GERDI’s Stimmungsbild von der BOUFALO BAY, im südl.Drittel von Euböa3.-4.-5-Oktober 2009
Seit langem mal wieder RegenDunkelgraue Regenwolken hingen schwer und nass über den Hügeln, als wir früh nach schaukeliger Nacht im großen Rund der Bucht von Ertreia in vollem Ölzeug und Gummistiefeln lossegeln. Nach 4 Monaten Nordwind haben wir Südwind! Also erneut gegenan, Wind von vorn, Welle auch. Den Seegang würden die Italiener mit „molto rumoroso“ umschreiben – heftige kabbelige beschäumte Wellen, die spitze Gipfel bilden und gegen die Bordwand knallen, die Eos von einer auf die andre Seite schleudern. Tapfer sucht sich die EOS ihren Weg, mal mit gerefftem Vorsegel, mal ohne, der Wind 4 kommt genau von vorn.Dann ein kurzer Schlag unter mir, die Schraube? Der Motor bringt nur gebremste Kraft. Sicher ein Seil oder Fischernetz, das sich verfangen hat. Gerhard tauchte im Hafen und säbelte ein Knäuel aus 6 verschiedenen Seilen vom Propeller.Wir biegen nach backbord um das Kap. Gischtiges Gewell, Fallböen, und dann?Einladend und friedlich empfängt uns die geschützte Bucht, die in der Seekarte Boufalo Bay heißt!
Windflügler auf dem BergkammGrüne Hügel, Olivenbäume den Hang hoch, unzählige fleißige Windflügler auf den Kämmen der Berge, ein paar Häuser, eine Kinderschaukel, ein einsames deutsches Wohnmobil, etliche neuere Ferienwohnungen, ein fast runder Naturhafen ohne Kai, einige Kaiken der Fischer: hellblau bemalte Holzboote nach traditioneller Bauart, ca. 9-10 m lang und bauchig, gebaut genau für die Spezies Wellen der hiesigen griechischen See. Am Ufer spielen kleine Kinder mit der Oma, die „Yaya“ passt auf, wenn das rote Bobbycar-Auto polternd Richtung Meer rollt: “Si’gà! Si’gà!“ Langsam, Alessandro!Die älteren Geschwister sind in der Schule, seit 11.September. Eines der kleineren Boote heißt Eirini – Irene = Frieden. Und so fühlt sich auch unser Ankertag an.
Und langsam bricht die Nacht hereinWir wandern den Hügel hoch. Gegen 17 Uhr ballen sich die Wolken zu malerischen Schaumgebilden, türmen sich fotogen über den Inselkuppen. Ich fixiere dieses Schauspiel mit meiner kleinen Canon Camera, 9 mal, wunderschön!Als die Sonnenstrahlen schräg hinter den Cumuli ihren geometrisch direkten Weg zum Meer finden, sieht es aus wie auf alten Gebetsbildchen und spontan singe ich Abendlieder. Zeit zum Nachdenken. Heute vor 21 Jahren lag ich schon 3 Tage in den Wehen mit unserem 3.Kind. Dankbarkeit wärmt mein Mutterherz. Auch Stolz, ja.Abends gibt es Linsen. Da ich sie schon früh am Morgen vorgekocht habe, schmecken sie besonders würzig und wir können sogar im Cockpit speisen, kein Wind, keine Fallböen stören die Abendruhe.Am nächsten Morgen wandern wir beide über die Hügel zum nächsten Dorf. Unter uns breitet sich ein weites Tal aus, brettl-eben sagt der Bayer. Eine Talsohle voller Felder und Olivenhaine, eine Kapelle, Glöckchen bimmeln, Ziegen, Schafe. Es sieht aus, als wäre da früher Sumpfland gewesen.Die Vermutung bestätigt sich, als wir im nächsten Dorf an einem der 3 kleinen Tische neben dem Tante-Emma-Laden Platz nehmen auf ein Bier. Einer der Männer spricht Englisch, ist Aufseher in der Fischzucht. Er berichtet, dass es im moorigen flachen Tal früher große Büffelherden, boufalo auf griechisch, gab. Man trieb sie in unsere Ankerbucht und verfrachtete sie auf Schiffe. Daher der Name! Der Mann lädt uns zu seiner Hochzeit im Juli 2010 ein, eine richtig große Dorfhochzeit, mit Musikanten, Tanz, gutem Essen. Dabei zeigt er mit der Geste des Würgegriffs am Hals, dass er ab dann ein Gefangener in der Ehe ist. Ich mach ihm Mut.Das Dorf strömt jene Behaglichkeit und Anspruchslosigkeit aus, die unsere Dörfer oft verloren haben: Trauben reifen an den Weinlauben, Löwenmäulchen blühen gelb und rosa, die letzten Rosen leuchten am Zaun. Eine Frau füttert ihre 25 Hühner, alle in einer Reihe hinter ihr her. Schafe recken ihre wolligen Hälse und beäugen uns, Katzen streichen um unsre Beine, in Käfigen zwitschern kleine Singvögel, die Hofhunde geben Laut, wenn wir vorbei laufen. Und dann erkenne ich den Geruch aus meiner Kindheit bei der Oma in Leutershausen: Schweinekoben irgendwo hinterm Wohnhaus.Durch die Abendsonne wandern wir zurück, paddeln mit dem Schlauchboot zur EOS, baden bei +24° Wassertemperatur. Gerhard grillt am Heck-Grill die 3 Fische, die ihm ein Fischer geschenkt hat nach der Bergtour bei Sonnenaufgang. Und ich bereite aus den letzten 2 großen Kartoffeln einen fränkischen Kartoffelsalat zu.
Gerdis Musik tönt in die NachtIm traulichen Schein der Petroleumlampe lese ich mein Buch des türkischen Literatur-Nobelpreisträgers Orhan Pamuk. Es steckt in der Buchhülle, die Inge mir mal genäht hat und vorne hat sie einen Dampfer draufgestickt. Eine liebenswerte Erinnerung…Draußen ist Vollmond. Der 5. auf meiner Segelreise! Er hat das Mondgesicht aber waagrecht, also die 2 Augen rechts senkrecht übereinander. Mild fällt der Lichtschein der großen 100 Jahre alten Ankerlaterne am Heck ins Cockpit. Wir gehen früh schlafen, um Strom zu sparen.Am neuen Morgen segeln wir mit gerefftem Vorsegel bei 4-5 bft in die Petali Bucht und ankern vor Trivila, die Düsenflugzeuge vom Athener Flughafen fliegen nah über uns und wecken Gedanken ans Heimkehren an den Bodensee. Wir erkundigen uns mal nach Busverbindung Kylada/Patras und nach einer Minoan Fähre Ende Oktober. Mit Kabine.GerhardDer BergskipperSegler sehen die Welt meist aus der Froschperspektive. Aus 2 Meter Höhe ist die Sicht doch sehr begrenzt. Alle Berge sind hoch und nur von unten nach oben zu sehen. Darum muss auch der Segler gelegentlich das Ufer verlassen und in die Höhe steigen.
Boufalobay, Die Welt von obenBoufalobay: Der Tag ist noch nicht angebrochen und ich laufe die Asphaltstrasse landeinwärts. Ich zweige dann auf einen Schotterweg ab, der sich meinen Zielberg &ndash
;sein Name ist mir nicht bekannt, seine Höhe auch nicht- hochzieht. Grau löst im Osten das nächtliche Schwarz ab und der Weg endet nach kurzer Zeit an einem Wasserbehälter. Ich wähle die direkte Richtung zum Gipfel durch niederes Gestrüpp auf felsigem Grund. Je höher ich steige um so interessanter wird die Gegend, die sich aus der Nacht schält. Überall Berge, dahinter das Meer und noch weiter das griechische Festland. Dazwischen unsere kleine, schnuckelige Ankerbucht. EOS ist als Punkt zu sehen. Am Gipfel angekommen, steigt gerade die Sonne über die Meereskante um gleich wieder hinter einer Wolkenwand zu verschwinden. Die kleinen Sporaden sind nördlich im Dunst zu erkennen, die Insel Andros im Süden. Es ist eine schöne, buchtenreiche Gegend, die wir bereisen. Jetzt erst erkennt man die Weite eines Landes und man denkt an die elektronische Reise in Google Earth.
Starker GegenwindDer Gipfel und die benachbarten Bergkämme sind mit Windflüglern bestückt. Ich zähle 170 dieser Energiemaschinen. Sie bewegen sich nicht an diesem ruhigen Morgen. An jedem dieser Geräte steht ein Transformator und eine 20.000Volt Freileitung führt den Berg hinab. Energie aus der Natur, wie unsere Solarzelle am Schiff, nur hat die 24 Volt Spannung.Stundenlang könnte man von hier in die Tiefe sehen, aber das Frühstück lockt. Ich wähle den direkten Abstieg durch Stachel und Dorn, kaufe im Dorf noch etwas ein und als ich mit dem Schlauchboot wieder zur EOS zurückrudere, hat Gerdi den Tisch schon gedeckt….und die Bilder:
Die Ägäis hat uns viel Wind beschert, als wir nördliche Kurse fuhren. Jetzt steuern wir südwärts und nicht mehr auf dem „offenen“ Meer, sondern zwischen dem griechischen Festland und der langen Insel Euböa durch. Diese Wasserstraße misst im nördlichen Teil nicht mehr als 10km in der Breite. Der Wind schiebt uns mit mäßiger Kraft, Steuerarbeit übernimmt der Autopilot. Das schmale geschützte Gewässer, die bewachsenen bergigen Ufer erinnern an unseren Bodensee. Unser erster Ankerplatz liegt am Eingang der Orei- Straße, etwa auf 38° 10´Nord und 23°05´Ost (für diejenigen, die in Google Earth nachsehen). Der Wind pfeift uns hier sein Abschiedslied, das Grillfeuer an EOS` Heck ist ein Funkenregen achteraus.
Am Morgen verlassen unseren Anker die Haltekräfte und EOS geht auf Wanderschaft. Wir ankern noch mal kurz fürs Frühstück. Der Himmel hält sich bedeckt, sendet aber nochmals Rückenwind in passabler Stärke. Wir haben es nicht mehr eilig und lassen den Anker bereits nach 20 Seemeilen an einem Kap fallen. Die Wasserstraße knickt hier um 100° nach Osten und genau gegenüber erstreckt sich noch eine riesige Bucht. Wenn man sich einen Seestern mit 3 Armen vorstellt, liegen wir in dessen Mitte. Gerdi kocht im Wok Reisfleisch mit Paprikagemüse, türkisch mit Chili, Nelken und Kreuzkümmel gewürzt.
Wir liegen ganz ruhig – bis 2 Uhr nachts – dann weht der Wind auflandig und ich wecke Gerdi. Wir verlassen den Platz und manövrieren uns vorsichtig in den Schutz einiger Inseln zum Ankern. Das ist etwas knifflig, da einige Riffe den direkten Weg verhindern. Gerdi steuert und ich suche mit Seekarte, Leuchtfeuer und den Uferlichtern gegenüber einen Ankerplatz. Zur zusätzlichen Absicherung hängen wir die große Ankerlaterne ins Heck. Es ist stockdunkel, ohne Mond. Als ich am Morgen die Lage sondiere, liegen wir genau richtig. Der Himmel sendet noch einen Schauer, dann lichtet er sich und die Sonne scheint wieder. Angenehm segeln wir zwischen den Ufern und machen im Hafen von Scala Atalantis fest. Den Häusern und Tavernen nach zu urteilen ist das ein beliebter Ferienort. Jetzt sind wir aber vermutlich die einzigen Gäste. Herbstliche Endzeitstimmung, klare Sicht und über allem liegt eine seltene Ruhe. Ich habe den Eindruck, als gingen die Uhren langsamer. Die Ufer sind fruchtbar, die Hänge bewaldet und nicht so kahl wie die südlichen Inseln der Ägäis. Es gibt überall genügend Wasser, alles ist grün. Die felsigen Berge erheben sich an den Ufern bis über 1000 Meter. Eine sehr angenehme Landschaft! Mit Genuss lassen wir uns von der EOS südostwärts tragen, lesen und sehen zu wie die Ufer wandern. Es gibt wenig zu tun. Mittags gibt´s Salat, nachmittags trinken wir Kaffee und abends kocht Gerdi einen Gemüseeintopf. Diesmal im kleinen Fischerhafen von Politika. Dort finden wir zwischen den hölzernen hellblauen Kaiken der Fischer einen ruhigen Platz. Mit uns ist ein Lübecker Segler, der über die Biskaya ins Mittelmeer allein gesegelt ist und nun auf der letzten Etappe nach Thessaloniki unterwegs ins Winterlager ist. Sehr mutig!
Ab halbacht ist es schon dunkel. Im Finstern wandern wir noch ein paar Kilometer in den Ort zum Einkaufen.
Anderntags, noch bei Dunkelheit, kommen 2 große Fischerboote in den Hafen und übergeben lautstark den Fang an einen Lastwagen. Dann rötet sich der Himmel im Osten, und wird zu einem wolkenlosen Himmel. Ich kaufe Schollen bei einem heimgekehrten Fischer, nehme sie aus. Gerdi hübscht meine Frisur mit dem elektr. Haarschneider auf, wir frühstücken und lassen uns bei leichtem Halbwind der Meerenge bei Chalkida entgegen schieben. Dort steht eine niedere Brücke der Weiterfahrt im Wege. Sie wird nachts, je nach Gezeitenstrom, nach 24 Uhr geöffnet. Wir zahlen 18 Euro für die Passage und werden gebeten, ab 22 Uhr auf Kanal 12 erreichbar zu sein. Dann werden wir irgendwann zur Passage aufgefordert.
GERDI, Chalkida, letzter Tag im September….Mittags ist es noch angenehm warm! Im Bikini liege ich auf dem sonnigen Teakdeck in der Backbordrinne, am Rücken, und blicke den flinken Schwalben nach. Hoch fliegen sie, überm Mast und über unserem vom starken Wind der letzten 4 Monate zerfetzten halbierten SMCF-Clubwimpel. Die Leute auf der Promenade neben uns tragen alle lange Hosen, die haben wir seit Ende Mai nicht mehr getragen. Herbst. Auch hier. Mit der kleinen Canon digital Kamera bin ich auf die Pirsch gegangen und habe einige Motive eingefangen. Rosen in ihrer Pracht, goldgelbe Quitten, reifende Brombeeren, Trauben am Weinstock, die letzten großen Tomaten im welken Laub, Unkrautbüsche in voller Blüte – wie bei uns nach Ostern.
In den Tavernen sind nun die Sonnenschutzrollos hochgerollt, die vielen Stühle gruppieren sich leer um die Tische. Keine Rent-a-car-Autos mehr, viele leere vergeblich wartende Taxis. Nicht mal einen Briefkasten gibt es mehr, um die Geburtstagspost für unsere Erika auf die Reise zu schicken. Die englisch-sprechenden Kellner sind weg, die Bulgarin zuckt bedauernd die Schultern.In den hier im Euböa-Fjord so kleinen seichten Häfen schaukeln dicht an dicht nur noch himmelblaue Kaiken mit Bergen von gelben Fischernetzen. Die Fischer „häkeln“ neue hauchzarte Fangnetze an Leinen, ganz bedächtig, 3 Stunden, oder 4. Das Leben kann warten. Man hat Z e i t ….!Kiwitt! Kiwitt! Das waren Seeschwalben! Mit Gabelschwanz und sehr elegante Flugkünstler.. Ob sich in Deutschland nun schon die Zugvogel-Schwärme sammeln und auf den Abflug warten? Wir genießen den späten warmen Sommer und richten unsren Kurs nach Süden. Da wird es vielleicht noch wärmer. Baden geht noch gut, 23° hat das Meer. Draußen wird die Luft aber nicht mehr so richtig heiß. Hier die Fotos:
Nachtragen will ich, dass es in den Sporaden bleistiftdünne, 35 cm lange silbrige Fische gibt mit langen „Schnäbeln“ wie Sägen, abstehenden Krokodilsaugen. Beim Schnorcheln kommen sie auf 20 cm nah vor die Maske.Kormorane hetzten Fischschwärme, so dass sie aufflogen bei der Flucht, viele , wie kleine Vögelchen.Den alleine segelnden Skipper der neben uns ankernden Yacht „Sinai“ aus Tel Aviv luden wir zum Sundowner auf ein Glas Rotwein und Nüsse ein. Er erklärte uns, was das für eine „Tresortür“ sei im Spiegelheck, senkrecht am Schiffsende also. Es sei ein in 10 J. Arbeit selbstgebautes Schiff, und wenn Terroristen an Bord kommen, sei das der 2.Notausgang für den Skipper.
Am 22. September segeln wir , erneut bei hohen Wellen aber angenehm halbem Wind nur 3 ½ Std. an grünen Inselrücken entlang. Die Bucht Vassiliko empfängt uns zauberhaft, bewaldet, neue Ölbaumplantagen, 3 große hellblaue Kaiken, 3 Häuser mit Garten und 2 m hohen Zäunen. Nichts ist mehr gelb oder strohtrocken am Ufer, es sprießt allerorten grün und saftig. Gras, Klee, frische Pfefferminze, pralle Anissamen an den hohen Dolden, Tamarindenbeeren leuchtendrot, Granatäpfel sonnengereift.Wir wandern den Hügel hoch, den Eselspfad entlang. Oben das Haus des Hirten, daneben 16 Solarzellen im Modul groß wie eine Freiluft-Kinoleinwand. Tomaten in halbierten Wasserfässern unterm Aprikosenbaum.Ein atemberaubender Ausblick über die Bucht. Wie ein bayerischer See. Solch ein Ruhetag mit Landgang ist Balsam für die Seele.An Bord gibt es Spaghetti arrabiata mit in Olivenöl frittierten Knoblauchscheibchen.Nachts un-beschreiblich das Sternenmeer. „Mein“ Skorpion mit dem flackernden Antares, nun wieder der Mond als vanillegelbe Sichel. Und dann, neben mir, PLATSCH! Und noch mal. Nass werd ich. Schnaufffff, Pruuuust. Stöhn. Keuch. Eine Stunde lang. Wer oder was jagt uns da? Ein Seehund? Im nächsten Hafen erfahren wir’s: Es war tatsächlich ein Seehund monachus monachus.Eine Mönchsrobbe!! Eine Kolonie lebe im Refugiom auf der nahen Insel Piperi.PS: Als wir im touristisch aufstrebenden Alonnisos, wo wir nur zum Einkaufen kurz anlegen, ist unser 1. Logbuch vollgeschrieben. 98 Seiten Erlebnisse.Und hier die Bilder:
Ich bewunderte den tapferen Skipper, der stoisch diese wilde Seefahrt fast alleine meisterte, mal von meinem selbstgekochten aber kalten Auberginen-Zucchini-Tomate-Gemüse aß und den kalten Reis löffelte, sich im von links nach rechts gerissenen Schiffsinnern ein Glas gepumptes Wasser reichen ließ, vom stillen Ayvalik … Meine Wache bis um Mitternacht war fast gnädig gegen die, die für Gerhard folgte. Ich konnte bis Mitternacht noch mit gereffter Fock und doppelt gerefftem Groß per Windpilot steuern lassen und mich unter das schützende Segeltuchdach, die Sprayhood, verkriechen – im Ölzeug mit Gummistiefeln in eine Ecke des Cockpits verkrallt und an der Lifeline gesichert, die an der Schwimmweste hängt und an Deck in einem ums Schiff laufendem Stahlseil mit Karabiner eingeklinkt wird. Gerhard musste alles von Hand mit Männerkraft an der Pinne aussteuern, jede Welle, wohl 4 m hoch und wie Kreuzseen, sie waren die EOS heftig von links nach rechts, nie war eine gleichmäßige Krängung zu spüren, nur Turbulenz und Lärm.Wenn man so an einem stillen, ja beschaulichen schon rötlichen Abend vor Anker liegend so ad hoc lossegelt, ist schon anfangs die Angst noch dabei. Doch unsere Erfahrung, seit 1973, sagt doch wie eine innere Stimme: Das schaffen wir!Schon sonderbar, dass jeder „starke Wind“ und „irre Seegang“ irgendwann übertroffen wird, und gemeistert. Dieses mit 10 Metern in der Ägäis doch kleine Schiff bewundern wir inzwischen beide sehr, denn es schlägt sich wacker mit den doch schon 36 Jahren auf dem Buckel. Die EOS ist tapfer und zeigt immer wieder von Neuem, dass sie von den Schiffskonstrukteuren „zu größerem“ als Ostsee oder Bodensee geboren wurde. Selbst 4m hohe Wellen, kabbelige See und Starkwind stellt sie sich kraftvoll entgegen, manchmal denk ich, sie ist eine kämpferische, ja stolze Persönlichkeit. Gerhard refft sie freilich rechtzeitig und vorausschauend, bevor Segel reißen oder gar der Mast bricht. Wir beide bemühen uns um gute Seemannschaft, bewahren Ruhe, räumen sehr ordentlich all das seglerische Material auf, so dass jeder Handgriff von uns beiden getan werden kann und keine Unachtsamkeit die Sicherheit beeinträchtigt. Heute nacht aber war eine kleine Schiebetür in der Kombüse nicht ganz zu, die Schräglage bei 45° und der Schub der langen steilen Welle zu heftig, – und hopps, schon polterte eine Keramiktasse heraus und in die Spülschüssel, peng, da war der Henkel ab.
Wir lagen vor Anker in Sigri auf der Insel Lesbos. Wie immer blies der Wind stetig und kräftig aus Norden. Und was sagt der Internet Wetterbericht um 19 Uhr? Heute Nacht und morgen früh Bft 5-6, dann für die nächsten 5 Tage Bft 6-7. Also kurz entschlossen: Los und dem stärkeren Wind davonfahren.Ziel waren die kleinen Sporaden auf der westlichen Seite der Ägäis, 90 Meilen über See. Bis um 21 Uhr sind wir gemeinsam im Cockpit, dann Gerdi. Wind zunehmend. Um 12 sind die 2 gerefften Segel zu viel. Weiter nur mit 2fach gerefftem Groß.4 Uhr Früh: Es steht nur noch das 2 x gereffte Großsegel. Der Autopilot kann den Kurs nicht mehr halten, ich steure nach dem GPS, immer dem Bildschirmpfeil nach. Seit 1 Uhr geht das so. Gerdis Wache ist längst zu Ende. Sie liegt in der schaukelnden Backbord-Koje, ruht, aber schlafen kann man nicht. Das ganze Schiff ist von Geräuschen erfüllt. Draußen die Wellen, die gegen den Rumpf prasseln, drinnen ächzt und knarrt es an allen Ecken. Ich erwarte den Morgen und stelle mir ein gutes Sonntagsfrühstück mit Ei in einer ruhigen Bucht vor.Aber noch ist es stockdunkel und das Firmament strahlt ohne Mond. Außerhalb auf dem Wasser erkenne ich nur die brechenden Wellen, wenn sie aufs Schiff zurollen. Dann schiebt sich die Venus als hellster Stern und Morgenbote über den östlichen Horizont. Das Sternbild des Orion wandert immer höher. Um 5 Uhr der erste Schimmer des neuen Tages. Das tiefe Schwarz färbt sich im Osten zum dunklen Anthrazit. Bald müssen wir die unbewohnte und unbeleuchtete Insel Piperi südlich passieren. 2 mal unabhängig übertrage ich den Schiffsort vom GPS in die Seekarte, um nicht versehentlich auf diese Insel zu stoßen. Außerdem stelle ich den Tiefenalarm auf 130 Meter ein. Sollte er ansprechen, bleibt noch genug Zeit für Maßnahmen. 05:30 etwa: Der östliche Himmel nimmt ein helleres Anthrazit an.Im Norden wird der gerade Meereshorizont durch eine „Beule“ unterbrochen: Die Insel Piperi. Wir fahren genügend weit entfernt vorbei. EOS rast mit 6-7 Knoten und kleinster Besegelung dem Ziel entgegen. Um 6:15 Uhr kommt die Insel Kyra Panaghia als graue Masse in Sicht. Der Kurs stimmt. Wir halten auf die Südspitze zu. Jetzt entfaltet auch das Meer seine ganze Dramatik. Hohe Wellen wälzen sich auf uns zu, Eos wird emporgehoben und sinkt gleich wieder in ein tiefes Tal. Nur ganz selten bricht sich ein Wellenkamm an der Bordwand und greift über die EOS. Rundum besteht die Farbpallette nur aus weiß und dunkelgrau. Im Hintergrund die hohen Felsinseln, gleichfalls dunkelgrau. Es sind dramatisch schöne Minuten. Die Müdigkeit verfliegt. Das meiste ist geschafft. Um 06:30 etwa nimmt der Himmel die dunkelrote Morgenfarbe an, sie hellt sich immer mehr auf. Auch die nahen Inseln zeigen das Dunkelgrün des Bewuchses und das Braun und Grau der Felsen. Die Sterne sind bis auf die helle Venus verschwunden. Die Farbenpracht am Himmel wird gewaltig und bevor alles in ein helles Gelb übergeht, hebt sich die dunkelrote Sonne über das Meer.
Megali Vala, im frühen Morgenlicht nach der Überfahrt von LesvosUnser GPS hat uns richtig geführt. In Abdeckung der Insel werden die Brecher zu kleinen Wellen, der Wind lässt nach. Ich schlage im Seehandbuch die Karte der Ankerbucht auf, hole das restliche Großsegel runter. Gerdi und ich fahren die EOS in die türkisleuchtende Ankerbucht und einem guten Frühstück steht bald nichts mehr im Wege.PS:GERDI es gab frisch gepressten Orangensaft, weiches Ei, Rinderschinken, Schnittlauchkäse, Filterkaffee, Grüntee, Quitten- und Orangenmarmelade, frisches Weißbrot, Schafsjoghurt mit Zimtzucker und Mandeln von Cesme.
Beim Aufklaren in der Bucht Panagia, kleine Sporaden, leuchtete meine dunkelblaue Ölzeughose hinten hell. Die Naht war gerissen beim ruckartigen Hocken und Schleudern auf der Cockpitbank. War aber auch nur 5 mm tief Stoff eingenäht, unverzeihlich, bei solch einem Strapazierstück, Helly Hansen! Besser nicht in China nähen lassen. Bei der Kontrolle war Meerwasser ins Gebäckfach eingedrungen und in den Schrank. Naja, die Kekse waren in Blechdosen. Und die langen Hosen, Anoraks, Wolltroyer flatterten bald am Großbaum zum Trocknen. Die rostenden Kleiderbügelhaken umwickelte ich mit TesaTextil und die besseren Klamotten bekamen eine professionelle Schutzhülle aus neuen Müllbeuteln, oben ein Loch für den Haken, unten das Bindeband zugebunden. Auf zur nächsten Nachtfahrt „landunter“.
Nach einem wunderschönen Segeltag von Ayvalik, Türkei, nach Lesbos, Griechenland- mit sportlichen 4 bft halbem Wind und schöner Krängung – biegen wir an der Nordkante der Insel Lesbos ab und können endlich bequemer segeln als die Wochen vorher mit dem ewigen Nordwind. Nach 10 Stunden an meist kahlen Inselrücken entlang, vegetationslos, braun, öde – plötzlich Aufforstung, neue Häuser mit roten Ziegel-Walmdächern, das Dorf SIGRI.Leider ist der winzige flache Hafen voller Fischerboote und gar nicht für Segelboote gedacht, schon gar nicht bei dem strammen Wind. Also raus und ankern, unter einer wuchtigen Bastion am Meer, die uns Schutz vor dem auffrischenden Meltemi bietet, im Meer, 22°, herrlich. Landausflug. Sehr sauber die betonierten Gassen, üppig die Blumen in den Gärtchen. Im Fort nach den Regentagen frisches grünleuchtendes Gras, auch auf den Wegen sprießt es wie Kresse, gelbe Löwenzahnblüten strahlen, Schwarzäugige Susanne, die kleine Sonnenblumen wie Büsche, Dahlien in allen Farben, rote hohe Rosen blühen vor der griechisch-orthodoxen Kirche. Innen wunderbar gemalte Bilder, zauberhafte Männergesichter, ich hab sie fotografiert. 5 Kerzlein brennen nun, und die Bibel liegt geöffnet bereit. In einem kleinen Strandlokal essen wir einen Teller Sardinen, trinken ein Glas Retsina und griechischen Kaffee. Der Sohn erzählt uns, dass das Wrack der großen Segelyacht, die mit 60° Krängung auf den Felsen des Riffs liegt, erst 4 Jahre da sei. Russisch. Zu viel Wodka und – rumms.
Ein Wrack auf den Felsen des Riffs, ein Wodka-OpferJasmin duftet am Weg zum Museum des versteinerten Waldes von Lesbos, für den nach Vulkanausbruch hier verschütteten Palmenwald. 20 Mio. Jahre ist das her. Die Stämme haben einen neuen „Aggregatszustand“, chemisch nun Stein, wenn man sie aufschneidet und poliert, sieht das aus wie Edelstein, Tigerauge, Topas oder Rosenquarz. Ein erstaunlich interessantes Museum.Draußen erkennt man auch an den Dornbuschinseln ganz frische grüne Triebe. Es ist, als wäre Mitte September hier ein 2.Frühling ausgebrochen…Bei uns ist die Ruhe der Pflanzen im kalten Winter, hier wohl im glutheißen Sommerhalbjahr.Abends koche ich Auberginen-Zucchini-Tomate-Paprika-Gemüse, al dente, und dazu Reis und 2 erlesen gute Rindersteaks mit Pfeffer in der Pfanne. Als Dessert Honigmelone. Da wussten wir noch nicht, dass der nächste Tag zwecks 13 Stunden Starkwindsegelei mal ohne Abendbrot sein wird.Seglerglück und sportliches Abwettern liegen eben eng beisammen. Gut, wenn man dabei keinen Zeitdruck hat.