Rück-Blick: 1. Die Donau

 

 

 

Wehmut weil die Reise Vergangenheit ist. Freude weil wir beide sie in guter Stimmung und ohne Unfälle abschließen durften. Eine göttliche Hand hat über uns gewacht.

10 Länder hat EOS durchfahren, 2 Länder, Moldavien und die Ukraine waren uns verwehrt. Wir konnten dem Soldaten mit geschultertem Gewehr auf seinem Wachturm am ukrainischen Ufer nur vom Fluss aus zuwinken.  Sein langsames Schwenken der Hand. Welch ein trauriger Augenblick! Dann die beiden Fischer aus Moldavien in ihrem alten, kleinen Nachen, die uns Fische anboten. Freiheit, nicht überall.

Fröhlich und schnell eilt die Donau im Oberlauf. Zwischen Straubing und Deggendorf, dort, wo ihnen Wasserbauer keine Fesseln anlegen wird es ein heißer Ritt mit wenigen Zentimetern Wasser unterm Kiel, manchmal Hopser auf dem Kiesgrund. MARTINA, der Frachter aus NL, fährt vor uns und wir in seinem Kielwasser. Er hat wie wir 1,50m Tiefgang…

 

Ab dann gibt’s keinerlei Probleme mit dem Tiefgang mehr auf der Donau. Die Besenwirtschaften mit ihren Brotzeiten und dem guten Weißen waren- wenn ich zurück blicke- das Beste was wir auf der ganzen Reise zu Essen und Trinken bekommen. Einfach aber wunderbar. Ein fröhlicher Reiseabschnitt. Rainer und Günter, danke dass Ihr mich auf dem Abschnitt von Saal bis Budapest begleitet habt!

In Budapester Bahnhof Keleti löste sich Gerdi lächelnd aus der ankommenden Menschentraube. Ab jetzt sind wir beide wieder das Team. Die Donau nun schon breit und behäbig und wir mit unserer kleinen EOS dürfen sie bereisen! Mitten durch die großartige Stadt und hinaus in die Natur. Ab jetzt gibts kaum mehr Häfen. Gut so. Ankern im Strom ist viel schöner. Schlick hält den Anker exzellent, ruhige Nächte sind gesichert. Leise plätschert das Wasser an der Bordwand.

Slowakei+ Rumänien sind für uns, die wir in gut organisierten, reichen Ländern leben, arme Länder, aber die Menschen leben nicht weniger fröhlich als bei uns. Apatin, Jelen Bräu, mit den vielen Fahrrädern am Tor. Alle einfach, Torpedo-Dreigang, wie ich sie als junger Bursche gefahren habe. Die Häuser für unsere Begriffe trist und farblos. Die Menschen aber freundlich, fröhlich und hilfsbereit.

Ein Abstecher die kroatische Drau hoch nach Osijek war uns durch Missverständnisse mit dem Zoll verwehrt. Der Hafenmeister, die Zöllnerinnen und sogar das Militär halfen uns, leider erfolglos. Schließlich mussten wir beim ersten Licht des Tages wieder zurück nach Serbien „flüchten“. Unsichtbare Wände an unsichtbaren Bürotischen von misstrauischen Beamten geschaffen, schade.

Belgrad. (anclicken + lesen, Wikipedia) Wie die meisten Hauptstädte: die Zentren mächtig, das Umfeld eher dürftig. Wie bei uns sitzen die Leute in den zahlreichen Cafés. Schön herausgeputzt die jungen Mädchen. Statt in einem schnieken Hafen anzulegen, halten wir ab jetzt Ausschau nach irgendeiner passenden Anlegemöglichkeit. Ein Ponton, eine alte Schute, ein abgestelltes Schiff. Die Leute sagen dann schon, ob’s recht ist oder nicht. Man sollte allerdings immer nach Löchern im Boden oder fehlenden Stufen in Treppen Ausschau halten und beim „Gastgeber“/Ponton/vorher nach dem Preis fragen.

Der Höhepunkt: Das Eiserne Tor. Früher haben dort die Schiffer wegen der Strömung Blut geschwitzt. Flussauf mussten die Schiffe gezogen werden. Jetzt, wegen zwei mächtigen stromliefernden Staustufen, geschieht die Durchfahrt ganz relaxed. Weil wir’s doch nicht genau wissen und starker Wind aufkommt, ankern wir 3 Tage im Schutz einer Insel. Schilf, alle möglichen Vögel, 100e Kormorane, abgestorbene Bäume sind unsere Nachbarn. Danke lieber Wind: Wir rasteten in an einer paradiesischen Insel in unberührter Natur, mit wildem Gewitter….

Natürlich ist die Durchfahrt zwischen senkrechten Felswänden ein Erlebnis. Und das Schleusen in den riesigen Kammern auch. 300m lang, 40m breit. Ab jetzt darf die Donau fließen, wo sie will. Grüne und rote Bojen, oft kilometerweit entfernt, weisen die Fahrrinne.  Wir ankern meist. Fischer kommen längseits, Begegnungen mit netten Menschen. Warum wurde uns zu Hause berichtet, man dürfe nur im Pulk die untere Donau befahren und müsse sich vor dem Ankern hüten, der diebischen Leute wegen? Nichts, aber auch gar nichts stimmte.

Bukarest. 40° Hitze. Wir möchten die Stadt besuchen. In einem Seitenarm bei Giurgiu legen wir an einem der Wracks an und nehmen am anderen Tag den Kleinbus  in die Hauptstadt. Prachtstraßen, Glaspaläste weltumspannender Firmen, Hochhäuser im Zentrum. Höhepunkt das „Haus des Volkes“. Gigantisch, es sprengt alle Maße. Stein gewordener Wahnsinn eines Politikers. Wieder zurück zum Wrack. Abendessen in einem benachbarten Restaurantschiff. Der alte Kellner verdient 150 Euro im Monat. Auch wenn alles nur halb so teuer ist wie bei uns, das ist ein Hungerlohn.

Als wollte die Donau nicht zum Schwarzen Meer, wendet sie sich nach Norden. Hügel begleiten sie, Kirchtürme mit geschwungenen, blauen goldglänzenden Kuppeln, Pferdegespanne, schwere, geteerte Ruderkähne begegnen uns. Wir ankern und besuchen mit MICRO EOS ein Lipowaner-Dorf. Nur freundliche Leute, Gerdi singt mit ihnen russische Lieder. Der junge Pfarrer erzählt über die Dorfgeschichte. Wegen ihres Glaubens vom Zaren aus Russland vertrieben siedelten sie hier. Wir laden die Buben aufs Schiff ein. Sie benutzen es als Sprungbrett und ich darf ihren schweren Kahn rudern. Schöne Zigeuner-Pferde sind am Ufer angebunden. Weiße Gänse schnattern…Friede überall.

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Cernavoda. Im Handelshafen legen wir wieder an einem Wrack an. Vorsichtig  gehen, Löcher im Boden, Rost überall.  Plattenbauten, die Bewohner sitzen auf wackeligen Schemeln vor den Häusern. Arm, ich möchte da nicht fotografieren. Aber ein Mitarbeiter der „Werft“ fährt uns kreuz und quer in die Stadt, um  eine Dichtungsmasse fürs Deck zu finden. Überaus freundliche Menschen, aber sehr arm, wenn wir der Maßstab sind.

Braila, Galati, große Städte, sie werden von Seeschiffen angesteuert. Irgendwelche Pontons zum Anlegen. Das schaut ganz einfach aus. Auf gleicher Höhe das Ponton gegen die Strömung schräg anfahren. Klappt auch immer bis zum letzten Meter. Dann kehrt sich manchmal der Strom um und vorbei ist der Anleger. Auf ein neues in umgekehrter Richtung. Ab jetzt keine Brücke mehr. Wir können den Mast stellen. Leider steht kein kleiner Kran zur Verfügung. Es gibt keine Infrastruktur für solch kleine Boote. Schließlich stellt ein 100-Tonnen-Schwimmkran in Galati bei der Navron-Werft  ganz feinfühlig unseren Mast. 3 Leute arbeiten, 5 beobachten und geben Tipps. Jetzt begegnen wir Seeschiffen, die bis Braila die Donau hochfahren.

Ukraine: Wachtürme begleiten das Ufer. Die meisten verrostet und offensichtlich ungenutzt. Auf einem ein Soldat mit geschultertem Gewehr. Bewegungslos sieht er zu uns. Ich winke. Er winkt zurück. Was mag er denken? Sieht er in uns einen Feind? Ist er traurig, weil ihm das andere Ufer verschlossen bleibt? Reni, der große ukrainische Hafen bleibt uns verschlossen, weil kein Einklarierungshafen. Nun teilt sich die Donau. Der linke, Chilia-Arm würde uns in die Ukraine führen. Die politische Situation veranlasst uns aber, den Sulina-Arm zu befahren. Ihn nutzen auch die Frachtschiffe.

Wir sind im Donau-Delta. Auf beiden Seiten Urwald. Tulcea, die quirlige Stadt am großen Donaubogen.Delta-Touristik wird angeboten. EOS schaukelt in der „Marina“, Marina ist übertrieben. Wir liegen an einem alten Ponton. Die vorbeifahrenden Schiffe lassen EOS arg schaukeln. Vom Hügel nebenan bietet sich ein weiter Blick aufs Delta. Bäume, Wasser, und ganz im Hintergrund das Schwarze Meer. Noch einmal teilt sich die Donau. Der Svântu-Gheorghe-Arm ließe uns aber wegen einer Sandbarre nicht ins Schwarze Meer. So fahren wir weiter auf dem künstlichen, eingedeichten, geraden Sulina-Arm. Bei Crisan zweigt die Alte Donau ab.

Wir folgen ihr bis „Mila 23“. Der Einfachheit halber hat man Orte mit der km-Entfernung zum Meer gekennzeichnet. Wie üblich, Leinen fest wo es geht und niemand etwas dagegen hat. Winzige, blau gestrichene Holz-Häuser -und immer mit Gärten davor- säumen das Ufer. Storchennester auf jeder Laterne. Gemüse kaufen wir von einer Bäuerin über den Zaun. Der russisch-orthodoxe Gottesdienst in der kleinen Kirche nimmt kein Ende.  Besucherzahl. Fünf mit uns. MICRO-EOS, unser Schlauchboot, trägt uns auf einen der vielen Seen mit glasklarem Wasser und Seerosen. Wunderbar, sich treiben zu lassen und zu beobachten, welche Vielfalt an Fauna und Flora in diesem Reich unter der Wasseroberfläche und knapp darüber zu sehen ist. Reiher, Kranich, Enten, und andere Wasservögel halten sich auf Distanz. In Crisan essen wir vorzüglich Fischsuppe und Fischspezialitäten und buchen mit zwei Rumänen (Hermannstadt)  einen Ausflug nach Lethea, einem kleinem Lipowaner-Dorf.

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Mit höchster Geschwindigkeit und übler Lautstärke rast der Kahn durch die engen Kanäle. Vögel fliegen weit vor uns auf. Das Schilf wiegt sich kräftig in der Bugwelle. Diese Art der Besichtigung passt ganz und gar nicht zu dieser ruhigen, friedlichen Landschaft. Das Dorf versteckt sich zwischen dem Schilf. Diese, aus russischen Gebieten vertriebenen altläubigen, orthodoxen Christen fanden in diesem unwegsamen Gebiet ihren Frieden und leben heute noch ohne Technik und Fernseher, ohne Waschmaschine oder Elektroherd. Man kocht und räuchert im Freien, mit Holz….

Der Wind bläst sehr kräftig aus Osten. Ein- und Ausfahrt in den Donaustrom sind geschlossen. Seeschiffe ankern im Fluss. Wir verziehen uns zwischen Schilf und lassen den Wind über uns heulen. Fischer holen ihren Fang ein und schenken uns drei Hechte. Das Wasser ist klar und badewarm. Auch dieser Starkwind legt sich und wir brechen nach Sulina auf. Den dicht belegten Kai müssen wir plötzlich nach einem Tag wechseln, weil ein Seeschiff zum Einklarieren anlegt. Sulina, die Stadt am Ende der Donau, keine Straße führt dort hin. Die Promenade säumen schöne Häuser. Dahinter zeigt sich bittere Armut, ein verkommenes Altenheim…Nach der dritten Straße nur noch Schilf. Der Kahn hinter uns ist mit Melonen voll beladen. Die beiden Männer verkaufen direkt vom Schiff und schlafen auf den Früchten. Am Morgen ist alles verkauft. Auch hier überprüft ein wohl uniformierter Beamte unsere Papiere. Fast wie eine Zeremonie. Mit einer Verbeugung lädt er mich ein, Platz zu nehmen. Würdevoll lächelnd bereitet er ein Formblatt vor und ruft die passende Seite auf dem Bildschirm auf. Das dauert und ich bin fasziniert. Schließlich setzt er einen Stempel und seine Unterschrift unter die Papiere. Auch ich bereite unseren EOS-Schiffsstempel vor und ziere die Papiere ebenso. Mit einem Handschlag überreicht er mir die Unterlagen. Ein Erlebnis der besonderen, einfachen Art. Auch Beamtenstuben haben etwas zu bieten. Am Ufer steht  die Kilometerzahl „0“. Im Laufe der Zeit hat sich die Donau aber immer weiter ins Schwarze Meer vorgeschoben. Diese letzten Seemeilen nehmen wir am 8. September 2014 ganz früh am Morgen unter den Kiel. Als roter Ball steigt die Sonne hoch. Kurz vor der Mündung zeigt sich beim Leuchtturm unser erster und einziger Pelikan. Und dann: Das Wasser beginnt zu pulsieren! Die Meeresdünung erreicht uns. Wir haben das Schwarzen Meer nach 2500 km und 80 Tagen erreicht. Brandung, Seegang, Salzwasser, Meer.- und 3 Delphine!

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„Ich blicke zurück“. Es folgen noch:

  • Vom Schwarzen Meer nach Korfu
  • Von Korfu zur Rhônemündung
  • Von der Rhônemündung zum Bodensee

124 Eos fliegt – am Kran

Gerdi am 24. Okt.2016

Unser letzter Tag am Schiff. Noch einmal sich waschen mit der kleinen Schüssel, noch einmal den Petroleumkocher rauschen  hören beim Kaffeekochen, noch einmal Frühstück am Salontisch-heute am Geburtstag mit Kerze und Aquarell (EOS im Fluß mit Graureiher:-) Ich male immer am Ende eines Törns ein Bild…

Noch ist es dunkel, der Regen hat nachgelassen, unser nasses Ölzeug hängt in der Kajüte… Um 7 ruft der Transporteur an, er steht vorm Tor… Ölzeug an, Rucksäcke raus, … Dann kommt der Kran, ein fachkundiger Syrer ist bei den Fachleuten dabei…. Und schon bald schwebt die EOS aus dem Fluß, am Kiel tropfen Wassertränen, als würde sie weinen….

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Skipper Gerhard noch 1x an Bord

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Fast dramatisch der Himmel… bald geht die Sonne auf, es regnet….

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Bootstransporte Wurst, Konstanz, ein 1-Mann-Betrieb+ Gattin

Als sie auf den Sattelschlepper gesenkt wird, kann man die Schäden am „gerupften“ Kiel betrachten. Die Kanäle hatten 1,80 m , aber die Felsen im teilweise flacheren Doubs haben ihn arg geschrammt, das Geräusch vergesse ich nie mehr… Kann repariert werden! Der Rumpf hat kaum Bewuchs! Die Meeresmuscheln sind wohl im Süßwasser abgestorben und abgefallen in der Rhône.

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aalglatt der Rumpf

Eos wird fest verzurrt, wir bezahlen den Kran, ein Taxi bringt uns zum Bahnhof in Mulhouse, die Rucksäcke haben ihre bunte Regenhaut übergestreift bekommen… Wer schafft es schneller nach Friedrichshafen? Der LKW mit Start um 10.30 oder wir mit dem Zug ab 11.19 Uhr via Basel und Badischer Bahnhof?

Ich nehm in FN den Bus um 14.57 nach Eriskirch-Schlatt, Gh. erwischt den Zug zum Hafenbahnhof. Und als er dort ankommt, schwimmt unsere EOS schon im Bodensee!!! Der Motor springt zäh an, Gh. kann sie aber die paar Meter zum Steg fahren. Ich kaufe beim Heimlaufen eine erste schwäbische Breze für Gh und Obstkuchen zum Kaffee. Der Neubau der Schulerweiterung ist wirklich schön geworden, die Mensa luftig und hell. Alles aus Glas zum Innenhof (mit jetzt rotem Ahornbaum) und freiem Blick auf den Fußballplatz.Gemütlich ist es daheim, R., die liebe Haushüterin,  hat die Heizung aufgedreht. Ich hole meine Pflanzen vom Treppenhausgeländer, lüfte alle Zimmer, packe die 2 Rucksäcke aus, packe  neu für die Zugreise nach Augsburg, lege die Rumbakugeln für E. bereit… Etwas wehmütig ist mir ums Herz… 6 Jahre auf dem Boot, zuletzt 3 Jahre von Regensburg ins Schwarze Meer, die Ägäis.. . Italien…. Messina… und alles bis Frankreich und heim…. fast 18000 km! Gh. läuft die 4 km heim, er schnuppert Riedwiesen, sieht die Berge, die Kirchen… Ich erwecke das Notebook am Schreibtisch mit festem Internet zum Leben und merke, daß die PC-Mouse am Schiff blieb. Dann lese ich einige Tageszeitungen querbeet, die seit 7. Okt. schon kamen! Peu à peu heimkommen… Anrufe erledigen, den Enkel anschaun, so nett… Nach 6 Jahren Törn mit fast 18000 km auf dem Meer und Fluß ist das normale Leben noch nicht Routine… Es gibt Spaghetti mit griechischem Olivenöl und Parmigiano aus Sizilien. Ein Glas Sekt zum Anstoßen auf den Geburtstag. Ich kann nicht schlafen… das Schaukeln fehlt mir, es ist ungewohnt warm nach den kalten Tagen zuletzt am Boot. Ich sprech ein Dankgebet… alles ging gut… _Der Regen trommelt seit Stunden auf die Dachflächenfenster… aber es läuft nicht mehr durchs Deck 🙂  Jetlag. Ein wenig Heimweh… Das vergeht. Wie die Sommerzeit, die nun gar nicht mehr passt!!

123 Reeegen, Batterie streikt, letzte km am Fluß

Gerdi schreibt am 23.Okt.2016 um 17 Uhr in Mulhouse

Es regnet ohne Unterlaß… Wir beide im Ölzeug. Gerhard zahlt die Hafengebühr, holt noch die Stromkabelrolle rein… Alles ist vorbereitet, als ich um 13.20 Uhr vorschlage: „Starte  doch sicherheitshalber mal den Motor, damit wir auch pünktlich um 2 an der Schleuse Nr. 41 sind…“…. Und da macht der Motor 1 kurzen müden Mucks, aber er springt nicht an. Nochmal, und nun KEINEN Muckser…
Gerhard versucht mit allen Finessen eines ehem. Elektroingenieurs nun die 2. Batterie (Bordstrom) an den Motor anzuschließen. Ohne Erfolg. Beide Bosch-Batterien zeigen gute Spannung, aber sie liefern leider nicht die erforderliche Leistung zum Motorstart. Unser erst 150 Stunden „alter“( neuer) VOLVO bleibt stumm. Wir sagen dem Schleusenmann Bescheid. Wir können nicht … nicht jetzt! „Jaja, schon gut…“ Ich versinke im Gebet: „Lieber Gott, noch einmal bitte ich dich um ein kleines Wunder. Nur du kannst uns helfen…!“
Im Hafen Mittagsruhe, Stille, alles schläft. Gh läuft am Ponton zu dem (nur französisch sprechenden einzigen) Segler, klopft ans Kajütdach. Er kommt raus, er versteht, er baut seine eigne Schiffsbsatterie aus,  er schleppt die Batterie zur EOS, der Hafenmeister bringt ein Starterkabel, Gh. verbindet die fremde mit unsrer Batterie… und dann kommt der große Moment: „Starte mal den Motor!“ Ein braver Rumpler und der Volvo tuckert los…. Jetzt nur nicht absterben lassen. Großes Dankeschön an die 2 nassen Helfer am Steg. „Adieu. Gute Reise. Au revoir…“Handküßchen fliegen hin und her. 2 Tafeln Schokolade als Dank folgen, schon haben sie die Leinen gelöst… Kurzer Anruf bei der Schleuse: „Hier EOS. Wir kommen!!“ Und dann fahre ich die EOS rückwärts aus der letzten Parklücke eines Hafens in diesen 3 Jahren Törn… Unter 2 Brücken durch, schon sehe ich das rote Licht, innen blinkt schon das weiß-orangene Vorbereitungssignal der Schleuse, und dann GRÜN, die Kammer war schon vorbereitet und ist voll Wasser, ich kann gleich hineinfahren. Ein letztes Mal die Leinen oben an den Pollern rumlegen, das Schleusentor schließt, wir halten die EOS an den Vor- und Heckleinen locker, der Motor läuft weiter… Im strömenden Regen wechseln wir uns an der Pinne ab bei den ca. 3 km zum Kai „Napoleon“… Fest machen, Fender verteilen, Stromkabel raus, Heizlüfter an… ( Ich hab Eisfüße, die Ölhose Jg. 2009 ist am Po undicht, die Jeans, die Öljacke ist pitschnass)… Dann baumelt bald alles an Kleiderbügeln und gespannten Schnüren im Salon. Ich koche heißen Earlgrey-Tee, stell Rum, Blumen, Baguette , Butter und 2 Croissants auf den Tisch und außer dem aufs Dach trommelnden Regen ist alles fast normal…
Sehr viel Dankbarkeit durchströmt mich warm… „Ja, mit Gottes Hilfe“ und nur nie verzweifeln oder die Nerven verlieren. Vertrauen. Auf Gott. Auf Gerhard. Auf die Mitmenschen.
Zum letzten Abendessen am Schiff koche ich eine feine Tomaten-Paprika-Soße und es gibt, was selten genug war, Spaghetti:  mit Parmesan aus Sizilien (gekauft bei den netten Sizilianern in Dôle). Unter meinen Füßen liegt die Wärmflasche, seit ich Kind war die beste Methode, wieder warm zu werden. Noch eine Nacht im Schiff… aufstehn um 6. EOS verladen…. Im Taxi zum Bahnhof Mulhouse, mit dem Zug via Basel nach FN. Das Auto holen wir am Donnerstag, Mittwoch besuchen wir unser Enkelkind in Augsburg!!! 🙂

Danke an Euch Leser unsres Blogs. Danke für Eure Treue. Es war unser 6. Jahr mit Blogschreiben, mir hat die tägliche „Hausaufgabe“ am Computer gefallen…

Hier Gerhards Flickr-Album: Klick

www.flickr.com/photos/gerhards/albums/72157674371415560

122 Mulhouse Kultur: Vokalensemble, Textildruckmuseum, Indisch essen

Nachdem wir gestern fast alles am Schiff für den LKW-Transport erledigt hatten und am Abend ganz lieben Besuch aus Basel hatten, konnten wir heute,nach 3° kalter Nacht, entspannt in die Stadt laufen. Die Sonne schien, kein Nebel, unter der Brücke flitzten die Bisamratten im Wasser, die gefüttert wurden. Wir streiften durch die Gassen der Altstadt, ab 11 lebhaft vom Shopping-Publikum an einem Samstag!

Am Café République scheint warm die Morgensonne auf die Sitze, wir nehmen Platz und können Schal und Anorak ausziehn zu einem Espresso. Amüsiert lese ich wieder die Straßen-Namen auf elsäßisch – originell. Wilhelm Tell heißt hier Guillaume. Das Rathaus ist rosa, die Sprossenfenster an den schöen Häusern gefallen mir ebenso gut wie das Schaukelpferd am Karussell von 1900!

Da uns in Augsburg das Textilmuseum begeistert hat, gehn wir auchh hier in das Musée d’étoffes et impressions. Wunderschön die Blumenmuster der alten Zeit. Arbeitsaufwendig die geschnitzen Druckstöcke aus Holz! Ein Reich der chemischen Wunderwerke die Farbenherstellung!

Die große mehrtürmige reformierte Kirche St. Étienne bietet jeden Samstag ein Konzert an, kostenlos. Ein A capella-Chor aus Basel war angekündigt, der www.kammerchor-notabene.ch

Wir sind erstaunt: die Kirchenbänke sind voll besetzt! Der 25köpfige Chor (11 Männerstimmen!) singt v.a. zeitgenössische Werke und einen Monteverdi. Danach bummeln wir noch in die Henriette gass und kehren ein im indischen Lokal Le Tajmahal! Tandoori Hühnerbrust und Lamm+Reis aus dem Wok. Dazu die traurig klingende Musik der Cita, dem Streichinstrument mit 1-3 Saiten…

Am Schiff ist es kalt, 11° im Bug… Wir lassen den radiateur soufflant noch laufen und füttern den PC mit den letzten Erlebnissen von Mulhouse. Morgen am Sonntag geht’s mittags durch die letzte Schleuse und zum Kran-Kai…

121 Großputz und Mast sichern für LKW-Transport…

Gerdi am 23.Okt.:

Heute startete der Großputz nach einem schönen Frühstück mit Blumen am Tisch, frischer Tischdecke, Heizlüfter. Meine neue katzenfellweiche Decke wärmte mich nachts wunderbar.   Gh. legte den Mast an Deck LKW-passend tiefer, montierte die Solarzelle ab, verstaute Beiboot, Großbaum, Spinnaker anders usw. Ich nahm mir die Zahnbürste, einen weichen Lappen und Schmierseifenlauge vor: 100 Knöpfe in ihren Lederfältchen bürsten, denn da sitzt Salz vom Meer und feinster Sand und Staub im dunkelblauen Leder der Sofa-Lehnen…

Dann den Teppich fegen und abreiben, Mahagoniböden wischen, staubwischen auf Bilderrahmen, Messinglampen, Bücherbord usw., Küchenvorräte prüfen, in Dosen verstauen, Spülplatz grundreinigen, Gläser polieren, Edelstahltöpfe entkalken,…  Schön ist unsre EOS wieder!! Aber auf die Reha in der Werft muß sie noch warten: am Montag kommt sie nach Konstanz,(vielleicht auch gleich nach FN, wenn es vor 17 Uhr ist….). An Ghs 69. Geburtstag ist er ohne Boot!

Am Dienstag wird sie an unsrem Club-Kran in FN in den Bodensee gekrant, dort muß sie im Hafen 10 Tage warten, denn unser Werftmann hatte vor 2. Nov. keinen Sliptermin frei. Der Sattelschlepperfahrer wagt es nicht, durch die sehr engen Kurven in Seemoos runter zu fahren… Auch recht, dann räumen wir alles in FN aus und verladen das ins Auto… und Gh. kann am Mittwoch gleich sein obligatorischen Weißwurstessen an Bord mit den Freunden genießen.

Morgen wird unser Großer 35. … Und wieder einmal sind wir auf dem Wasser mit dem Schiff….

Schon hier herzlichen Glückwunsch.

Tipp: Klick auf das 1. Foto, dann erscheint die Bild-Schau.

119 Mulhouse, am Ziel einer langen Reise

Gerdi am 19. und 20.Okt.:

Wir sind am Ziel angekommen. Eine lange Reise hat ihr Ende (fast) gefunden.

153. Tag seit Korfu im Mai. 28. Flußtag…

Wir sind sehr dankbar, erfüllt von Erinnerungen, Abenteuern, traumhaften schönen Tagen, unbeschreiblichen sternklaren Nächten auf dem Meer, herrliche Ankerbuchten, viel Wind- wochenlang- bis Messina, tropenheiße Zeiten, das unterschiedliche Leben und Essen der Regionen,… die Ruhe im Fluß, der Wandel der Jahreszeiten…

Wir werden erst daheim alles verarbeiten in Herz, Kopf und Seele, all die fremden Stationen wie Albanien,  die so vom starken Wind beherrschten Strecken zwischen Ericousa und Apulien, das viele eindringende Salzwasser im Schiff, die leckeren Spezialitäten in Kalabrien, die täglich über 40° kletternden Temperaturen, Palermo mit seinen Gegensätzen, die 4 Wochen Segeln mit der Männercrew bis Nizza. Meine Rückkehr dorthin mit der erneuten Segelfreude, all die Küstenorte der Côte d’Azur…Der meuternde altersschwache Volvo, der bläuliche Rauch am Auspuff, der ganz neue Motor in Bandol, Marseille, Mastlegen mit dem Kran in St.Louis …und dann die 90 Tage am Fluß und im Kanal, das Aufsitzen auf den Felsen am Doubs, die konzentrierte Steuerarbeit genau nach Karte… Die schönen schon herbstlichen Städte der Provence! Das überraschende Lyon, Dôle,die immer engeren Kanäle… auch hier nur 0,5 m WT unterm Kiel… und auch weniger. Wir durften so viele nette Menschen kennen lernen. Edle Motoryachten, auf denen Schweizer monatelang mit jedem Komfort leben wie Dusche, Heizung, Tk-Truhe, Pedelec, aber auch eine winzige kleine Holzyacht aus Amsterdam… Immer wieder gab man sich wertvolle Tipps… Zuletzt begleiteten uns VNF-Mitarbeiter- und einer erinnerte mich so sehr an  meinen Großvater Paul Schaaf…Das Gesicht, die Sprache,…

 

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Heute sind wir nach fast 15 Schleusen glücklich in Mulhouse angekommen.

Gott sei Dank für alle Bewahrung… Ich danke auch meinem Mann, daß er mir immer genug zutraute, mir Mut machte, wenn ich am Verzagen war, wenn die EOS auf Grund fest saß… Er hatte immer Ideen, sie frei zu bekommen, mit Ankerwinsch und Muskelkraft im Beiboot, wenn ich betend im Cockpit saß und um ihn bangte.

Es hat geregnet am letzten Tag, alles im Ölzeug, mit Gummistiefeln und Wollmütze, wie richtige Fährleute eben. Ich füge nun die Bilder an von den letzten Kilometern, wo uns auch wieder der farbenprächtige türkis leuchtende Eisvogel begleitete und so viele Graureiher vor uns aufflogen… Wunder der Natur.

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Am Abend suchten wir noch einen Waschsalon auf und wuschen und trockneten die Wäsche. In einem urgemütlichen Alt-Elsässer Lokal (Vinstub Henriette) ließen wir uns ur-deutsche Gerichte wie bei der Großmutter schmecken, ich ein Schäufele gepökelt, Gerhard eine Art Maultaschen mit Bratkartoffeln.

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Heute am Donnerstag fuhr uns ein Taxi die ca. 9 km zu dem Ort, wo der Kran die EOS am Montg aus dem Wasser heben wird. Auch besichtigten wir  die Anlegestelle, hinter unserer letzten Schleuse Nr. 41 ( Nr. 42 Niffer führt nur noch in den Rhein), um am Sonntagnachmittag alles vorzufinden, auch Strom für den Heizlüfter ließen wir uns am Kai reservieren.  Montagmorgen 8.30 Kranen und Aufladen auf den Sattelschlepper , wir mit dem Zug heim via Basel nach Friedrichshafen.

Zu Fuß liefen wir fast 2 Stunden zurück nach Mulhouse, wo ich eine deftige Reissuppe in Hühnerbrühe kochte, denn es war kalt, als Gh. m it einem kräftigen Helfer den schweren Mast tiefer legte, indem er die beiden gekreuzten Maststützen  absägte und für den Sattelschlepper anpasste. In der Stadt entdeckten wir einen entzückenden Kinder-Laden. Endlich bekam ich für EMIL zwei bunte Rumba-Rasseln. Die warme Kuscheldecke aus dem nahen Geschäft ist mein Souvenir dieses Törns:

Am Abend gab’s Bratkartoffeln mit Elsässer Mettwurst….zum Schnurren des Heizlüfters, der hier „Chauffage Souffleur“ heißt:-)