schleier“ tragen im Stadtbild. Da sieht es eher in deutschen Städten „muslimisch“ aus – hier ist man ganz normal angezogen.Aber uns fällt auf, dass nun alle lange Jeans oder lange Hosen tragen und Strickjacken am Arm tragen oder Jackets anhaben.Bäcker in weißer Kleidung, die wunderschön ihr Gebäck präsentieren, mit grünen Pistazienwürfelchen verziert, oder mit Sesam, wenn es Käse-Mürbteig-Ringel sind. Alles frisch geformt, aufgerollt mit Walnussfülle, oder in kleinen Kugeln der ruhende neue Teig, der erst noch „gehen“ muß, auf den bemehlten Backblechen.

Von der Insel Samos in Griechenland nach Cesme in der Türkei

Von Pithagoria auf der Insel Samos nach Kushadasi, zur kleinen Bucht bei Bölme Adasi und nach Cesme06:15 UhrAnker auf. Der frühe Start soll uns bis mittags ans Ziel bringen, denn üblicherweise entfaltet der Meltimi seine größte Stärke am frühen Nachmittag. Ziel ist der Hafen Cesme, am türkischen Festland gegenüber der griechischen Insel Chios. Wir fahren hart am Wind und müssen bald wieder reffen. Der Wind nimmt auf 5 Bft zu. Dann müssen wir einen nördlichen Kurs einschlagen und wieder den Motor bemühen. Gegen Wind und Wellen machen wir nur 2-3 Meilen pro Stunde gut, normalerweise bei gleicher Motorleistung das doppelte an Geschwindigkeit. Aber dann lässt der Kurs wieder Segeln zu und im Nu müssen wir das Anlegen vorbereiten. Über Funk, Kanal 72 bitte ich um einen Liegeplatz. Ein Marinero kommt uns entgegen und ist beim Anlegen bei der Übergabe der Mooring behilflich.

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Der Hafen ist nahezu leer. In dem weiten Hafenrund unter der historischen Bastion wird eine große moderne Marina gebaut bis Frühling 2010. Die Stege werden vollkommen neu verlegt und der Hafen wird darum in einer Woche geschlossen. Nur noch wenige Transitjachten liegen hier.Jetzt haben wir ein Problem. Das Petroleum für unseren Kocher geht endgültig zur Neige. Wir wollen schon mit dem Bus nach Izmir fahren, da begegnet uns Mehmet, ein Kapitän. Er vermittelt uns 10 Liter Petroleum direkt von der Raffinerie. Wir wussten einfach die türkischen Worte nicht für „gereinigtes Petroleum“ So konnte auch niemand unsere Wünsche verstehen. Die Landessprache nicht zu können, das ist der größte Nachteil in einem fremden Land. Mehmet war dann noch auf der EOS und hat geholfen, den Alkoholvorrat zu vernichten. Zuvor war ich aber noch bei ihm zum Essen. Er kocht gerne und gut!Jetzt ist es Nacht und es regnet, blitzt und donnert. Wir wollen abwarten, was der morgige Tag bringt. GERDIWir bummeln durch die engen Bazargassen, lauter kleine und winzige Läden, kaum Kunden, immer 1 Verkäufer am Hocker davor wie ein Wächter, gelangweilt oder werbend: „Deutsch? Alles klar? Kaufen Leder? Tasche? Billig!“ Zwischendrin Gemüse wunderbar ausgebreitet und köstliche Früchte, gelbgrün getreifte Melonen, Nektarinen, Pfirsiche, Zwetschgen, kleine süße Weintrauben, Erdbeeren! Aber auch viele ganz heftig riechende Verkaufsstände mit Innereien am waagrechten Spieß, Döner mit Ayvar 5 türk.Lira, Köfte, Balik (Fisch), Kaffee, Chai, Eis, Pastizzerien mit unglaublilch schön verzierten, mit Mandel, Walnuss oder giftgrünen Pistazienwürfelchen gekrönten Stückchen, süß und salzig, in flüss.Honig schwimmend oder nach Schafskäse riechend mit Gekräusel wie Fadennudeln drauf. Wir probierten aber keine der Köstlichkeiten.Als ich , wie in Kushadasi, keinen einzigen Briefkasten finde, frage ich. Kopfschütteln. Ratlosigkeit, obwohl ich Vatis Brief fertig frankiert und adressiert in der Hand halte. Immer wollen sie lesen, an wen er ist und wo derjenige in Cesme wohnt, dass sie mich dahin leiten könnten. Endlich ein Aufleuchten in einem Gesicht: „Aaah..! Post!!“ Und nun werden wir ganz zurück zur Seaside, also an die Hafenpromenade geschickt. Geschafft. Auch hier misst der „Briefkasten“, hellgelb und unscheinbar am Drahtzaun, nur 28×20 cm!Wir tauchen wieder ein in die engen Gässchen, wo es alles gibt. Schneider, Schuster, Bäcker, Fischhändler, viele Gemüsehändler, Kleider, Fotoläden mit unglaublich hergerichteten Bräuten , Motorrollerverleih, Tickets für Fähren nach Ancona, Brindisi, Bari. Gewürzläden bieten alle denkbaren Gewürze und Tees an, kräftig rot, gelb, grün, braun feinpudrig Paprika, Chili, Safran, Nelke, Zimt in Körben , oder die Samen wie Pfeffer, Koriander, Anis, Kreuzkümmel, aber auch Körbe voll von Blättrigem wie Origano, Basilikum, Thymian, Sennesblätter, Pfefferminze, und Zimtrinde, Ingwerwurzeln, alle getrockneten Früchte. Mandeln, Haselnüsse, Walnüsse, Erdnüsse, Halva- das süße Sesamzuckerzeug, das wir aus Griechenland kennen.

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Dann finden wir ein entzückendes kleines Kebab-Lokal. Mama Zeynep macht Hefeteigkugeln für die Fladen und rollt mit dem Nudelholz behände die hauchdünnen Pitascheiben, die dann auf ein nach oben gewölbtes, mit Öl eingepinseltes Blech gelegt wird, das von unten mit Gasflammen erhitzt wird. Einmal wenden, braune Punkte zeigen an, dass das hauchdünne Pfannküchlein fertig ist. Papa brutzelt Hackfleisch für Kebab und Köfte, die 7 jährige Tochter kommt und hört, dass ich Lehrerin bin und Flöte spiele. Sie auch! Schon sind wir beim Malen: Die EOS mit türkischer und deutscher Flagge. Wir falten Sampan, Segelboot, Flieger, Himmel und Hölle, das hier nach 4 Tieren benannt wird. Wir zählen auf türkisch bis 12 und die Kleine fehlerfrei auf Englisch bis 15. Ich esse Sircele, winzige Ravioli in warmer Joghurtsoße oder Ayram, Gerhard Et tantuni kebab, lecker und fremdartig. Dieser Abend bleibt uns lange in Erinnerung, die geknipsten Fotos lassen wir gleich bei einem Fotoladen ausdrucken und bringen sie ins Lokal. Und für Vati einen Selbstauslöser von uns 2 Captains auf einer Insel – nun weiß ich ja, wo der einzige Briefkasten hängt!!!!…und hier die Bilder:http://www.flickr.com/photos/gerhards/sets/72157622215893617/show/

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Um 11 Uhr ist Captain’s hour: Ouzo für uns und Rasmus

Gerhard06:35 Uhr, Mittwoch

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Ich hole den Anker in der Bucht bei Bölme Adasi auf, Das frühe Tageslicht genügt, um den Weg aus der kleinen Bucht zu finden. Der Himmel ist bewölkt, zum ersten Mal seit Monaten. Kompasskurs 290° nach Kirkdilim Liman, einer großen Bucht mit einem geschützten „Haken“ an ihrem Ende. Der Wind kommt aus Norden und wir können herrlich gegenan segeln. Es ist noch das 2. Reff seit 2 Wochen eingebunden. Der Wind lässt nach und ich darf wieder ausreffen. EOS segelt stolz unter vollem Großsegel! Frühstück auf See.09:45 Uhr

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Der Wind schwächelt weiter, da muss der Volvo 3- Zylinder wieder ran. Um 10:45 Uhr biege ich in die Bucht Kirkdilim Liman ein. 2 Seemeilen sind es noch bis zu ihrem Ende, dann fällt der Anker in azurblauem Wasser auf 3 Meter Wassertiefe. Da uns gegen Mittag regelmäßig „schlecht“ wird, gibt es für uns und Rasmus einen Ouzo, dazu Nüsse und Oliven… (Ein alter Brauch zur Captain’s hour). Die Bucht ist voller Ruhe, nur manchmal plätschern Wellen gegen das Ufer. Wir rudern mit dem Schlauchboot an Land. Schneeweiße und rosafarbene runde Kiesel, die Felsen in der Brandung rostbraun, mit Höhlen und Durchbrüchen. Die Gegend war früher bebaut. Jetzt wachsen in dichtem Distelgestrüpp noch Olivenbäume. Ob sie noch geerntet werden? Es regnet das erste Mal seit langem, aber nur kurz. Wenig später laufen noch eine englische Jacht und eine deutsche ein. Die Frau von der deutschen Jacht rudert ihren Hund an Land. Sie sind jedes Jahr 4-6 Monate unterwegs, ihr Haus haben sie verkauft. Heuer kamen sie die Donau runter. Eine reife Leistung bei 1,5 Meter Tiefgang!Abends zaubert Gerdi im Wok ein Thai-Gericht: mit in 2mm dünne Scheibchen geschnittenem, mariniertem Rindfleisch, köstlich knusprig fritiert, “ rührgebratenem“ Gemüse und Bohnen. Dazu Glasnudeln. Wunderbar! Nach dem Abwasch genießen wir die Ruhe hier und das Firmament über uns. Gerdi spielt auf Flöte oder Mundharmonika Abendlieder. Es ist ein schöner Ausklang des Tages.Ich habe zusammengerechnet: Bis hierher waren wir ab Rheinfelden 6793 km unterwegs.

Allaaaah akbaar! Kushadasi:Wir durften wir in die heilige Moschee eintreten.

KUSHADASI : VON GERDI

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Am Morgen wandern wir den Berg am Stadtrand hoch, immer steiler, immer enger werden die aus Bauschutt und Kanistern gemauerten Treppen zwischen den nur notdürftig errichteten winzigen Häuschen, weiß angestrichen, dicht an dicht behängte Wäscheleinen davor, leere Flaschen, Essensreste, viele Kinder, Katzen, Hühner auf den kleinen Flachdächern, Geranien in leeren Ölkanistern, die Nähmaschine auf dem kleinen Platz vor dem einzigen Zimmer im Freien, oft liegt da auch ein Familienmitglied auf der Matratze… Eine abgesonderte kleine Notgemeinschaft, ein Slum in bester Hanglage, ein Armenviertel mit Anschluß an die Versorgungsadern der nahen Stadt da unten im Hafenrund.

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Es gibt Wasserleitungen, Abwasserrohre, Licht, aber evtl. keine Müllabfuhr… Die hübschen Kinder – schwarze Kulleraugen, rabenschwarze Haare – betteln, die Mütter, alle mit Kinderwagen oder Baby am Arm, sie schimpfen… Zwei der Jungs leiten uns wie kleine Fremdenführer gerne weiter hoch in dem Gewirr von nur noch 1 Meter breiten steilen Durchstiegen zwischen verwinkelten Häuschen, über Felsen und hohe Stufen, rauf zum Denkmal des Ata Türk. Ein hoher Zaun, Stacheldraht. Ende. Der Große, 6.Klasse verkündet er stolz in gutem Englisch, baut sich vor uns auf. Jetzt wollen sie Geld. Aber Euro, €- keine türkischen Lira…. Jeder verlangt 2 €. Aber klar, kriegen sie.Wir haben einen atemberaubenden Bergblick über das Häusermeer von Kushadasi, die große Bucht, die Küste, die vorgelagerte Insel, die monströsen weißleuchtenden Kreuzfahrschiffe, die 3 Minarette der Moscheen. Dann steigen wir, Fuß vor Fuß, wieder ab. Zigeuner-Omas hocken in ihrer reichbestickten farbenfrohen Tracht aus mehreren Lagen weiten Röcken und blumenreichen Miedern und Kopftüchern, fein ziselierte Goldketten und Armreifen – mitten in den 2 Bergen aus dem naturfarbenen Wolle-Vlies der frischgeschorenen Schafe. Strahlend kommen uns die 2 Buben entgegen, zurück vom Geldausgeben, blitzende schwarze Augen, die Fäustchen um 2 Tüten: 1 große Dose Bonbons, 2 rohe Eier. Das reicht für 4-6 Pfannkuchen heute Mittag…!Von unten erschallt aus den Lautsprechern der Gebetsruf vom Minarett: Der Muezzin ruft zum Mittagsgebet. Da ich gerade ein Buch lese über das südliche Arabien (Unter dem Safranmond, Nicole Vosseler), kann ich jene gesungenen Worte sogar zitieren, denn kaum ein Leser kennt sie wohl:„Gott ist groß! Im Namen Allahs, des Erbarmers, des Allbarmherzigen, Preis sei Allah, dem Herrn der Welten, dem Allerbarmer, dem Allbarmherzigen, dem Herrscher am Tage des Weltgerichts. Dir wollen wir dienen, dich um Hilfe anrufen, führe uns zum rechten Weg. Den Weg derer, denen du huldvoll bist, über die nicht gezürnt wird, die nicht irre gehen. Allahu akbar!“

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Wir folgen dem sonoren Klang bis zur Moschee und betreten den schattigen Hof mit den üppigen grünen Bäumen. An einem runden Waschtempel mit Baldachin erkenne ich im Rund 6 säulenartige Hocker vor 6 Wasserhähnen, hier führen die Männer ihre rituelle Waschung durch, Hände, Nacken, Stirn, Ohren und ausgiebig beide Füße. Blaugrüne, mit Gold verzierte Kacheln mit fein bemalter Fayence, Mosaik-Mäander als Bordüre – Zauber des Orients. Da winkt uns der weißgewandete Imam zu sich auf seiner Ruhebank. Er spricht etwas Englisch. Ob die Stimme vom Tonband kommt auf der Empore des Minaretts frage ich. Jaa, das sei seine eigene Stimme, natürlich. Und zum Beweis stimmt er sofort das „Allaaaah akbaar!“ an. Gerne dürften wir in die heilige Moschee eintreten. Aber erst die Sandalen ausziehen. Ein Vorraum, Teppiche. Da kann man wohl beten, wenn der Hauptraum versperrt ist. Und dann schließt er die Tür zum Gebetsraum auf und innen offenbart sich kostbar von kunstvoll bemalten bunten Kacheln verziert die Gebetsnische des Imam, drüber ein großer Kronleuchter mit Muranoglas und ein mächtiger Ventilator. Arabesken und märchenhafte Ornamente, das Lob Allahs in der geschwungenen und gepunkteten arabischen goldenen Schrift. Rotgemustert (in einzelne Gebetsplätze eingeteilt) der raumausfüllende Orientteppich, den betenden Männern vorbehalten. Die Frauen beten total getrennt oben auf der Empore, unsichtbar, verborgen hinter einem dichten Stoffvorhang, und ohne kühlenden Ventilator.Unser Interesse gefällt dem Geistlichen und er lädt uns ein, um 20 Uhr zum Abendgebet zu kommen. Wir sagen zu.Ich ziehe den langen indischen weiten Rock an und bedecke im Hof der Moschee Kopf und Schultern mit einem großen meerblauen Seidentuch. Um 20.57 braust der Imam mit dem Motorrad heran durch das Gartentor der Moschee. Er begrüßt uns mit Handschlag, Schuhe aus, ich werde nach rechts hinter eine Wand geführt und knie nieder. Er kommt zurück, „Come, upstairs! Follow!“ Die Frauen unten beäugen mich neugierig, binden das Kopftuch enger ( Ein Mann ist im Raum!). Ich steige hinter dem Führer die enge steile Treppe hoch zur Empore.“Alaman“- ah, eine Deutsche als sein Gast, so werde ich rasch eingeführt. Ich reihe mich in der hinteren der beiden Reihen ein. 30 Frauen, alle in weiten, langen Volant-Röcken. Vor uns 2 m hoch der Vorhang. Nichts zu sehen von der Pracht der Moschee, keine Lampe, keine Kachel. Nur die schlichten dürftig bunt umrandeten kleinen Fensterchen im Kuppelrand. Ich fühle Empörung in mir aufsteigen. Nur den Männern ist das Schöne vorbehalten. Die Frauen sollen es nicht schauen? Sollen hinter dem alles verhüllenden Vorhang wie auf ein Brett blicken? Und das Haar verhüllt, auch vor ihrem Gott? Kein Mann ist im Raum! Zu sehr bin ich Christin, um das zu begreifen, zu evangelisch, zu emanzipiert, zu sehr gleichberechtigte Ehefrau, zu stolz als Mutter und Frau, um hier nicht einen Stachel zu fühlen…Doch nun erhebt sich die gewaltige, wohlklingende melodiöse Stimme des Imam und hallt bis in unsre Abgeschiedenheit oben unter der heißen Kuppel. Sein arabischer Gesang ist ein Loblied. Inschallah, Allah akbar, das versteht jeder. Die Frauen werfen sich aus ihrer knieenden Kauerstellung immer wieder nieder, Stirne am Boden, Po hoch, immer 3 mal, so 20 Gebetsrunden. Fast 1 Stunde lang. Zwischendurch wieder aufstehen, Hände empfangend oder bittend zum Himmel, dann sogleich vor der Brust aufeinandergelegt. Man korrigiert mich, als ich sie locker auf den Schoß lege. Wieder auf die Knie, auf die Fersen abhockend, vorbeugen mit waagrechtem
Rücken, zurück auf den Boden, Hände auf den Knieen. Wie eine Tanzgruppe alles wohl abgestimmt und einheitlich. Eine wahrlich körperlich anstrengende Bet-Übung. Mein Meniskus-Knie schmerzt. Dann wenden alle vollkommen synchron die seidig glänzenden, tuchbedeckten Köpfe sanft im Bogen über die rechte Schulter, dann über die Brust sich senkend im Bogen nach links, wunderschön, fast tänzerisch. Ein zartes Gleiten, andächtig – sehr weiblich. Dann ein gemeinsames Murmeln, ein demütigesVerbeugen. Zwischen den Gebetsrunden dreht sich manchmal eine jüngere Frau zu mir um und lächelt bezaubernd und aufmunternd. Reden verboten. Sie kann wohl nachfühlen, wie sehr diese Hock-Steh-Knie-Übung mich anstrengt. Dann, nach 50 Minuten stehen alle auf, vorbei. „Come!!“ So ermutigt mich die Frau neben mir und schon klettern wir die Stiege hinunter. Der fröhliche , bartlose ca. 50 jährige Imam bedankt sich herzlich und mit freundschaftlichem Handschlag bei uns für den Besuch. Wir bedanken uns für diese seltene, ja einmalige Erfahrung, an einer muslimischen Gebetsstunde teilnehmen zu dürfen.Nun gehen wir in die kleine rein türkische Taverne, hungrig, es ist 22 Uhr. Der Imam hatte vor der 21 Uhr-Anbetung gemäß den Ramadanregeln nach Sonnenuntergang bereits fröhlich gegessen und getrunken!Es gibt Hammelköfte (Hack vom Grill), kaltes Gemüse gehackt (Zwiebeln, Gurken, Tomaten, grüne Paprika, viel Chili). Dazu Pilav- roter Tomaten-Reis mit Piniensamen- und knusprig aufgebackenes Fladenbrot mit schwarzen Sesamsamen und Kreuzkümmel. Beim Bummel zurück rauscht wieder starke Brandung durch die Nacht an den Strand, hohe Wellen, viel Wind da draußen auf See. Morgen will Gerhard früh um 5 los zu einer Ankerbucht. Es soll starken Wind geben, hoffentlich erst ab Mittag! Da wollen wir schon vor Anker sein.

Längst ist die rote türkische Flagge gesetzt und darunter flattert die gelbe Flagge Q als Zeichen: Ich möchte freien Eintritt in dieses Land

GerhardKaum zu glauben, aber es weht ein schwacher Wind! Um 5.30, noch bei Dunkelheit breche ich auf, GPS und das Leuchtfeuer auf dem Inselchen Bayrak weisen den Weg. Um 7 Uhr geht die Sonne hinter den Bergen in der Türkei auf. Immer ein erhebender Zeitraum zwischen der ersten Dämmerung und dem Erscheinen der Sonnenscheibe. Alle Farben zwischen blau und weiß erscheinen nacheinander. Der frühe Start hat seinen Grund. Gegen Vormittag nimmt der Wind meist stetig zu bis zu unangenehmen 6 Bft. Aber er tut es nicht! Motor und Vorsegel. Dann schläft der Wind ganz ein. Über Kanal 73 melde ich mich bei Marina Kushadasi an und EOS wird an eine Mooring bei den kleinen Motorbooten gelotst. Längst ist die rote türkische Flagge gesetzt und darunter flattert Flagge „Q“ als Zeichen: „Ich möchte freien Verkehr in diesem Land“. Das Einklarieren ist mit einem Behördenakt im Hafenbüro und einem Preis von 100 Euro verbunden. Jetzt wird die Flagge „Q“ gestrichen und wir sind Gäste in der Türkei.Sehr zurückhaltend durchstreifen wir die lebendige Stadt, hauptsächlich die Hafenbereiche und die Altstadt mit dem Bazar. Kushadasi wird von vielen Touristen besucht, Die Kais sind alle belegt mit Kreuzfahrschiffen und großen Ausflugsbooten, oft mit Tauchern, Badegästen, lauter Musik.Das Angebot in den vielen Läden besteht nicht mehr aus Früchten, Gewürzen und Stoffen, sondern aus Souvenirs, Lederwaren, Teppichen, Kleidungsstücken (Jeans, T-Shirts,Turnschuhe), Präziosen, Uhren u.s.w.In Kushadasi Marina liegen wir sehr angenehm und Musik aus mehreren Lokalen begleitet uns in den Schlaf. Anderntags fahren wir nicht nach Ephesus. Diese Fahrt wird an jedem Taxistand angeboten und viele Busse nehmen die Passagiere der Kreuzfahrtschiffe zu dieser Sehenswürdigkeit auf. Jetzt begreife ich die große Zahl der Kreuzfahrer! Statt dessen durchstreifen wir nochmals die Stadt, lernen einen Muezzin und einen geschäftstüchtigen netten Gastwirt kennen. Wir bummeln am Morgen an den Stadtrand und werden von Kindern zu einem Aussichtsfelsen hoch hinauf geführt, mitten durch das Armenviertel (Gerdi berichtet). Als Freund der Berge liebe ich die weite Sicht von oben.Abends besuchen wir eine Gebetsstunde in der Moschee, unser erster Besuch einer muslimischen Gemeinde. Gerdi zieht einen langen Rock an und ich trage lange Hosen. Der Muezzin vom Vormittag hat uns freundlich eingeladen und uns Verhaltensregeln vermittelt. Wir tauchen ein in eine fremde Welt der Gläubigen. Für mich erscheint alles wie eine ständige Wiederholung von Gesängen, Zeichen, Verneigungen und tiefen Kniebeugen. Ich stehe in der letzten Reihe, wie es sich für einen Gast gehört und betrachte alles mit Staunen. Es ist eine Erfahrung, aber völlig fremd und nicht meine Welt.Nach der Gebetsfeier (hier ist  zur Zeit Ramadan) essen wir bei „unserem“ Wirt eine hervorragende Platte mit verschiedenem Fleisch, Hammelköfte (Hack, gegrillt), Huhn und Rind vom Spieß, gegrillten Tomaten, Chilischote und Paprika und Pilav aus 2 Sorten Reis. Ein starker Chai zum Abschluß. Sehr gut. Mit Bier 37 TL (türkische Lira, etwa 18 Euro) zu zweit.Die Wetterberichte schwanken für morgen zwischen Sturmwarnung 8 und 3 Bft. Da am anderen Morgen entgegen den Voraussagen kaum Wind weht und das Barometer wieder zu steigen begonnen hat, entschließe ich mich zur Weiterfahrt bis zur nächsten Bucht. Der Wind nimmt zu, erreicht aber keine unangenehmen Stärken, leider von vorne, also Motoren. In einer kleinen Bucht bei Bölme Adasi fällt der Anker gegen Mittag. Gerdi zaubert und bittet zum Brunch im Cockpit. Manchmal fauchen Böen, aber nicht stark. Es münden 2 heiße Quellen in die Bucht. Wenn man an der einen den Sand ein paar cm zur Seite schiebt wird es heiß. In der anderen kann man baden und in warme Höhlen gehen. Ein friedlicher einsamer Ankerplatz. Die Felsen schimmern rötlich braun und türkisbläulich. Der Hang ist kultiviert, gepflanzte Pinien wie eine Baumschule, mehr Grün als bisher.